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Berührung hält uns gesund und glücklich

Warum die zunehmende Kontaktlosigkeit ein Problem sein kann – und was Abhilfe schafft - 22.01.2017 17:31 Uhr

Dicke Freunde - für jeden sichtbar durch die Umarmung. Kinder haben selten Scheu vor Berührung, Erwachsene sehr wohl. © Foto: ImagineGolf/istockphoto.com


Die Macht der Berührung ist groß. Wir sprechen sogar davon, dass uns ein Ereignis „berührt“ hat. Schütteln wir unserem Idol die Hand, scherzen wir, uns tagelang nicht mehr die Hand zu waschen. Sind wir Geschäftsleute, hängen wir uns im Büro eventuell Fotos davon auf, wie wir berühmten Persönlichkeiten die Hand geben. In Indien lebt eine Frau, die den ganzen Tag lang Menschen umarmt – zu Hunderttausenden pilgern sie zu Amma, weil sie sagen, bei der Umarmung fielen jahrelange Lasten von ihnen ab. In unserer christlichen Kultur empfangen wir den Segen eines Geistlichen oft durch Handauflegen, so wie die Bibel davon erzählt, dass Jesus durch Berührung heilte.

Berührung ist überlebenswichtig für uns. Aus furchtbaren Experimenten in den sechziger und siebziger Jahren wissen wir, dass Babys schlimmste Konsequenzen physischer und psychischer Art erleiden, wenn sie nicht berührt und gestreichelt werden, keinen Hautkontakt kennen. Nicht umsonst gibt es das so genannte „Bonding“: Nach der Geburt wird das Baby häufig dem Vater auf die nackte Brust gelegt, um über den Hautkontakt und Geruch eine Bindung herzustellen, die die Mutter natürlicherweise schon stärker hat. Dennoch wird diese Technik auch zwischen Mutter und Kind eingesetzt.

„Eine angenehme Berührung hat vier Qualitäten“, erklärt Körperarbeiter und Gründer von „Thai Yoga“ Tobias Frank aus Königswinter: „Achtsamkeit, Klarheit, Spüren und Hingabe“. Eine solche Berührung habe große Heilkraft und sei sehr entspannend. „Unsere westliche Kultur hat eine große Scheu vor Berührung, die außerhalb der Familie oder einer Partnerschaft vorkommt“, berichtet der 36-Jährige. Es sei bei Techniken wie dem Thai Yoga besonders wichtig, dass der Gebende klar und absichtslos arbeite – damit der Empfänger sich sicher fühlen kann, dass hinter der Berührung keine anderen, also sexuellen, Gedanken stecken. Dabei sei die von ihm praktizierte Technik sehr hilfreich: „Es wird kein Öl verwendet, der Empfänger bleibt angezogen.“ Das gebe große Sicherheit.

Tobias Frank bei einer Thai Yoga Sitzung, die selbst Depressionen lindern kann. © Foto: Benjamin Kurtz


Frank glaubt, dass unsere immer berührungslosere Gesellschaft die Fähigkeit zum Genuss verliere; viele Menschen machten schlichtweg keine regelmäßige Berührungs-Erfahrung mehr. Vor allem Singles leiden schwer unter teils jahrelanger Kontaktlosigkeit, was den Körper angeht.
Dabei ist unsere Haut als unser größtes Organ darauf ausgelegt, selbst feinste Berührungen wahrzunehmen. Oberflächensensoren senden empfangene Reize an unser Rückenmark, das Gehirn wertet aus, ob die Berührung angenehm ist. Die Hände sind also Außenstellen unseres Gehirns. Verschiedene Arten von Rezeptoren nehmen unterschiedliche Intensitäten von Berührung wahr: Die Meissner-Körperchen in den Fingerspitzen und Handflächen sind winzig klein und spüren hauchzarten Kontakt, die Merkel-Zellen an den Handinnenflächen nehmen anhaltende Berührung wahr, die Ruffini-Körperchen gibt es auch in Gelenken und Bändern, sie reagieren stark auf Massagen. „Massagen setzen Kuschelhormone frei, die nachweislich Depressionen vorbeugen und auch lindern können“, betont Frank.
In Metropolen wie New York City gibt es daher ein völlig neues Berufsbild: Die „professional cuddlers“, also professionelle Knuddler, die für 80 Dollar pro Stunde ins Haus kommen, um sich mit ihren Klienten aufs Sofa oder ins Bett zu legen und zu kuscheln. Das Geschäft läuft enorm gut. (Siehe Gewissensfrage unten links).

Auch Tobias Frank beschreibt, wie er mit Anfang 20 Tinnitus bekam, Yoga und Meditation ihm nicht nur mit dieser Erkrankung, sondern auch mit Schlafstörungen halfen. „Ich habe früher mindestens eine Stunde zum Einschlafen gebraucht, weil mir einfach so viele Dinge durch den Kopf gingen“, berichtet er. Von den aktiveren Bewegungsstilen kam er Jahr um Jahr den ruhigeren, passiveren Entspannungstechniken näher: Yin Yoga – und dann Thai Massage, die die Fähigkeit zum Loslassen deutlich verbessert. Nachdem er selber Ausbildungen zum Yogalehrer absolviert hatte, wandte sich Frank der Thai Massage zu. Seit fünf Jahren ist er mit „Thai Yoga“ selbstständig und bildet auch Thai Masseure aus. Mittlerweile ist er auch Buch-Autor. Sein Werk „Thai Yoga“ ist im Hans-Nietsch-Verlag erschienen.

Körpertherapeuten wissen, dass manuelle Behandlungen durchaus nicht nur verspannte Nacken lösen oder Rückenschmerzen lindern. Oft sind diese physischen Probleme der Ausdruck von zu viel Anspannung durch Stress oder unterdrückte Gefühle. Nicht nur bei Tobias Franks Kunden lösen sich daher Emotionen im Laufe der Behandlung, auch Physiotherapeuten berichten von Tränen, die fließen, wenn der Trapeziusmuskel bearbeitet wird.

„Viele Menschen sind einfach in ihrem Kopf, sie nehmen ihren Körper gar nicht mehr wahr. Meist fühlen sie ihn erst wieder, wenn etwas nicht funktioniert und schmerzt. Wenn sie sich dann auf Berührung einlassen, die ihnen Linderung und Heilung verschafft, kann das eine tief greifende emotionale und sogar spirituelle Erfahrung sein“, so Frank. Oft seien seine Behandlungen keine reinen Wellness-Massagen, es kämen durchaus Gefühle hoch wie Wut und Trauer, die jahrelang unterdrückt worden seien. Berührung könne Schichten aufbrechen und Verarbeitungsprozesse in Gang setzen.

Oft haben die positiven Effekte, die durch Botenstoffe im Gehirn ausgelöst werden, mit ganz simplen Informationen zu tun: Wärme und Weichheit. 2008 testeten Forscher der Universität von Colorado, ob es einen Unterschied macht, wenn Menschen vor einem Gespräch eine Tasse heißen Kaffee in der Hand hielten. In der Tat: Wer das hatte, bewertete seinen Gesprächspartner wesentlich großzügiger und fürsorglicher.


Lesen Sie am 30. Januar: Welches Essen für Geborgenheit sorgt. 

Isabel Strohschein

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