Mittwoch, 12.12.2018

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Bewahrer eines großen Firmen- und Familienerbes

Für Uta-Elisabeth und Klaus-Rüdiger Trott wurde der Nachlass der Spaeth’schen Maschinenfabrik unverhofft zur späten Lebensaufgabe - 04.09.2018 15:31 Uhr

Uta-Elisabeth Trott und Klaus-Rüdiger Trott mit Andreas Curtius, dem Kurator der Ausstellung „Kunst & Eisen“ im Stadtmuseum Fembohaus, vor den Porträts des Industriepioniers Johann Wilhelm Spaeth und seiner Frau Helene. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 14. Oktober. © Foto: Michael Matejka


54 Umzugskartons, vollgestopft mit Rechnungsbüchern, Besucher- und Arbeiterlisten, Alben, Heften, Tagebüchern – vieles davon halb verschimmelt und verdreckt – transportierte Klaus-Rüdiger Trott mit einem gemieteten Klein-Lkw an einem Tag im Jahr 2000 vom Anwesen in der Schultheißallee 30 in das Sandsteinhäuschen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Welchen Schatz er da geborgen hatte, konnten Trott und seine Frau Uta-Elisabeth, Ur-Ur-Urenkelin von Johann Wilhelm Spaeth, in dem Moment kaum ahnen.

Eifersüchtig über Kartons gewacht

Das Haus Nr. 30, einst zum Immobilienbesitz der Industriellenfamilie gehörend, während der NS-Zeit an die Stadt zwangsverkauft, im Krieg stark beschädigt und bis 1992 von Wolfgang Walter Hammerbacher, dem letzten Geschäftsführer der 1969 endgültig geschlossenen Firma, bewohnt, stand seit dessen Tod leer. Offenbar war er es auch, der das Familien- und Firmenarchiv dorthin gebracht hatte. Uta-Elisabeth Trott, seine Nichte, kann das nur vermuten. Doch erinnert sie sich, dass er eifersüchtig über die Kartons wachte, obwohl er keinerlei Interesse an der Erforschung ihres Inhalts gehabt habe.

Einst standen in der Schultheißallee drei Werkmeisterhäuser der Firma Spaeth, die anderen zwei wurden im Krieg jedoch durch Bombeneinschläge zerstört. Das verbliebene Gebäude ist die einzige Immobilie, die bis heute im Familienbesitz ist. © Fotos: Horst Linke


So moderte das Archiv noch mehrere Jahre nach seinem Tod vor sich hin, bis die Stadt das Haus an einen neuen Eigentümer verkaufte. Und Klaus-Rüdiger Trott, als renommierter Münchner Strahlenbiologe mit Lehrstuhl in London eigentlich mit ganz anderen Dingen befasst, zur Tat schritt und den erwähnten Lkw anmietete.

Da standen dann plötzlich die 54 Kartons in dem von ihm und seiner Frau nur als provisorisches Nürnberger Domizil gedachten ehemaligen Werkmeisterhaus der Spaeth’schen Fabrik. "Wir wollten damals nix wie weg hier. Wir hatten nur Schulden geerbt, und das Haus war dringend sanierungsbedürftig."

Doch dann investierten die Trotts 100 000 Euro in das einzige im Familienbesitz verbliebene Anwesen, ließen den Dachstuhl sichern, eine Heizung einbauen. Und gaben sich selbst die Antwort auf die von Uta-Elisabeth Trott im Nachwort ihrer jetzt neu aufgelegten Spaeth-Biografie gestellten Frage: "Was tut man, wenn man eines Tages und viel zu spät im Leben ein verloren geglaubtes Firmen- und Familienarchiv schließlich doch noch in die Hand bekommt?" – Man macht sich an die Arbeit.

Von dem Durcheinander an geschäftlichen und privaten Dokumenten, das sich den Trotts darbot – angesammelt über fünf Generationen und eine weit verzweigte Familiengeschichte hinweg –, kann sich der Außenstehende kaum eine Vorstellung machen. Da Johann Wilhelm Spaeth keine männlichen Erben hatte – und Töchter zu jener Zeit nicht als Nachfolger in Frage kamen –, übernahm die Firmenleitung nach Spaeths Tod 1854 dessen Schwiegersohn Johannes Falk. Unter seiner Ägide erlebte das am Dutzendteich angesiedelte Unternehmen eine weitere Blütezeit.

Erinnerung an den Großvater

Aus Falks Ehe mit der früh verstorbenen Susanne Friederike Spaeth gingen drei Töchter hervor, und so waren es erneut die Schwiegersöhne, Eduard Wilhelm Hammerbacher und Johann Baptist Kübl, die das Unternehmen weiterführten, gefolgt von Hammerbachers Sohn Otto, dem Großvater von Uta-Elisabeth Trott.

Fein säuberlich sind auf den Seiten dieses Geschäftsbüchleins die Firmenausgaben für den Monat Mai 1838 aufgelistet, darunter die Transportkosten für die Auslieferung von Waren an Kunden („23. Mai 2 Schlösser nach Lauf“), aber auch „für Verköstigung der Späth’schen Arbeiter“. © Foto: Horst Linke


An ihn und an die aufregenden gemeinsamen Besuche in der Gießerei hat die heute 82-Jährige noch lebhafte Erinnerungen. Aber sie weiß, durch die Erzählungen ihrer Mutter, auch von den vielen klugen Frauen der Familien. Dass sie und ihr Mann sich im Jahr 2000 an die Sicherung eines schier unübersehbaren Archivs gemacht haben, geschah so nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern auch aus Wertschätzung, Liebe und Respekt gegenüber den Menschen, die mit dieser Firmengeschichte verbunden sind.

Zu den ersten Aufgaben der beiden gehörte neben der Zuordnung der verschiedenen Dokumente die Transkribierung der in alter deutscher Schrift verfassten Briefe, Bücher, Hefte und Listen. Als Studienrätin für Englisch und Französisch und als Übersetzerin ihr Berufsleben lang mit Schrift befasst, war die Entzifferung der fast unleserlichen Handschriften für Uta-Elisabeth Trott vertrautes Terrain. Für die wissenschaftliche Erforschung des überreichen Materials gründeten die Trotts 2002 die Spaeth-Falk-Hammerbacher-Stiftung, dank derer die Firmengeschichte seit 2011 als Dissertation von Pascal Metzger vorliegt. Auch das Archiv befindet sich heute, verzeichnet und in der Datenbank erfasst, im Nürnberger Stadtarchiv und füllt 15 Regalmeter.

Persönliche Schätze

Einige sehr persönliche Dokumente bewahrt das Ehepaar Trott als kostbare Erinnerung bis heute bei sich:

Offen und voller Tatkraft wirkt Johann Wilhelm Spaeth auf dem Bildnis von 1839, das Johann Eggart zugeschrieben wird. Das Original gilt als verschollen, wurde vermutlich gestohlen, dem Ehepaar Trott blieb nur ein Foto. © Foto: Horst Linke


Darunter ein wunderschönes Poesiealbum von Charlotte Hammerbacher mit prachtvoll ausgeschmückten Seiten ihrer Verehrer; das "Ratsbierbüchlein" eines Vorfahren der Familie Hammerbacher, in dem dieser fein säuberlich seinen bescheidenen Bierkonsum im Jahr 1797 notiert hat; ein Tagebuch von Johannes Falk, das den Spaeth-Nachfolger als pfiffigen Erfinder und begabten Zeichner ausweist; oder ein Schulheft mit "Deutschen Aufsätzen" in mustergültiger Schönschrift von Helene Falk, der Urgroßmutter von Uta-Elisabeth Trott.

Die Kunstschätze der Familien befinden sich heute größtenteils als Leihgaben in verschiedenen Museen. Nach ihrem Tod, so haben die Trotts verfügt, werden die Porträts an die städtischen Kunstsammlungen gehen, die Landschaftsbilder sollen zugunsten der Stiftung versteigert werden. Damit die Erinnerung an eine große Firmengeschichte und die damit verbundenen Menschen weiter wachgehalten und gepflegt wird.

Pascal Metzger spricht in der Ausstellung im Fembohaus (Burgstr. 15) am 26. September um 18 Uhr über die Firmen- und Familiengeschichte; Führungen durch die Ausstellung am 16.9. und 14.10., jeweils 14 Uhr. 

REGINA URBAN

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