Mittwoch, 14.11.2018

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Bundesliga-Traum platzte abrupt

Seit Tuspo Nürnbergs Rückzug 1990 darbt der Männer-Handball in der Stadt - 19.01.2007

Auch alle Wurfkunst des jugoslawischen Nationalspielers Stjepan Obran - hier gegen die SG Wallau - half Tuspo 1988 nichts mehr, das Kapitel 1. Liga war beendet. Archiv-Foto: Liedel


Das Jahr 1982, Handball-WM der Männer in Deutschland - und Peter Stulle absolvierte während des Turniers der Weltbesten sieben seiner 31 Länderspiele für die deutsche Auswahl. Heimatverein des technisch versierten Mittelspielers: Tuspo Nürnberg, wenige Monate zuvor erstmals in der Vereinsgeschichte unter dem Trainerduo Gerd Stulle/Volker Schneller und vor allem dank intensiver Nachwuchsarbeit in die Bundesliga aufgestiegen.

Das Jahr 2007, wieder Handball-WM in Deutschland - aber Tuspo 1888, nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Zusammenschluss der Turngemeinde und der Freien Turnerschaft hervorgegangen, spielt schon seit knapp zwei Jahrzehnten keine Rolle mehr im Handball. Nur einer ist von damals noch dabei, der erst als Spieler und danach als Trainer der A-Jugend, die 1976 mit Peter Stulle und Ruppert Purucker deutscher Meister wurde, Anteil am Höhenflug bis in die Eliteklasse hatte: Helmut Schmelzle trainiert jetzt die «Erste», als Tabellenführer der Bezirksliga immerhin auf dem Weg in die Bezirksoberliga.

Namen, die in den 90ern, der Hochzeit der Tuspo-Handballer, Schlagzeilen machten, vergilben inzwischen im Vereins- oder in den Zeitungsarchiven. An die Nationalspieler Dragutin Makaric, Stjepan Obran (beide Jugoslawien), Alfred Kaluzinski (Polen) und Ewald Kolleth (Rumänien) oder die namhaften Trainer Milan Krstic, Velimir Kljaic, Jiri Vicha und Milan Lazarevic erinnert man sich allenfalls an Handballer-Stammtischen; vielleicht auch noch in Sportlerkreisen, die im Vorfeld der WM über das dynamische Spiel diskutieren und dabei auf die inzwischen längst überholten guten Tuspo-Zeiten kommen.

An einem führt dabei kein Weg vorbei: Arno Hamburger, von 1976 bis 1992 Vorsitzender an der Herrnhüttestraße. «Mich hat es gereizt, neben dem Fußball-Club mit seiner damaligen Fahrstuhl-Mannschaft eine zweite attraktive Sportart in Nürnberg zu etablieren», begründete er sein Engagement - und prompt glichen die Handballer die damalige Abstiegsbilanz des 1. FC Nürnberg (1969, 1979 und 1984) in rekordverdächtiger Zeit (1982, 1984 und 1987) aus, denn keines der Bundesliga-Gastspiele dauerte länger als eine Saison.

Beendet wurde dieses Nürnberg-interne Duell dann im Frühjahr 1990, als Hamburger nach drei Zweitliga-Jahren und sportlicher Stagnation bei immer höheren finanziellen Anforderungen abrupt einen Schlussstrich unter das Kapitel Leistungshandball bei Tuspo zog - «ein Schritt, den ich heute wieder genauso machen würde, denn eine andere Lösung gab es für mich nicht», wie er rückblickend feststellt mit dem für ihn wichtigen Zusatz, «dass niemand finanziell Schaden erlitten hat».

Nichts und niemand konnte ihn umstimmen; eine Entscheidung, die nicht nur in den Kreisen der aktiven Handballer überwiegend auf Unverständnis stieß, sondern für tiefgreifende Verärgerung und viele Austritte bei Tuspo sorgte. Laut Reiner Wagner, Hamburgers Nachfolger als Vorsitzender bis 2006, hat das «fast den Tod der Abteilung bedeutet». Eines allerdings schreibt er auch heute noch allen Kritikern Hamburgers ins Stammbuch: «Ohne ihn hätte es Bundesliga-Handball bei Tuspo nie gegeben, denn nur er war in der Lage, für den wirtschaftlichen Hintergrund zu sorgen.»

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet und ist der anfangs tief sitzende Frust der Erkenntnis gewichen, die sich auch Hamburger zu eigen gemacht hat: «Nicht alle Dinge sind zu erreichen, die man gerne hätte.» Dennoch spricht Gerd Stulle immer noch von einem «traurigen Ende, weil ich es für überzogen gehalten habe und sich der gesamte Handball in Nürnberg davon nicht mehr erholt hat». Zugleich aber bleibt der Höhenflug ihm als «aufrührerisch schöne Zeit» in Erinnerung. Und Gerhard Meder, der letzte Tuspo-Kapitän zu Zweitliga-Zeiten, ist nach wie vor der Meinung, dass zumindest in der Regionalliga hätte weitergespielt werden können, macht jedoch kein Hehl daraus, dass es bei aller Enttäuschung über die Entwicklung «mit meine schönste Zeit im Sport war».

In Ziegelstein, dem Domizil von Tuspo, beansprucht längst der Alltag alle Kräfte. Neun Mannschaften nehmen am Spielbetrieb teil, dazu kommen vier Minigruppen. Das Hauptaugenmerk bei den Handballern liegt, wie immer in allen Tuspo-Abteilungen, auf der Förderung des Nachwuchses. «Breitensport», sagt Reiner Wagner, «genießt oberste Priorität». Erwin Glößinger, als Nachfolger noch neu im Amt des Vorsitzenden, stimmt mit ihm darin überein, schließt aber individuelle Leistung nicht aus. Träumen von besseren Zeiten ist daher erlaubt, aber das ist schon alles. Ein Abenteuer Bundesliga reicht. 

WIELAND PETER

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