Donnerstag, 15.11.2018

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Den Menschenrechten auf der Spur

Rundgang befasst sich mit der Vergangenheit der Stadt und aktuellen Antworten - 10.03.2008

Nürnberg feilt seit einigen Jahren am Profil als «Stadt der Menschenrechte«. Am Wochenende gab es einen Rundgang zu verschiedenen Orten, an denen dieses Thema - z. B. als Respekt vor der Würde eines jeden Menschen - angesprochen wird. © Wilhelm Bauer


Als Ausgangspunkt hat Führerin Susanne Rieger vom Verlag Testimon, der die informative Wanderung mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit veranstaltet, den Plärrer gewählt. An diesem Verkehrsschnittpunkt wurde vor fünf Monaten «Transit« eingeweiht - ein Denkmal für die Zwangsarbeiter in Nürnberg von 1939 bis 1945.

Denkmal, das kaum wahrgenommen wird

Die Skulptur aus zusammenhängenden, kleinen Metall-Menschen ist auf zwei Ebenen zu sehen: oberirdisch und in der U-Bahn-Station an den Rolltreppen. Trotzdem nimmt kaum jemand das Denkmal «Transit« wahr, die meisten Passanten laufen achtlos vorbei. So geht es der Installation genauso wie den Menschen, für die es errichtet wurde: Jahrzehntelang hat sich niemand für die Nürnberger Zwangsarbeiter aus verschiedensten Ländern interessiert. Jetzt verkündet die Tafel am «Ort der Erinnerung«: «1939 bis 1945 wurden Menschen ihrer Würde beraubt.« Susanne Rieger liest aus den Aufzeichnungen des ungarischen KZ-Häftlings Agnes Rozsa vor, die 1944 in Nürnberg als Zwangsarbeiterin ums Überleben kämpfte. Dieses Tagebuch, das eindringlich die Verzweiflung und Ohnmacht der Verfasserin widerspiegelt, ist unter dem Titel «So lange ich lebe, hoffe ich« bei Testimon erschienen.

Wo die Nürnberger Ortsgruppe der NSDAP gegründet wurde

Nächste Station ist ein Abschnitt der Stadtmauer, an dem die Gastwirtschaft «Ludwigstorzwinger« bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gestanden hat. Dort gründete Julius Streicher am 20. Oktober 1922 die Nürnberger Ortsgruppe der NSdAP. Der Rundgang dreht sich immer wieder um das Unrecht, die Bösartigkeit und die Gewalt, mit der die Nationalsozialisten Menschen unterdrückt und vernichtet haben. Vor dem AOK-Gebäude am Ring weist eine Tafel auf die dort verkündeten «Nürnberger Gesetze« von 1935 hin, die u.a. Beziehungen zwischen Juden und Ariern unter Strafe stellte.

Die «Straße der Menschenrechte« - ein Entwurf des israelischen Bildhauers Dani Karavan - ist eine späte, architektonische Antwort der Stadt auf die NS-Vergangenheit. Der damalige Oberbürgermeister Peter Schönlein hatte mit der damit verbundenen Idee, einen Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis zu vergeben, ein Signal setzen wollen, dass Nürnberg sich mit der Vergangenheit beschäftigt und Konsequenzen zieht.

Konterkarierte Sieger-Perspektive

Susanne Rieger lenkt die Aufmerksamkeit aber auch auf andere Aspekte der Geschichte: Die Siegessäule am Köpfleinsberg erinnert an den deutsch-französischen Krieg 1870/71. Bronzetafeln berichten dort auch vom Boxeraufstand in China 1901 sowie vom Kolonialkrieg 1904/06 in Südafrika. Die damalige Sieger-Perspektive wird durch eine vor zehn Jahren angebrachte Tafel konterkariert, die «als Mahnmal die Unsinnigkeit der Kriege« ins Bewusstsein rufen will. Beim Rundgang wird deutlich, dass man in der Altstadt vielfach mit Orten konfrontiert wird, an denen Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Man muss nur hinschauen. 

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