Dienstag, 20.11.2018

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Deutliche Terror-Spuren nach Franken

Rechtsextremisten wehren sich nach der Mordserie mit abstrusen Verschwörungstheorien - 19.12.2011 13:00 Uhr

Symbolbild. © Volker Lannert/dapd


Verschwörungstheorien haben in Nazi-Kreisen Konjunktur. Im Freien Netz Süd, dem Internet-Forum neonazistischer Aktivitäten, ist in Anlehnung an das NS-Vokabular davon die Rede, die „politische Klasse“ habe gemeinsam mit „Systempresse“ und linken Medien keinen Versuch ausgelassen, die Morde an neun Migranten und einer deutschen Polizistin in Zusammenhang „mit nationaldenkenden Deutschen und deren Organisationen“ zu bringen.

Und weiter: „Das Einzige, was sich bisher deutlich abzeichnet, ist eine Verbindung der Mordserie mit dem BRD-Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz.“ Der bespitzle seit Jahren nationale Strukturen, „hetzt seine Agenten zu Straftaten auf und versucht dadurch legale politische Gruppierungen zu kriminalisieren“. Schließlich: „Die Beteiligung des Verfassungsschutzes, also des Staates, an den Vorfällen scheint gesichert.“ So wäscht sich die Rechte rein.

Auch der thüringische NPD-Vize Patrick Wieschke sieht sich bei Vorwürfen, er habe Kontakt zur mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe gehabt, als Opfer eines Komplotts. Und NPD-Bundesvorsitzender Holger Apfel spricht von einer Rufmord-Kampagne wegen Berichten über seine Nähe zum NSU. Die Fakten kann er nicht leugnen. Apfel, NPD-Fraktionschef im sächsischen Landtag, nahm im August 1996 trotz Verbots an einer Kundgebung für den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß in Worms teil.

Rund 250 Rechtsextremisten zogen damals durch die Innenstadt. Zu ihnen gehörte auch der frühere stellvertretende Landesvorsitzende der NPD in Thüringen, Ralf Wohlleben. Er wurde Ende November als mutmaßlicher Unterstützter des NSU festgenommen. Vom Zwickauer Terror-Trio waren Beate Zschäpe und Uwe Mundlos in Worms dabei. Ebenso Holger G., der als Waffenbeschaffer des Terror-Trios gilt. Apfel, Wohlleben und die anderen versuchen sich nun damit herauszureden, es sei in Worms nur zu einem zufälligen Zusammentreffen gekommen. Nur „zufällig“?

Räumt Versäumnisse ein: Verfassungsschutz-Präsident Heinz Fromm. © dapd




Mit Ralf Wohlleben kommt nun auch die fränkische Neonazi-Szene ins Spiel. Denn deren Führungsfigur Matthias Fischer aus Fürth-Stadeln ist bei Veranstaltungen des Thüringer NPD-Vize als Redner aufgetreten, etwa beim „Nationalen Thüringentag“ 2009 oder beim rechtsextremistischen Musik-Festival „Fest der Völker“. Dort war auch Tony Gentsch zugange, der im oberfränkischen Oberprex ein Gasthaus kaufte und zur Neonazi-Schulungsstätte ausbaute. Waren sie alle auch nur „zufällig“ da?

Tarnliste der NPD

Fischer und Gentsch wiederum gehören zu den führenden Figuren, die nach dem Verbot der „Fränkischen Aktionsfront“ (2004) mit dem „Freien Netz Süd“ ein neues Forum für Gleichgesinnte geschaffen haben. Darunter auch für die beiden Nürnberger Stadträte der NPD-Tarnliste „Bürgerinitiative Ausländerstopp“, Ralf Ollert und Sebastian Schmaus.

Zum harten Kern muss auch noch Gerhard Ittner aus Zirndorf gerechnet werden, der 2005 vom Landgericht Nürnberg-Fürth wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, aber zuvor untergetaucht war. Er soll mit rechtsextremistischen Gesinnungsgenossen immer noch in Kontakt stehen.

Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, hat ungewohnt deutlich eingeräumt, seine Behörde habe neonazistische Terror-Aktivitäten zu lange unterschätzt. Beim NSU und seinen möglichen Unterstützern auch in der Metropolregion sollte dieses Versäumnis jetzt schnell wettgemacht werden. 

HERBERT FUEHR

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