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Die Einheit der alten Siedlung ist in Gefahr

Fehlender Ensembleschutz in Zabo: Die ersten Häuser sind plattgemacht — Stadt lehnt Erhaltungssatzung ab - 22.05.2017 19:26 Uhr

Unterschiedlich gestaltete Häuser mit Erkern oder Fensterläden; ein paar Quadratmeter Grün vor den Hauseingängen, hinten hinaus ein Gartenanteil; eine geschwungene Straßenführung am Heimgartenweg, die für eine gewisse dörfliche Idylle sorgt: Das ist die nette, aber alte Siedlung, die typisch für Genossenschaftsbauten der 1920er Jahre ist. Sechs Reihenhäuser wurden nun abgerissen. Die Sanierung sei zu teuer, argumentierte die Genossenschaft, die weitere Pläne hat (wir berichteten). Auf einer Fläche zwischen Ben-Gurion-Ring und Heimgartensiedlung sollen Mietshäuser entstehen. Wegen der nötigen Erschließung könnten weitere Gebäude an der Waldgärtnerstraße und am Heimgartenweg abgerissen werden.

Abriss nach Belieben

Weil die Siedlung mit ihren 140 Reihenhäusern und einigen Mehrfamilienhäusern nicht unter Ensemble- oder Denkmalschutz steht, kann die Wohnungsgenossenschaft nach Belieben die Häuser abreißen. Die Nürnberger Stadtverwaltung, besorgt über das Vorgehen der Genossenschaft, regte für den Stadtplanungsausschuss Ende Februar an, eine Erhaltungssatzung aufzustellen: Diese Satzung hätte zur Folge gehabt, dass jeder einzelne Abriss erst von der Verwaltung genehmigt werden muss.

Eine Reihenhauszeile der alten Genossenschaftssiedlung an der Waldluststraße wurde zur Enttäuschung vieler Anwohner bereits plattgemacht. Um neu zu bauen, könnten auch andere alte Gebäude bald der Abrissbirne zum Opfer fallen. © Foto: Michael Matejka


Doch die Stadt verzichtet auf das Druckmittel — Teile der Verwaltung sind nach Informationen der Redaktion über diese Entscheidung nicht glücklich. Baureferent Daniel Ulrich und SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly haben sich für folgenden Weg entschieden: Die Genossenschaft lässt eine Studie zum geplanten Bauvorhaben auf dem Grundstück im Nordwesten der Wohnanlage erarbeiten. Die Stadt sei in die Planungen immer eingebunden gewesen, wie Stefan Herget von der Genossenschaft betont: "Wir haben nichts verheimlicht." Es ist nicht das erste Mal, dass in der Region über historische Wohnanlagen gestritten wird. So sind in Erlangen die Tage von Häusern der "Erba"-Siedlung aus den 30er Jahren gezählt: In einem Bürgerentscheid votierten die Wähler für den Abriss und den Neubau von Sozialwohnungen — eine Bürgerinitiative hatte den Erhalt der Häuser gefordert.

Und in Nürnberg ließ das kommunale Wohnungsunternehmen wbg vor einigen Monaten seine marode Wohnanlage Schillingstraße in der Südstadt abreißen: Vergeblich hatte sich die Stadtbild-Initiative Nürnberg mit den Mietern für die "hohe architektonische, städtebauliche Bedeutung" des Ensembles eingesetzt.

"Die Schillingstraße ist ein ganz wunder Punkt für uns", seufzt Elmar Hönekopp von der Stadtbild-Initiative. Dennoch sagt er: "Die Schillingstraße wurde über Jahre hinweg heruntergewirtschaftet — die Häuser im Heimgartenweg sind in einem guten Zustand und teilweise auch saniert."

Ensemble in Gefahr

Die Haltung der Stadt, die auf die Versicherungen der Genossenschaft vertraut, kann er nicht verstehen. Wenn nach dem Abriss der ersten Reihenhäuser künftig weitere Gebäude weichen, sei irgendwann die Einheitlichkeit des Ensembles nicht mehr gegeben: "Das ist unsere Befürchtung." Der Vorstadtverein Zabo ist ebenfalls enttäuscht, dass die Stadt am Heimgartenweg auf eine Erhaltungssatzung verzichtet. "Wir wissen nicht, was noch alles kommt", warnt der Vorsitzende Daniel Gencev. Er kritisiert den Abriss der Reihenhäuser an der Waldluststraße: "Das ist insofern schade und traurig, weil die Bevölkerung von Zabo eine eindeutige Meinung hat." An einer zweiwöchigen Online-Befragung des Vorstadtvereins beteiligten sich 680 Menschen — zwei Drittel sprachen sich gegen den Abriss aus. So erklärte ein Bewohner: "Ich wohne im Heimgartenweg und habe das Haus renoviert. Meine Befürchtung ist, dass nach und nach weitere Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden."

Kein Redebedarf im Stadtrat

Das glaubt auch Stephan Grosse-Grollmann, der darüber in der Stadtratssitzung am 26. April diskutieren lassen wollte. Doch die Stadträte hatten hier kein Redebedarf, berichtete er: "Das war das totale Schweigen." Der Baureferent schilderte in der Sitzung den Sachstand, Oberbürgermeister Maly erklärte, dass die Kommunikation der Genossenschaft hier nicht besonders gut gewesen sei und diese Besserung zugesagt habe. "Schade, dass keine Diskussion losging." Um die Sanierung weiterer älterer Häuser finanzieren zu können, hat die Genossenschaft den Verkauf von Häusern im südlichen Teil der Siedlung angekündigt beziehungsweise bereits umgesetzt. Das könnte aber zur Folge haben, dass die Siedlung ihr Erscheinungsbild negativ verändert, so Grosse-Grollmann: "Jeder neue Eigentümer kann mit den Häusern machen, was er will: Das ist die Gefahr." Laut Wohnungsgenossenschaft sollen beim Verkauf der Häuser keine Mieter herausgedrängt werden.

Den Daumen gesenkt

Auch CSU-Stadtrat Otto Heimbucher ist ein Freund der Siedlung. "Meine private Meinung ist, dass das denkmalschutzwürdig ist", sagt Heimbucher, der auch Chef des Bund Naturschutz (BN) in Nürnberg ist. Versuche, die Siedlung unter Denkmal- oder Ensembleschutz zu stellen, hat
es durchaus gegeben. So berichtet Stadtheimatpflegerin Claudia Maué: "Experten haben sich das bereits angeschaut und gleich den Daumen gesenkt." Anträge auf Denkmalschutz nimmt in Nürnberg die Untere Denkmalschutzbehörde an — doch die Entscheidung darüber trifft das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in München. "Ich kann es nicht recht verstehen, dass die Siedlung keinen Ensembleschutz hat", so Maué. 

SABINE EBINGER

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