Donnerstag, 15.11.2018

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Dürer-Kopie reist nach München

Gipfeltreffen der Pelzröcke - 10.05.2012 08:48 Uhr

Das nachgemachte Dürer-Bild neben dem Original © Claudia Urbasek


Paulus blickt streng, als frage er sich, was der Lärm soll. Erhaben wachen die vier Apostel über die leeren Gänge der Alten Pinakothek. Es ist Ruhetag. Albrecht Dürer hatte die vier überlebensgroßen Männer einst gemalt und seiner Stadt – Nürnberg – geschenkt. Diese ging während des

Dreißigjährigen Krieges Kurfürst Maximilian I. auf den Leim – seitdem hängen die Gesandten Jesu in München. Sie beherrschen den Ausstellungssaal der Alten Pinakothek. Das Bild, das rechts neben ihnen hängt, wirkt im Vergleich fast winzig – und birgt doch die viel größeren Geheimnisse. Es ist Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“.

Unter einem Stereo-Mikroskop untersuchen Ursula Kubach-Reutter (vorne), Heike Steger und Jan Schmidt vom Dörner-Institut die Nürnberger Dürer-Kopie. So lassen sich anhand der Partikelformen die Farben analysieren. © Claudia Urbasek


Geschätzte elf Mal wurde das Bild kopiert, die Kopie, die sich heute in Nürnberg befindet, steht an diesem Tag erstmals direkt neben dem Original – und verblasst. Viel dunkler ist die Kopie, die Haarpracht kaum zu erkennen. Auf dem Original ist es auch heute noch möglich, jedes einzelne Härchen des Pelzkragens zu zählen, auf der Kopie verschwimmt er zu einem dunkelbraunen, breiten Streifen. Was den Italienern das Lächeln der Mona Lisa, das ist den Deutschen der unergründliche Blick des damals 28 Jahre alten Dürers auf diesem Bild. Die Perfektion wird auf der Kopie nicht einmal in Ansätzen erreicht. Obwohl der Kopist versucht hat, die Lichtspiegelungen im Augapfel des Porträtierten nachzuahmen, bleibt der Blick ohne jede Tiefe.

Dennoch ist es für Matthias Henkel, Direktor der Nürnberger Museen, Thomas Schauerte, Leiter des Dürer-Hauses, und Ursula Kubach-Reutter, Leiterin der Gemälde- und Skulpturensammlung Nürnberg, ein großer Moment. Noch nie hatten sie die Chance, die Kopie direkt neben dem Original zu sehen. Der Konflikt um das originale Pelzrock-Bild hatte auch die Kopien des Bildes wieder in den Blick der Experten gerückt. Das Nürnberger Duplikat, das über Jahre im GNM-Depot schlummerte, wurde kürzlich im Dürer-Haus gezeigt und intensiv untersucht.

Bis heute weiß niemand, wer die Nürnberger Kopie einst angefertigt hat. Lange Jahre glaubte man, es sei Abraham Wolfgang Küfner gewesen. Wilde Legenden ranken sich um ihn, wie die, dass er das Original-Bild am Ende des 18. Jahrhunderts im Auftrag der Stadt kopiert habe, dieser aber nicht das Original, sondern die Fälschung zurückgab. Dafür soll er sogar die Lindenholzplatte des Originals gespalten haben. Selbiges sei nach München verkauft worden, hieß es in der Geschichte, die heute komplett widerlegt ist. Untersuchungen der Kopie ergaben, dass sie vor 1786 gemalt wurde, Küfner jedoch von 1760 bis 1817 lebte. „Es erscheint unwahrscheinlich, dass er mit Ende zwanzig so ein Bild hätte malen können“, erklärt Ursula Kubach-Reutter von den Nürnberger Museen. „Zumal wir nicht einmal wissen, ob Küfner überhaupt malen konnte, man weiß lediglich sicher, dass er Miniaturen gemalt hat.“

Das Original, das in der Alten Pinakothek in München hinter Glas und vermutlich im Nürnberger-Rathaus-Rahmen hängt. © Claudia Urbasek


Doch die Nürnberger Pelzrock-Kopie ist nicht die einzige, die noch heute existiert. Auch die Bayerische Staatsgemäldesammlung verwahrt in ihren Münchner Depots eine Kopie. Über dieses Bild weiß man etwas mehr als über das Nürnberger Duplikat: „1805 hielten die Franzosen Nürnberg besetzt“, sagt Thomas Schauerte. „Sie befahlen, dass wichtige Nürnberger Kunstwerke nach Paris in ein zentrales Museum gebracht werden sollten, darunter auch das Pelzrock-Bild.“ Doch den Nürnbergern gelang es, dies zu verhindern: Sie tauschten das Original einfach gegen eine Fälschung aus. Diese reiste samt den Franzosen nach Paris und wurde dort lange für ein Original gehalten. Später gelangte sie zurück nach Deutschland und landete in München. Auch wer diese Kopie malte, ist unbekannt.

Anhand von Röntgenaufnahmen wurde deutlich, dass die Münchner Kopie an einigen Stellen retuschiert wurde. „Das ist nichts Ungewöhnliches“, erklärt Restaurator Jan Schmidt. „Im Barock zum Beispiel war man da nicht zimperlich, da hat man Bildhintergründe beispielsweise einfach blau umgemalt, weil das Bild dann freundlicher wirkte.“

Die Röntgenaufnahme und eine Untersuchung mit UV-Licht zeigen, wo sich Originalfarbe befindet und wo somit eine Pigmentanalyse zur Altersbestimmung sinnvoll ist. Bei der Münchner Kopie können die Fachleute den Entstehungszeitraum nun eingrenzen: Das Bild könnte zwischen 1650 und allerspätestens 1750 gemalt worden sein. Das lässt sich zum Beispiel aus der verwendeten gelben Farbe, dem Blei-Zinn-Gelb, herauslesen. Es besteht aus körnigen, zitronengelben Partikeln und wurde nur in einem begrenzten Zeitraum verwendet. „Das beweist, dass die Münchner Kopie auch nicht von Küfner sein kann“, so Jan Schmidt.

Spezialaufnahmen wie dieses Röntgenbild (o.) und diese UV-Aufnahme (u.) zeigen, an welchen Stellen die Münchner Kopie bearbeitet wurde. © Claudia Urbasek


Die Analyse der Farbmischung gibt auch bei der Nürnberger Kopie entscheidende Hinweise auf das Alter. Unter einem Mikroskop liegend wird es Zentimeter für Zentimeter untersucht. „Wir können hier sehen, dass kein Blei-Zinn-Gelb verwendet wurde“, erklärt Expertin Heike Steger vom Dörner-Institut. Der Maler hat Farberden verwendet, die sich zeitlich kaum einordnen lassen. Es gibt aber an diesem Nachmittag eine neue Erkenntnis: „Der Maler hat das Bild direkt auf eine Lindenholzplatte gemalt, ohne Grundierung“, so Kubach- Reutter. „Das ist äußerst ungewöhnlich.“ Ein weiteres Rätsel, das wohl nie mehr gelöst wird: Es gibt kaum noch schriftliche Zeugnisse zu den Bildern – weder zu den Kopien, noch zum Original. „Wir wissen nur, dass die Nürnberger Kopie ab 1800 im Rathaus hing“, erklärt Kubach-Reutter. Niemand weiß jedoch, wo sich das Original-Bild zu dieser Zeit befand. Eine Notiz blieb erhalten, in der es heißt, das Pelzrock-Gemälde sei 1627 innerhalb des Nürnberger Rates verschenkt worden. „Das kann aber auch nur ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, um das Original zu verstecken“, so Thomas Schauerte vom Dürer-Haus. „Vielleicht wollte man so verhindern, dass noch mehr Begehrlichkeiten geweckt werden.“

Es gibt unzählige „könnte“, „wahrscheinlich“, „vermutlich“ und „theoretisch“ an diesem Nachmittag. „Dürer sitzt bestimmt auf einer Wolke und lacht sich tot über uns“, sagt Thomas Schauerte. Während die Nürnberger Kopie in München noch fotografiert und demnächst wieder nach Nürnberg gebracht wird, werden 25 Dürer-Kopien zusammengestellt, die ab dem 26.Juli im dann umgebauten Kino-Saal des Nürnberger Dürer-Hauses zu sehen sind. Darunter ist ein Überraschungsgast – die Münchner stellen ihre Kopie als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Ist es für Museumsfachleute wichtiger, dass eine Kopie dem Original so nah wie möglich kommt, oder ist die Geschichte der Kopie das, was sie wertvoll macht? Thomas Schauerte überlegt. Es ist wohl beides, sagt er. Vor allem bei den Pelzrock-Kopien sind es die Geschichten, von denen Faszination ausgeht. Die Legende vom gespaltenen Original und dem vermeintlichen Betrug, der unbekannte Künstler, das Vorführen der Franzosen... „Das kann genauso faszinierend sein wie ein Original.“

Das Dürer-Haus-Museum am Tiergärtnertorplatz wurde umgebaut. Heute, am 10. Mai, öffnet es wieder.


  

Claudia Urbasek

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