Sonntag, 17.02.2019

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Eine Trauerfeier, aber bitte mit allen Freiheiten

Jeder dritte Nürnberger verzichtet bereits auf den Beistand der Kirchen - 10.10.2014 10:02 Uhr

Eine Trauerfeier soll Trost spenden und den Verstorbenen würdigen. © Fotos: Günter Distler (2)/privat


Wenn 2015 der erste Franken-Tatort ausgestrahlt wird, wird der freie Trauerredner Ernst Cran vor allem auf ein Detail achten. Steht nach dem Mord wieder ein Pfarrer am Grab des Opfers? „Das ist nämlich in jedem Tatort so“, seufzt der 58-Jährige. „Dabei ist die Wirklichkeit schon viel weiter.“

Viel weiter heißt in diesem Fall: viel weiter weg von der Kirche. Wenn in Deutschland ein Mensch stirbt, ist kirchlicher Beistand immer seltener gefragt. „Bundesweit wird nur noch jede dritte Trauerfeier von einem Geistlichen gehalten“, weiß Cran.

In Nürnberg sind es nach Schätzungen der Bestatter zwar noch rund zwei Drittel, doch die Kurve fällt stetig. Ein Grund sind die ständig zunehmenden Kirchenaustritte — aber nicht nur. „Wir erleben es vermehrt, dass auch Kirchenmitglieder oder die Angehörigen eines verstorbenen Kirchenmitglieds einen freien Trauerredner wünschen“, sagt Bestatter Olaf Stier. „Das war vor zehn Jahren noch undenkbar.“

Trauerhalle statt Kirche

Eveline Buresch ist ein gutes Beispiel dafür, dass die freie Trauerfeier in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Die 58-Jährige, Angestellte in einem Büro, sitzt auf der Bank vor ihrem Haus im Knoblauchsland. In der Zeitung will sie lieber ihren Mädchennamen lesen. „Ich bin katholisch“, erzählt sie, „aber Kirchgänger waren wir eigentlich nie.“

Wer in der Gemeinde zuständig gewesen wäre, als ihre Mutter im vergangenen Jahr starb, die von sich selbst gesagt hatte: „Ich glaube ja nicht mehr so“, wusste Buresch nicht. Der Bestatter habe sie auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, einen freien Trauerredner zu engagieren und in einer Trauerhalle Abschied zu nehmen.

Obwohl die Mutter offiziell noch in der Kirche war, entschied sich Buresch für die Alternative. Bereut hat sie es nicht. Der Abschied in der hellen Trauerhalle kam ihr weniger starr vor als viele kirchliche Bestattungen, die sie erlebt hat. Es war „wärmer und weicher“, erinnert sie sich. Und ohne „Getue“, ohne Weihrauch und ohne Glocken. „Das brauche ich nicht.“

Wer einen freien Trauerredner bucht, dem geht es oft wie Buresch. Der Kontakt zum Pfarrer fehlt, der Bezug zu kirchlichen Ritualen ebenfalls. „Die Vertrautheit ist nicht mehr da, und dann erschließt sich auch die Bedeutung nicht mehr“, glaubt Bestatter Olaf Stier. „Dann bimmelt es halt, aber keiner weiß, warum.“ Viele, aber längst nicht alle, die einen freien Redner wählen, sind aus der Kirche ausgetreten. Gottlos sind die wenigsten.

Immer mehr Menschen übertragen diese Aufgabe nicht mehr der Kirche, sondern freien Trauerrednern wie Ernst Cran.


„Es gibt fast keine Atheisten unter meinen Kunden. Jeder Dritte ist sogar noch Mitglied einer Kirche“, sagt Ernst Cran. Seit zwölf Jahren ist der frühere evangelische Pfarrer, der sich 1998 mit der Kirche überworfen hat, schon im Geschäft.

Und die Branche wächst: Immer weniger Menschen, gläubig oder nicht, wollen sich von einem liturgischen Korsett vorschreiben lassen, wie die eigene Beerdigung oder der letzte Dienst an einem geliebten Menschen auszusehen haben. Musik, Rituale oder Ansprachen können bei einer freien Trauerfeier fast vorbehaltlos dem Kompass der eigenen Gefühle folgen. Cran hat mit Trauernden schon an der Urne auf den Opa angestoßen, der seinen Sliwowitz zu Lebzeiten so geliebt hatte. Das ist für Außenstehende vielleicht harte Kost. Für die Angehörigen aber war es ein ehrlicher und persönlicher Abschied.

Mut zur Wahrhaftigkeit

„Es gibt eine neue rituelle Mündigkeit, einen Mut zur Wahrhaftigkeit“, ist sich Cran sicher. Und weil Trauerredner nur ihren Kunden verpflichtet sind, können sie Wünsche erfüllen, bei denen auch der innovativste Pfarrer abwinkt. Nicht der Redner und nicht die Bibel bestimmen beispielsweise, ob und welches Leben nach dem Tod wartet, sondern die Trauernden, im Namen des Verstorbenen. Sie geben vor, was geglaubt wird und welche Rolle Gott spielt.

Auch die freie Trauerrednerin Elke Janoff ist immer mehr gefragt.


Das herauszufinden, ist für Cran und seine Kollegen eine Herausforderung. Wenn mit dem Pfarrer auch seit Generationen übernommene Wahrheiten zum Tod wegbrechen, müssen sich die Angehörigen selbst Gedanken machen. „Was glauben Sie denn, wo Ihr Mann jetzt ist?“ Mit solchen Fragen tastet sich Elke Janoff bei den Hinterbliebenen an das Thema heran. „Die meisten glauben ja an irgendwas“, sagt die Trauerrednerin, die einst zur Pfarrerin ausgebildet wurde. „Nur damit kann ich sie auch trösten.“

Hinter Verkündigung und Evangelium will sie sich nicht verschanzen. Jede Feier ist eine Blanko-Vorlage, die mit den passenden Worten gefüllt werden muss. Der Gedanke, dass der Verstorbene nicht zu Gott, sondern in den Kreislauf der Natur zurückkehrt, ist bei einer freien Trauerfeier genauso zulässig wie eine Vorstellung vom Paradies als himmlische Blumenwiese. „

Die Menschen wollen angesprochen und berührt werden mit dem, was für sie tröstlich ist, und sich die Abschiednahme nicht mehr diktieren lassen“, sagt Janoff. Dass es keine allgemeingültigen Jenseitsvorstellungen mehr gibt, ist für die 51-Jährige kein Problem. „Die Frage, was nach dem Tod kommt, können wir ja alle nicht beantworten.“ Etwa sechs bis zehn Stunden veranschlagen Trauerredner, um ein genaues Bild des Menschen zeichnen zu können, den sie verabschieden sollen, und um mit den Hinterbliebenen die Feier in einer Aussegnungs- oder Trauerhalle zu planen. Diese Dienstleistung kostet mehrere Hundert Euro – und ist es immer mehr Menschen wert.

Liturgie gibt Halt

Ekkehard Wohlleben kann nur Vermutungen darüber anstellen, warum sich Kirchenmitglieder für freie Trauerfeiern entscheiden. „Der Individualisierungsschub in unserer Gesellschaft kommt beim Sterben an“, glaubt der Pressesprecher des Nürnberger Dekanats und frühere Pfarrer in St. Johannis. Und die Kirche biete schlicht weniger Freiraum bei der Gestaltung einer Feier.

„Dafür habe ich die Chance, den Pfarrer zu kennen, vielleicht schon lange“, sagt Wohlleben. Und vielen Trauernden gebe gerade das Gerüst der Liturgie Halt. „Nicht jeder will sich in der Situation nach einem Todesfall neu erfinden.“

Wenn doch, hat er aber immer mehr Möglichkeiten. „Die Qualität der Redner ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen“, hat Olaf Stier beobachtet. Und auch das Spektrum, von esoterisch bis freikirchlich, hat zugenommen. „Vor zehn Jahren haben wir mit zwei bis drei Rednern zusammengearbeitet, jetzt sind es vielleicht zehn“, erklärt der Bestatter.

Wie bei Pfarrern
oder Priestern auch, hängt es am Menschen, ob eine Trauerfeier gelingt. Je persönlicher
und würdevoller der Abschied ist, desto besser kann der Trauerprozess in Gang kommen.

Wie christlich die Trauerfeier wird, überlassen Cran und Janoff den Angehörigen. Die hätten meist eine gute Vorstellung davon, was dem Verstorbenen gefallen hätte. „Das Vaterunser wird oft gewünscht, das ist bei vielen tief verankert und wirkt fast wie ein Mantra“, sagt Cran. Psalmen, geistliche Musik oder ein Segen können ebenfalls Elemente sein.

Auch beim Abschied für Eveline Bureschs Mutter hat Janoff mit den Angehörigen gebetet. Sonst aber „ist es nicht um Gott gegangen, sondern um meine Mutter“, sagt Buresch. Schön sei das gewesen, erinnert sich die 58-Jährige. Sie hat ihren Entschluss längst gefasst. „So will ich es für mich auch mal.“ 

CHRISTINE THURNER

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