Montag, 17.12.2018

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Eine Wasserwalze zerstörte Katzwang

Vor 30 Jahren brach der Main-Donau-Kanal - 26.03.2009

Rund 800 000 Kubikmeter Wasser ergossen sich am 26. März 1979 durch Katzwang. Die zwei Meter hohe Wasserwand riss alles nieder, was sich zwischen Kanalbett und Rednitzgrund befand. © Guttenberger


Sonne, Wärme, laue Luft: Jener März-Montag begann als Verheißung auf den kommenden Frühling. Das Jahrhundertprojekt Europakanal, das sich östlich von Katzwang entlangzog, stand kurz vor der Fertigstellung. Bis zur Schleuse Leerstetten hatten die Verantwortlichen die Betonrinne geflutet - zur Probe, noch ohne Schiffsverkehr.

Dass mit dem neuen Kanalbett etwas nicht stimmte, kündigte sich mittags kurz nach 13 Uhr an. In schmalen Rinnsalen bahnte sich Wasser den Weg durch die Kanalwand im Bereich Greuther Straße/Hugo-Wolf-Straße. Bürger informierten die Polizei sowie das Wasser- und Schifffahrtsamt; Fachleute begutachteten die Schadensstellen - und sahen keinerlei Gefahr. Gegen 15.50 Uhr brach die Kanalwand auf einer Länge von zehn Metern ein.

800 000 Kubikmeter Wasser stürzten binnen Minuten aus dem Kanalbett auf das tiefer gelegene Altkatzwang hinab und dann weiter ins Rednitztal. Autos, Gartenhäuschen, Zäune, ja ganze Scheunen und Häuser wurden wie Streichhölzer umgeknickt oder einfach weggerissen. Dutzende Menschen suchten Schutz auf Haus- und Garagendächern, während sich über dem Stadtsüden ein heftiges Gewitter zusammenzog.

Der Katastrophenschutz in Nürnberg mobilisierte alle verfügbaren Kräfte. Feuerwehr, Rettungsdienste und Technisches Hilfswerk: Rund 1200 Helfer trugen Kinder und Senioren durch kniehohe Fluten, während ein Hubschrauber der Bundeswehr aus der Luft auf zahllosen Hausdächern abgeschnittenen Menschen Hilfe zu bringen versuchte. Den Einsatz weiterer Maschinen lehnte der Bundeswehr-Fliegerhorst in Roth-Kiliansdorf wegen des Gewittersturms zunächst ab; erst gegen 18 Uhr sollten sieben weitere Hubschrauber auf einem Acker östlich von Katzwang landen - zu diesem Zeitpunkt wurden sie nicht mehr gebraucht.

Rund zwei Stunden zuvor hatte sich das vielleicht schlimmste Drama im Verlauf der Dammbruch-Katastrophe ereignet. Der Landwirt Werner Strobel, der im unteren Teil der Johannes-Brahms-Straße wohnte, sah, wie die Wassermassen den Ortsteil einschlossen. Kurzentschlossen packte er seine Familie auf den Traktor und fuhr die Straße hinauf zum Anwesen der Landwirtsfamilie Fleischmann. Durch ein Fenster kletterten die Strobels vom Traktor aus ins Haus und stiegen zum vermeintlich sicheren Dachboden hinauf. Bis auf Tochter Sabine Strobel: Die Zwölfjährige flüchtete auf den Balkon im ersten Stock.

Durch puren Zufall kreiste der einzige Hubschrauber im Einsatz über dem Ortsteil; der Bundeswehrpilot sah das Mädchen, das am folgenden Sonntag Konfirmation feiern sollte, und wagte das unmöglich Erscheinende. Er flog an das im Einsturz begriffene Haus heran, während Bordmechaniker Günter Zander versuchte, die Schülerin zu fassen. Doch der Balkon brach weg, Sabine Strobel ertrank in der Schlammflut.

Die Hubschrauberbesatzung unternahm einen zweiten Anlauf. Bordmechaniker Zander wurde auf das Dach heruntergelassen, gurtete weitere Familienmitglieder an - doch das Dach brach weg. Günter Zander wurde von seinen Kameraden schwer verletzt aus dem eiskalten Wasser gefischt und ins Krankenhaus geflogen.

Die ungeheuren Folgen des Dammbruchs wurden erst am nächsten Tag sichtbar. Die Gewalt der Flutwelle hatte 14 Wohnhäuser zu Trümmerfeldern gemacht. In den Straßen lag der Schlamm teilweise meterhoch - durchsetzt von allem, was das Wasser auf dem Weg zur Rednitz mit sich gerissen hatte. Die Katzwanger standen zusammen und machten sich trotz sintflutartiger Regenfälle während der nächsten Tage sofort ans Aufräumen. Trotzdem waren noch zwei Jahre nach der Katastrophe nicht alle Schäden beseitigt.

Pfarrer Zeilinger brachte zusammen mit Lokalpolitikern die Interessengemeinschaft der Dammbruch-Geschädigten auf den Weg. Sie stellte zusammen mit 572 Betroffenen und Kanalanliegern Schadenersatzforderungen von rund 20 Millionen Euro an die Rhein-Main-Donau AG.

Denn die für unmöglich gehaltene Katastrophe war durch simple Fehleinschätzung ausgelöst worden, wie sich später zeigen sollte. Eine Wasserversorgungsleitung der Stadt Fürth unterquerte die Kanaltrasse. Genau dort entstanden Ausspülungen unter dem Kanalboden, weil der Boden vor dem Kanalbau nicht genügend verdichtet worden war. Schließlich hing das tausende Tonnen schwere Betonstück gleichsam in der Luft. Und brach durch. Tilmann Grewe 

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