Sonntag, 18.11.2018

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Fast vergessener Ehrenbürger

Zum 100. Todestag Friedrich Wilhelm Wanderers - 05.10.2010 23:10 Uhr

So schuf der ehemalige Schüler August von Krelings wertvolle Werke vor allem in Franken, besonders viele in Nürnberg und Umgebung. Er war aber auch im Ausland bekannt, sogar in St. Petersburg. Dabei verband Wanderer mit den Fähigkeiten des Malers reiches kunstgeschichtliches Wissen. „In Nürnberg wurde keine Kunstfrage behandelt, ohne daß sein Rat eingeholt wurde“, weiß das Künstlerlexikon Thieme-Becker zu berichten. Heute noch zeugen viele Entwürfe zu Raumausstattungen, Gedenktafeln und Denkmälern, aber auch Brunnen, Glasgemälde und sonstiges Kulturgut von dem rastlosen Schaffen des Junggesellen Wanderer, der mit seinem Werk „verheiratet“ war.

Professor Wanderer entstammte dem uralten Glasmacher- und Glasmalergeschlecht der „Wanderer/Wander“, die aus dem Erzgebirge kommend über Gablonz in Böhmen in das Fichtelgebirge eingewandert waren. Friedrich Wilhelm selbst wurde 1840 in München als Sohn des Genremalers Georg Wilhelm Wanderer aus Rothenburg ob der Tauber geboren. Seit 1885 trägt das älteste Sonntagsblatt der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, das sogenannte „Rothenburger“, den von Friedrich Wilhelm gestalteten und bis heute beibehaltenen Titelkopf, der an ein Gemälde von Ludwig Richter erinnert. Er hat auch das Signet der Lederer-Brauerei mit dem Krokodil entworfen.

Zu den wichtigsten Aufgabenfeldern seines Schaffens gehörten Entwürfe für Glasfenster, die leider im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört wurden (zum Beispiel die Kaiserfenster in Nürnberg und Nördlingen). Den größten zusammenhängenden Komplex bilden hier die Glasfensterentwürfe für die verschiedenen Gebäude des 1852 gegründeten Germanischen Nationalmuseums. Hinzu kamen Aufträge für die Gestaltung kompletter Innenräume im Geist der Gründerzeit. Bedeutend ist dabei vor allem die um 1880 konzipierte Instandsetzung und Neueinrichtung des Albrecht-Dürer-Hauses: Die beiden, heute nach dem Künstler benannten „Wanderer-Zimmer“, sind beredtes und kulturgeschichtlich hochinteressantes Zeugnis für seine historistische Vorstellung vom „Stil der Dürerzeit“. Die Ausschmückung des Kleinen Rathaussaales im Nürnberger Rathaus mit großen Ölgemälden nach eigenen Entwürfen stellt den größten Auftrag der Stadt dar und beschäftigte den Künstler sechs Jahre (1895-1901).

Auch im Wettbewerb zur Gestaltung des Hundertmarkscheins für das deutsche Kaiserreich ging Wanderer als Sieger hervor. Kaiser Wilhelm II. versah den Entwurf mit dem Genehmigungsvermerk „Einverstanden/W.“. 1969 wollte Karl-Heinz Goldmann, der Direktor der Nürnberger Stadtbibliothek, diesen Entwurf auf einer Auktion in Marburg für die Stadt Nürnberg erwerben. Der Katalogpreis für dieses kleine mit Tuschpinsel handgezeichnete Originalkunstwerk Wanderers betrug 800 DM.

Goldmann musste sich jedoch geschlagen geben, da die vorgesehenen Geldmittel nicht ausreichten. Ein schwedisches Bankhaus brachte nämlich den „erstaunlich hohen Preis von 2100 Mark“ auf. Diese Summe, die nahezu dreimal so hoch war wie der angesetzte Betrag, beweist das beachtliche Interesse des Publikums an diesem seltenen und originellen Objekt. Es soll in Schweden nicht einmal in einem Museum einen würdigen Platz gefunden haben, sondern vermutlich das Büro eines kapitalkräftigen Bankdirektors schmücken.

1888 wurde Wanderer zum Ehrenbürger von Nürnberg ernannt, an den heute sowohl eine Straße als auch eine Schule erinnern. Die Stadtväter des 19. Jahrhunderts haben die Bedeutung Professor Wanderers erkannt und gewürdigt. Eine aktuelle wissenschaftliche Aufarbeitung seiner Arbeit gibt es bislang nicht. Wahrscheinlich hat sich deshalb auch keine Einrichtung zu einer Ausstellung aufgerafft. Kulturreferentin Julia Lehner wird morgen um 14 Uhr am Johannisfriedhof einen Kranz niederlegen und anerkennende Worte sprechen.

Als Bestandteil der Veranstaltungen zum 500. Jubiläum der Gründung der Kunstakademie im Jahr 2012 planen die Museen der Stadt Nürnberg eine kleine Kabinettausstellung, die Friedrich Wilhelm Wanderer gewidmet ist.

  

Klaus Loscher/Gerhard Zeh/André Fischer E-Mail

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