Sonntag, 18.11.2018

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Goldraub: Wer war die treibende Kraft?

Neue Erkenntnisse im spektakulären Fall - 09.09.2010 07:50 Uhr

Nach Überzeugung der Anklage waren alle sechs Männer an dem Überfall auf den Gold-Transport eines Nürnberger Altgold-Händlers beteiligt (die NZ berichtete mehrfach). Die Täter stoppten damals das Kurierfahrzeug nahe Ludwigsburg, setzten Fahrer und Beifahrer in einem nahen Waldstück aus und machten sich mit rund vier Zentnern Beute davon.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart misst Donald Stellwag nach Informationen der Lokalredaktion inzwischen eine tragende Rolle zu. Er soll u.a. bei der Vorbereitung der Tat — erbeutet wurden damals Altgold und -silber für rund 1,7 Millionen Euro — intensiv mitgewirkt haben.

Dies deckt sich mit Aussagen aus dem direkten Umfeld des Goldhändlers, dessen Geschäft seit vielen Jahren in der Nürnberger Südstadt angesiedelt ist. Danach soll Stellwag sich über Monate hinweg systematisch das Vertrauen eines Mitarbeiters erarbeitet haben. Über diesen Goldschmied habe der 52-Jährige Interna aus dem Betrieb erfahren — und herausgefunden, wann der fragliche Altgold-Transport zur Scheideanstalt in Pforzheim starten sollte.

Diese Information soll Stellwag an andere Beteiligte weitergereicht haben. Gemeinsam mit einigen der Bandenmitglieder habe er den spektakulären Coup auch geplant, heißt es in Kreisen der Stuttgarter Justiz. Und genau diese Männer sollen dann bei der Tatausführung mit von der Partie gewesen sein. Während der Prozess gegen diese mutmaßlichen Täter am 21. Oktober in Stuttgart beginnt (die NZ berichtete), wird Stellwag nun zu einem späteren Zeitpunkt vor Gericht stehen. Die Große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart beschloss am Dienstag dieser Woche, das Verfahren gegen ihn abzutrennen. Den Anlass dafür dürfte der stark angegriffene Gesundheitszustand des 52-Jährigen gegeben haben, der dessen Verhandlungsfähigkeit möglicherweise sehr einschränkt.

Stellwags Verteidiger, Rechtsanwalt Manfred Neder, hatte bereits im Juni bestätigt, dass sein Mandant an mehreren schweren Erkrankungen leide. Dies stellte seinerzeit auch ein Landgerichtsarzt fest, was die Aussetzung des (nach wie vor bestehenden) Haftbefehls zur Folge hatte. Nach unbestätigten Informationen soll Stellwag unter anderem an einem Tumor leiden, Glasknochen haben und schwer zuckerkrank sein.

Deutschlandweit bekannt wurde Donald Stellwag, weil er aufgrund einer Verwechslung 1994 als Bankräuber zu Unrecht verurteilt wurde. Acht Jahre lang saß er unschuldig hinter Gittern, machte anschließend als „Nürnberger Justizopfer“ Schlagzeilen und war in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast.

Nicht auszuschließen ist, dass der Prozess gegen ihn am Ende zum Landgericht Nürnberg/Fürth verlegt wird, zumal der 52-Jährige im Nürnberger Land lebt. Denkbar wäre auch, das Verfahren wie geplant in Stuttgart zu eröffnen und Stellwag von Nürnberg aus teilnehmen zu lassen — etwa über eine Videokonferenz.

In jedem Fall hat die Verfahrens-Abtrennung aus Sicht der Anklagebehörde einen entscheidenden Vorteil: Im Prozess gegen die fünf anderen Angeklagten kommen vielleicht Informationen auf den Tisch, die das Verfahren gegen Stellwag hinterher vereinfachen könnten.

Doch selbst wenn der 52-Jährige an dem Raubüberfall beteiligt gewesen sein sollte und dafür verurteilt würde: Er ist nicht haftfähig und würde eine mögliche Strafe sehr wahrscheinlich gar nicht absitzen müssen.

  

Tilmann Grewe Lokales E-Mail

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