Donnerstag, 15.11.2018

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Gunzenhausen: Ein früher Hass auf Juden

Vor 75 Jahren: Palmsonntags-Pogrom in Gunzenhausen - 25.03.2009

In der internationalen Presse hat Gunzenhausen bisher nur einmal Schlagzeilen gemacht, und das eher unrühmlich. Sogar die «New York Times», der «Manchester Garden» und das «Neue Wiener Journal» berichteten im März 1934 von der ersten organisierten Hatz auf die Juden in Bayern, wahrscheinlich sogar im Reich, das sogenannte «Palmsonntags-Pogrom», bei dem zwei jüdische Männer starben. Heute jährt sich zum 75. Mal der Übergriff, dem die Vernichtungsorgie der Nationalsozialisten gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland folgte.

Wie konnte es ausgerechnet in dem damals kleinen, 5600 Einwohner zählenden Altmühlstädtchen dazu kommen, in dem 3,3 Prozent Juden lebten? Zweifellos war eine nationalistische Grundstimmung da, denn bereits 1923 kamen über tausend Anhänger zur ersten Versammlung der NSDAP.

Die erste Ortsgruppe wurde hier gegründet. Und bei der Reichstagswahl 1933 bekamen die Nazis bereits 67,1 Prozent der Stimmen. Die «aggressiv-aktivistische Stimmung» stieg und am 1. April 1933 wurden in Gunzenhausen der erste reichsweit angeordnete Boykott jüdischer Geschäfte befolgt, im April wurde hier das erste Hitlerdenkmal im Reich eingeweiht.

Dann kam der 25. März 1934, es war Palmsonntag. Umzüge der SA hatten die Bürger angeheizt. Streicher war in der Stadt und hetzte die Leute auf: «Ihr seid Scheißkerle, wofür sind denn die Kandelaber da, ich will einige Juden daran baumeln sehen.» Der SA-Brigadeführer Breimann soll den Männern in der Stadt versprochen haben, es würde ihnen nichts passieren, «wenn einige Juden aufgehängt würden».

«Offene Rechnungen»

Rädelsführer war der 21 Jahre alte SA-Sturmführer Kurt Bär. Er hatte «offene Rechnungen» gegen den jüdischen Gastwirt Simon Strauß (er gehörte der SPD an), dem er gewalttätig gegenübertrat und den er wenige Wochen später am 15. Juli erschoss. Bär behauptete, er sei von dem jüdischen Gastwirtssohn angespuckt worden und hielt vor dem Wirtshaus eine judenfeindliche Hetzrede. «Den werden wird gleich haben», so der aufgebrachte Bär, «den schieße ich zusammen.»

Er ließ von SA-Männern die Gasthauseinrichtung zusammenschlagen und brachte die Familie «zum Schutz» in das Stadtgefängnis, den Sohn traktierten die SAler mit Fußtritten. Die zusammengelaufene Volksmenge skandierte: «Schlagt drauf, schlagt drauf!» Kurt Bär und 23 SA-Leute führten die größeren und kleineren Trupps an, die bis nachts durch die Straßen zogen und in Häuser von Juden eindrangen.

Als sich die rasende Menge ausgetobt hatte, waren 29 jüdische Männer und sechs Frauen zum Teil misshandelt und nur mit einem Nachthemd bekleidet in «Schutzhaft» gebracht worden. Über die Zahl der aggressiven Teilnehmer gehen die Angaben auseinander. Es wird einmal von «mehreren Hundert Personen» gesprochen, dann wieder von 1000 bis 1500.

Der Feinbäcker Jakob Rosenfelder (30) war in der jüdischen Wirtschaft, als ihm Kurt Bär zwei Ohrfeigen verpasste. Er konnte aus der Wirtschaft flüchten, wurde aber auf der Straße von SA-Leuten übel zugerichtet. Wenig später fanden sie ihn in einem Schuppen erhängt auf. Es hieß später, er habe sich aus Angst vor der Meute das Leben genommen, andere wollen nicht an einen Selbstmord glauben.

Messer ins Herz gestoßen

Der zweite Mann, der am «Blutsonntag» um Leben kam, ist der 65 Jahre alte jüdische Pensionär Max Rosenau. Er hatte sich in ein Nachbarhaus retten können. Immerhin gibt es eine Zeugin für seinen Freitod: die Haustochter Lisbeth Lehmann. Sie will gesehen haben, wie sich Rosenau mit dem Messer ins Herz stach und zusammenbrach.

Und was geschah nach dem Spuk? Kurt Bär und weitere 24 SA-Männer wurden angeklagt, vier freigesprochen, die anderen zu Haftstrafen von drei bis sieben Monaten verurteilt, aber sie blieben auf freiem Fuß. Bär bekam zehn Monate Gefängnis. Die indoktrinierten Ansbacher Richter verharmlosten die Übergriffe: «Ein reinigendes Gewitter.» Die beiden Todesfälle wurden trotz etlicher Ungereimtheiten zu Selbstmorden erklärt.

Einige Wochen später revidierte eine Ferienstrafkammer des gleichen Gerichts die Urteile und stellte die Verfahren gegen alle ein, nur Kurt Bär musste seine Strafe von November 1934 bis September 1935 absitzen. Er musste sich in einem zweiten Verfahren wegen Mordes an dem jüdischen Gastwirt verantworten und erhielt eine lebenslängliche Zuchthausstrafe. Davon verbüßte er vier Jahre und wurde dann begnadigt.

Die SA feierte jedenfalls nach dem 25. März 1934 ihre «Helden», ließ Musik aufmarschieren und spendete allen ein Abendessen. Und die Hetze ging weiter. 

Werner Falk

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