Donnerstag, 15.11.2018

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Historische Spaeth-Villa im Visier

Denkmal soll hinter einem Neubau verschwinden — Von den Nazis einst enteignet - 27.02.2012 19:11 Uhr

Elmar Hönekopp von der Anwohnerinitiative am Dutzendteich warnt: Die von den Nazis enteignete Spaeth-Villa soll von einem Jugendgästehaus verdeckt werden, das ein Forum für kritische Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur bieten wird. © Gloser


Es geht um ein einmaliges Zeugnis Nürnberger Industriegeschichte: Die Villa Spaeth an der Dutzendteichstraße steht nach hinten versetzt, vor ihr sind Bauwagen aufgereiht. Das Anwesen gehört dem Erzbistum Bamberg. Bis zur Mauer, die das Grundstück an der Straße abschließt, erstreckt sich eine erdige Brachfläche. Auf ihr sollen Gebäude entstehen — ein Vorhaben, das Altstadtfreunde, den Verein Geschichte für Alle, Stadtheimatpflegerin und eine Anwohnerinitiative aufbringt. Die Baukörper würden nach den kursierenden Plänen die Blickbeziehung zum Denkmal zerstören.

Die Gegner der Riegel vor der Villa betonen unisono, dass sie nicht monieren, was unter dem Dach des Neubaus einziehen soll: Eine Jugendbegegnungsstätte in unmittelbarer Nähe zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Problematisch sei aber, dass genau diese Villa ein Zeugnis des nationalsozialistischen Terrors darstelle. „Die Nazis enteigneten die Firma, das führte schließlich zu ihrem Bankrott“, erklärt Wolf Hergert von Geschichte für Alle. Und ausgerechnet dieses Haus soll nun von einem Jugendgasthaus verstellt werden, das künfig ein Forum zur Auseinandersetzung über die Nazi-Diktatur werden will. Stadtheimatpflegerin Claudia Maué erinnert daran, dass die dreigeschossige Sandstein-Villa in einer Reihe mit der Zuckerbär-Villa steht, die nach jahrelangem Verfall nun aufwendig saniert wurde (wir berichteten).

Johannes Falk, der Schwiegersohn des Fabrikanten Wilhelm Spaeth, ließ das Gebäude an der Dutzendteichstraße ab 1870 errichten. Maué setzte sich mit den Nachfahren Falks in Verbindung: „Die Familie ist entsetzt darüber, was hier passiert.“

Aufgebracht sind die Kritiker aber auch aus einem anderen Grund: Das Verfahren sei bisher unter „Ausschluss der Öffentlichkeit“ gelaufen, so Elmar Hönekopp von der Anwohnerinitiative. Eine Bauvoranfrage bei der Verwaltung sei bereits zugunsten des Projekts ausgefallen. Die kritische Haltung des Baukunstbeirates, der sich in zwei Sitzungen mit dem Projekt befasste, sei bisher offenbar ignoriert worden. Der schlug vor, das Gebäude auf der anderen Seite der Villa zu platzieren, so dass der Blick auf das Denkmal frei bleibt.

In einem Schreiben von Oberbürgermeister Ulrich Maly, das der Lokalredaktion vorliegt, erklärt der Rathauschef, dass dieser Gedanke „überprüft und wieder verworfen wurde“. Der wertvolle Baumbestand der historischen Gartenanlage mit „Sammlerexemplaren“ schließe ein solches Vorhaben aus. „Die zusätzliche Baumasse der Jugendbegegnungsstätte im vorderen Bereich muss allerdings der Villa baulich deutlich untergeordnet werden“, so Maly.

Weder der Baureferent noch der Oberbürgermeister oder ein anderer Vertreter der Verwaltung sind der Einladung, sich mit den Kritikern zu treffen, nachgekommen. Doch die Nerven scheinen seitens des Bauträgers blankzuliegen: Die Delegation inklusive Medienvertretern sowie Stadträten der FDP und CSU wurde des Grundstücks verwiesen. „Falls Sie nicht gehen, müssen wir die Polizei holen“, sagt ein Mitarbeiter, der im Auftrag seines Chefs handelt. 

ALEXANDER BROCK Lokales Nürnberg

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