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Hochhäuser waren nicht wirklich hoch

„Architektur Nürnberg“ zeigt Baugeschichte bis zum Wiederaufbau — Ungeliebte Moderne - 02.01.2003

Von Streicher verschlimmbessert: Die Hauptpost am Bahnhofsplatz, fotografiert um 1935. © Stadtarchiv Nürnberg


von Hans Beheim dem Älteren (Mauthalle, Kaiserstallung) bis zu Franz Reichel (Langwasser, Kaufhof) — die am Bild Nürnbergs entscheidend mitgewirkt haben, berichtet ein Band mit dem spröden Titel „Architektur Nürnberg — Bauten und Biografien“. Idee und Geld für das Projekt kamen von der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt. Zusammengetragen wurde das Material vom Verein Geschichte für alle.

Bislang hat sich der Blick zurück auf Ausschnitte, auf einzelne Epochen beschränkt. Auf die Architektur zwischen 1904 und 1994 zum Beispiel, die ein aufschlussreicher Band des Centrums Industriekultur vor Jahren akribisch aufgelistet hat; auf die Bauten der Nazizeit, mit denen sich das Stadtarchiv 1995 speziell befasst hat.

Die Zusammenfassung, der Längsschnitt durch die Baugeschichte der ungebrochen als „mittelalterlich“ apostrophierten Stadt, fehlte bisher. Diese Lücke wurde mit dem Buch gefüllt, und schon im Vorwort versprechen die Autoren von Geschichte für alle gleich den zweiten Band. Er soll Architektur seit dem Wiederaufbau thematisieren.

Die Verfasser werden dabei vermutlich feststellen, dass es leichter ist, aus der Distanz einiger Jahrhunderte oder Jahrzehnte zu entscheiden, wer denn nun Wegweisendes gebaut hat und wer nicht. Dass Nürnbergs „Rialtobrücke“, die Fleischbrücke von Hans Beheim dem Älteren, ein Jahrhundertbauwerk ist, an dem sich die Restauratoren zurzeit die Zähne ausbeißen, ist unumstritten. Dass Jakob Wolffs Rathaus von 1622 ein mutiger Wurf ist, keine Frage. Über Zeitgenossen urteilt sich’s schwerer.

Moderne in der Provinz

Der vorliegende Band liefert zu den fünf Epochen, die er streift, kurze informative Hintergrundtexte. Die Bauten der Reichsstadt, Historismus und Jugendstil sind wichtige Themen. Auch die „Moderne in der Provinz“ wird durch die fragilen Bauten Otto Ernst Schweizers (Stadion, Milchhof)) oder die Johann Kohls (Genossenschaftssiedlung Hasenbuck, zahlreiche Postgebäude) und Robert Erdmannsdorffers (Frauenklinik Flurstraße) illustriert und kommentiert.

Die Stadt hatte Probleme mit der Moderne, ließ sie lieber „kompromisshaft“ und „in abgeschwächter Form“ zu. Hochhäuser, so die Autoren, waren nicht wirklich hoch, Flachdächer in Wirklichkeit niedrige Giebeldächer, und nüchterne Klarheit wurde durch Dekoratives im Putz gemildert. Schweizers Arbeitsamt in der Karl-Grillenberger-Straße und Ludwig Ruffs längst abgerissener Phoebus-Palast werden als Zeugen benannt.

Private Unterstützer und intellektuelle Förderer der Moderne, so ist zu lesen, fehlten auch damals. Vieles hat die wahnwitzigen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nicht überlebt. Vieles wurde abgerissen, als der Wiederaufbau begann. Das Hochhaus am Plärrer (Wilhelm Schlegtendal), die Kunstakademie und die aus dem Sandboden gestampften Siedlungen Langwassers standen für die neue Zeit.

Wer seine Stadt hin und wieder bewusst betrachtet, den wird das übersichtlich und mit vielen Fotografien und Zeichnungen gestaltete Buch bereichern. Wer die Vergangenheit kennt, kann architektonische Veränderungen kritischer, aber vielleicht auch aufgeschlossener verfolgen. Nürnberg bräuchte so ein interessiertes Publikum sehr. CLAUDINE STAUBER

„Architektur Nürnberg“, Band 1. Sandberg Verlag, Nürnberg 2002. 128 Seiten, 17,80 Euro. 

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