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Hormone und Chemie im Nürnberger und Fürther Trinkwasser

Erhöhte Konzentration von Arzneimittelrückständen bereitet Kopfzerbrechen - 28.09.2014 05:58 Uhr

Viele Menschen trinken Leitungswasser, aber ist es noch gesund?


Der Kopf schmerzt, der Druck in der Arbeit ist groß. Jetzt liegt der Griff zum Schmerzmittel nahe, um die lästigen Beschwerden loszuwerden. 2012 wurden 8120 Tonnen Arzneimittel verbraucht. In den meisten Hausapotheken sind Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol, Ibuprofen und Diclofenac zu finden. Der Körper scheidet die Medikamente aus, die Wirkstoffe gelangen ins Abwasser. Doch im Klärwerk bleiben nur wenige Substanzen hängen, die Mehrheit gelangt in Bäche, Flüsse, ins Grund- und Quellwasser.

Die Zeitschrift Öko-Test nahm das Trinkwasser in 69 deutschen Städten unter die Lupe. Auch in Nürnberg und Fürth untersuchten Spezialisten das Nass aus dem Wasserhahn. In den Fokus nahmen sie Gadolinium. Die Chemikalie dient als Kontrastmittel bei Untersuchungen im Kernspintomographen und wird dem Patienten intravenös verabreicht. In Nürnberg kamen sie auf einen leicht erhöhten Wert von Gadolinium im Trinkwasser, in Fürth auf einen erhöhten. Damit ziehen die Städte gleich mit Kommunen an Rhein und Ruhr. Beispiele: Düsseldorf, Essen, Mülheim.

Antibiotika und Östrogene

Die Stadtentwässerung und Umweltanalytik Nürnberg (Sun) untersucht 26 Wirkstoffe im Abwasser, das die Kläranlage bereits passiert hat und in die Pegnitz eingeleitet werden soll. „Wir sind nicht die Verursacher, aber wir haben eine Verantwortung für das, was aus der Anlage kommt“, sagt Birgit Packebusch von Sun. Gadolinium weisen auch die Fachleute von Sun nach. Gefährlich ist die Substanz allerdings nicht, so Packebusch. „Sonst dürfte das Mittel keinem Patienten verabreicht werden.“

Rückstände vom Schmerzmittel Diclofenac wurden ebenso gefunden wie geringe Mengen von Antibiotika. Auffällig sind auch Östrogene, wichtige weibliche Sexualhormone. Diese gelangen nach der Einnahme der Pille zur Schwangerschaftsverhütung in die Abwässer. Solche Hormone können den Hormonhaushalt und damit Fortpflanzung und Fortpflanzungsorgane beeinträchtigen, was sich etwa in der Vermännlichung oder Verweiblichung von Fischen und in Entwicklungsstörungen bei Fröschen äußern kann.

Welche Auswirkungen die Rückstände im Trinkwasser auf den Menschen haben können, darüber gibt es keine verlässlichen Erkenntnisse, so Packebusch. Die Länder sind jedenfalls nicht verpflichtet, die Abwässer nach Rückständen zu untersuchen und Daten zu erheben. „Wir machen das freiwillig.“

Lange Zeit stand mit der Herstellung von Medikamenten alleine der Mensch im Mittelpunkt. Doch seit einiger Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf mögliche Umweltauswirkungen. Seit 1998 muss für Tier- und seit Ende 2006 auch für Humanarzneimittel die Umweltwirkung geprüft werden - und das im Rahmen der Zulassung eines Medikaments. Diese Regel gilt jedoch nur für Präparate, die neu auf den Markt kommen sollen. Für die alten gilt das nicht.

Die Tatsache, dass niemand genau weiß, welche Folgen die Rückstände auf Natur und Mensch haben können, beunruhigt dennoch viele. Inzwischen wurden auch technische Verfahren entwickelt, die pharmazeutische Reste im Abwasser komplett vernichten sollen. Die Aktivkohlereinigung ist so eines. In Bayern gibt es sie noch nicht regulär. „Sie werden getestet.“ In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen ist man schon weiter. Dort wurden einige Kläranlagen mit dieser Technik bereits nachgerüstet.

Wie ein Stück Würfelzucker im Brombachsee

Öko-Test hat für das Nürnberger Trinkwasser, das von der N-Ergie kommt, einen Wert für Gadolinium von sieben Nanogramm pro Liter festgestellt. Laut Heidi Willer, Sprecherin des Wasser- und Energieversorgers, entspricht ein Nanogramm pro Liter etwa einem Stück Würfelzucker, aufgelöst im Brombachsee. „Gadolinium ist ein Metall, das zur Gruppe der Seltenen Erden gehört, die natürlicherweise in der Erdkruste vorkommen und deshalb auch natürlich in geringen Konzentrationen in Gewässern auftreten.“

Diese Verbindungen seien gesundheitlich bewertet und gelten als unproblematisch. Willer: „Die N-Ergie untersucht seit Jahren und ohne gesetzliche Verpflichtung direkt auf Arzneimittelrückstände im Trinkwasser. Das Untersuchungsprogramm beinhaltet mittlerweile 60 Einzelwirkstoffe und Abbauprodukte.“ Einige wenige Stoffe seien im Grundwasser in der Konzentration von wenigen Nanogramm pro Liter nachgewiesen worden - etwa das Antiepileptikum Carbamazepin. Die Gesundheitsbehörde habe dieses als gesundheitlich unbedenklich eingestuft.

Die allgemeine Verunsicherung der Bürger zeigt sich auch an einem aktuellen Fall: Aus den Leitungen in der Nürnberger Nordstadt sprudelte am Samstagmorgen braunes Wasser. Gerade wird es noch in einem Labor untersucht. 

ALEXANDER BROCK (Nürnberger Nachrichten)

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