Mittwoch, 14.11.2018

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Mathe und die Deutschen: Die große Angst vor Pythagoras und Co.

Eine nicht gerade innige Verbindung - 08.12.2009

Der Nürnberger Mathematik-Professor Norman Fickel ist ein recht unkonventioneller Hochschullehrer. © Iannicelli


Unkonventionell ist auch sein Unterrichtsstil. Regelmäßig packt Fickel Anekdoten aus dem Familienleben aus oder erzählt von seiner eigenen Studienzeit. Manchmal stehen Rollenspiele an. Und es ist auch schon vorgekommen, dass er kostümiert in den Hörsaal kam. Kann Matheunterricht lebendiger sein? Viele, die in Norman Fickels Kursen sitzen, sind erst einmal überrascht, denken sie doch mit Grauen an die eigene Schulzeit zurück. Mathe, fragen sie sich dann, war das nicht das Fach, das mich fast das Abi gekostet hätte?

An der Mathematik scheiden sich die Geister

Die mathematische Wirklichkeit in deutschen Klassenzimmern sieht tatsächlich nicht gerade rosig aus: 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben das Fach Mathematik im vergangenen Schuljahr mit der Note vier oder sogar schlechter abgeschlossen. Das hat jetzt eine repräsentative Studie der «Stiftung Rechnen» herausgefunden. An der Mathematik scheiden sich die Geister, entweder man liebt oder man hasst sie – dazwischen gibt es nichts. Und das in einem Land, das Leute wie Leibnitz und Gauß hervorgebracht hat.

Doch woher kommen die schlechten Noten, diese Abneigung vor den Zahlen, dieser Mathe-Hass, der sich seit Jahrzehnten so hartnäckig in deutschen Klassenzimmern hält?

«Das Bild, das viele Schüler von der Mathematik haben, ist ein sehr einseitiges», meint Günter Ziegler, Mathematik-Professor und ehemaliger Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung in Berlin. «Beim Stichwort Mathe denken viele an Pythagoras und dröge, starre Formeln. Dass Zahlen ebenso tolles Material zum Knobeln sind, dass mathematisches Können uns bis in die Kunst hinein begleitet, wird gerne übersehen.» Dabei liegen für Ziegler die Vorteile der Mathematik auf der Hand: «Mathe bietet keinerlei Interpretationsspielraum, der Schüler muss also nicht befürchten, von dem einen Lehrer schlechter bewertet zu werden als von einem anderen», sagt Ziegler. Außerdem sei Mathe heute wichtiger denn je. Ob es sich um eine einfache Kaufentscheidung handelt, um den Flug nach New York oder um ein komplexes Personalbeurteilungsmodell – all diesen Vorgängen liegt mathematisches Denken zugrunde.

«Eine riesige Mathe-Industrie», nennt es Ziegler. «Eine Modellwelt mit variantenreichen Anwendungsmöglichkeiten», sagt Norman Fickel. «Man begegnet dem einmal angeeigneten Wissen immer wieder.»

Das zumindest scheinen auch die Schüler erkannt zu haben. Immerhin 89 Prozent gaben bei der Befragung an, dass sie sich der Bedeutung einer guten Rechenfähigkeit im Hinblick auf ihre Zukunft durchaus bewusst seien. Wo aber ansetzen, um die Angst und die Scheu auszutreiben? Am Schulunterricht? Am Personal? «Wir haben viele tolle Mathelehrer in unserem Land, über die sollte man nicht schimpfen», warnt Ziegler. «Doch man lässt sie mit ihrem Unterricht alleine.» Was er meint: Wirklich guter Unterricht, in dem man illustrieren, erklären, ein komplexes Verständnis für Zahlen vermitteln kann, braucht Zeit. Und die sieht der Lehrplan nicht vor. «In Deutschland wird außerdem viel zu wenig für die Lehrerfortbildung getan», sagt Ziegler.

Die andere Seite, meint er, seien die Eltern. Man müsse sie ermutigen, ihre Kinder zu ermutigen. «Schon im Kindergarten muss die Neugier geweckt werden.» Nur so könne die Mathematik auf Dauer wieder den Stellenwert in der Gesellschaft bekommen, den sie verdient. Ziegler sieht sich auf dem Weg dahin genauso in der Pflicht wie alle anderen Initiativen, die sich mit dem Thema Mathe beschäftigen.

Das Jahr 2008 zum Jahr der Mathematik zu erklären, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung gewesen, glaubt er. «Aus den Veranstaltungen und Aktionen heraus sind viele neue Vernetzungen entstanden, die Landschaft hat sich verändert», sagt Ziegler. Viele Kontakte habe man darüber hinaus aufrechterhalten können. So dass ab jetzt eigentlich immer Mathe-Jahr sei.

Auch Norman Fickel war im Mathe-Jahr als Botschafter unterwegs, hielt zum Beispiel Vorträge im Bildungszentrum. Von seinen Studenten, sagt er, hat er da niemanden gesehen. «Und das, obwohl ich ihnen versprochen hatte, dass sie die Teilnahmegebühr von mir erstattet bekommen.»

Es wird wohl eine Weile dauern, bis in Deutschland umgedacht wird. Bis es nicht mehr als schick gilt, sich damit zu brüsten, wie schlecht man in Mathe war. «Ich hoffe, dass sich viele das in Zukunft nicht mehr trauen», meint Ziegler und erinnert an ein Ereignis im vergangenen Jahr: Barbara Sommer, Bildungsministerin von NRW, hatte in einer öffentlichen Rede erklärt, es auch ohne gute MatheNoten zu etwas gebracht zu haben. Das Publikum quittierte die Aussage mit energischen Buh-Rufen.

«Ein französischer Politiker würde so etwas nie behaupten», kommentiert Ziegler. Ohnehin sei in kaum einem anderen Nachbarland eine derart öffentliche Ablehnung der Mathematik festzustellen wie hierzulande. Andere Nationen, allen voran Singapur, China und Indien, hätten längst erkannt, dass eine fundierte mathematische Bildung auch grundlegend für die weitere Laufbahn ist. In Deutschland setzt diese Erkenntnis meist recht spät ein. Zum Beispiel dann, wenn die einstigen Schüler dem verhassten Fach an der Uni wieder begegnen und auf einmal merken, welchen Nachholbedarf sie haben.

Norman Fickel ist froh, wenn ihn die Studenten darauf aufmerksam machen. Der Professor tut dann sein Bestes, um die Missstände aufzuholen. Eine Studentenzeitung hat dem Mathe-Prof vor einiger Zeit bescheinigt, er verstehe es, den Stoff mit viel Geduld zu vermitteln. Nur das mit dem Verkleiden lässt Fickel inzwischen lieber sein. Als er einmal als Vertreter der «Internationalen Mathe-Liga» verkleidet in den Hörsaal kam, schaltete ein Student sein Handy ein und stellte das Video nach der Vorlesung ins Netz. Die Hochschulleitung fand das nicht so witzig. «Seitdem gibt es keine Maskierung mehr», erzählt Fickel. Die Zeit, die ihm nun bleibt, nutzt er anderweitig. Für ausgiebige Fragestunden zum Beispiel. 

Stephanie Händel

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