Freitag, 16.11.2018

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Mutiger Widerstand gegen die Nazis

«Höhlendrucker« Göhring: Flugblätter gegen Nationalsozialisten - 20.08.2008

Versteckt und nur schwer zugänglich: Irma Göhring vor dem Eingang der Ludwig-Völkel-Höhle bei Neuhaus/Pegnitz, in der ihr Mann Ludwig im Jahr 1933 Flugblätter gegen die Nazi-Diktatur druckte, ehe er denunziert wurde. © Armin Tauber


Seine Geschichte schrieb Ludwig Göhring in einer «antifaschistischen Biografie«, deren Titel die schlimmsten Stationen seines Leidenswegs beschreibt: Dachau, Flossenbürg, Neuengamme. Die Veröffentlichung im Jahr 2000 erlebte er aber nicht mehr. Seine Enkelin nahm sie zum Thema für ihre Geschichts-Facharbeit am Nürnberger Willstätter-Gymnasium. Doch am lebendigsten wird sie von Göhrings Frau Irma erzählt, einer quicklebendigen 88-Jährigen, die alle Details noch im Kopf hat.

Mitglied der KPD

Ihr Mann, Jahrgang 1910, stammte aus einer Arbeiterfamilie und lernte Spengler, arbeitete einige Zeit in Skandinavien und knüpfte dort Kontakte zu kommunistischen Kreisen. Zurück in Deutschland, trat er, der Sohn sozialdemokratischer Eltern, der KPD bei. Als Hitler nach der Macht griff, war ihm und seinen Freunden klar, dass sie dieses Regime bekämpfen müssten.

Ludwig Göhring wollte Flugblätter drucken, um die Bevölkerung über die wahren Absichten der Nazis aufzuklären. Zuerst in einem Gartenhaus, in der Nürnberger Gartenstadt, aber das war zu laut und zu auffällig. Dann machte ihn ein Bekannter aus dem Widerstandskreis um Ernst Niekisch auf die Ludwig-Völkel-Höhle aufmerksam, die versteckt zwischen Neuhaus/Pegnitz und Königstein liegt. Sie war und ist so wenig bekannt, weil sie so schwer zugänglich ist.

Man muss sich durch einen schmalen Schacht fast zehn Meter tief abseilen, um in die Grotte zu gelangen. Das ist für einen Ungeübten schwer genug - aber noch schwerer für einen, der eine Druckmaschine mitnehmen will. Die Widerstandskämpfer mussten den Apparat zerlegen, in die Höhle transportieren und dort wieder zusammensetzen. «Das war ein sehr leichtsinniges Unterfangen«, sagt Irma Göhring, aber vor allem mit Blick auf die gefährliche Höhle. Doch die realen Gefahren waren politischer Art.

Denunziert und verhaftet

Kurz nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 fing Göhring mit dem Drucken an - und blieb bis zum August unbehelligt. Die Flugblätter schaffte er mit dem Motorrad an den Nürnberger Ostbahnhof und übergab sie dort den Verteilern. Das fiel einer Frau in der Nachbarschaft auf. Sie alarmierte die Polizei, die Göhring festnahm und die Flugblätter beschlagnahmte. «Polizisten und SA-Leute haben ihn zwei Tage lang verhört und geschlagen, er war sehr zugerichtet«, erzählt die Witwe, «dann kam er nach Dachau, 14 Tage Dunkelhaft, Essen nur alle vier Tage.«

Ludwig Göhring wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er in Nürnberg verbüßte. Am Ende wartete aber nicht die Freilassung, sondern erst das KZ Dachau, dann das KZ Flossenbürg und, im Frühjahr 1939, wieder Dachau. Nächste Stationen waren die KZ Buchenwald, Neuengamme und Mauthausen. «Er war ein politischer und Funktionshäftling, deshalb ging es ihm relativ gut«, sagt seine Frau.

In Strafeinheit versetzt

Doch dann, Ende 1944, kam Ludwig Göhring überraschend in die Strafeinheit Dirlewanger, in der sonst nur straffällig gewordene Soldaten Dienst tun mussten. Er wurde in eine SS-Uniform gesteckt und an die Ostfront geschickt. Dort gelang es ihm zu desertieren - er wechselte die Fronten und schloss sich der Roten Armee an.

Nach kurzer Gefangenschaft kam Ludwig Göhring im Oktober 1945 zurück nach Deutschland. Eine der ersten Anlaufstationen war die Betreuungsstelle für ehemalige KZ-Häftlinge - dort lernte er seine Frau kennen. Sie, die ebenfalls aus einem NS-kritischen Elternhaus stammte, arbeitete auf dem Amt.

Ludwig Göhring selbst wurde 1946 Leiter der Stelle und kam später nach München in die Zentrale des Staatskommissariats, ehe er sich dank der Haftentschädigung («fünf Mark für jeden KZ-Tag«) im Lehrmittelhandel selbstständig machte.

«Das war sein Leben«

Die ganze Zeit über hatte Göhring Verbindungen zur KPD und später zur DKP. «Das war sein Leben, und er hat bis zu seinem Tod geglaubt, mit dem Sozialismus käme die Menschheit weiter«, kommentiert seine Frau. In Nürnberg gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des NS-Regimes (VVN). Um die Erinnerung an die Nazi-Gräuel wachzuhalten, ging er in Schulen und besuchte mit Schülern KZ-Gedenkstätten.

Das ist es auch, was Irma Göhring in der Diskussion um Neonazis allen mit auf den Weg geben will: «Es gab und gibt zu viele, die sich taub stellten, und zu wenige, die etwas tun. Man müsste viel öfter ,Nein‘ sagen.«

Das Buch: Ludwig Göhring, Dachau, Flossenbürg, Neuengamme, GNN-Verlag Schkeuditz, 458 Seiten, 16 Euro. 

Herbert Fuehr

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