Mittwoch, 14.11.2018

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Ötzi wäre beinahe auf dem Friedhof gelandet

Sensationsfund des Nürnberger Ehepaars Simon: Was ein Ötztaler Bestatter über die 5300 Jahre alte Eismumie denkt - 04.01.2012 07:00 Uhr

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Ötzi: Seine Geschichte in Bildern

Vor 20 Jahren fand ein Nürnberger Ehepaar am 19. September 1991 den Mann aus dem Eis. Bis dahin gab es weltweit keinen Fund eines Menschen, der so alt und so gut erhalten war wie Ötzi.


Aug’ in Aug’ mit dem Gletschermann: Die Nürnbergerin Erika Simon sieht sich Ötzi an, dessen Aussehen von Wissenschaftlern rekonstruiert wurde. © Lorenz Bomhard


Heute muss Gendarm Anton Kohler von der Autobahnpolizei Imst schmunzeln, wenn er an die Szenen von Ötzis Bergung denkt. Freitagnachmittag wollte er, damals Mitte 30, mit seinen Freunden von der Ötztaler Musikkapelle zum Raften gehen. Vorher sollte er die Eisleiche per Helikopter ins Tal bringen. Doch Ötzi steckte fest im Eis.

Mit Pickel und Presslufthammer werkelte Kohler und gab schließlich auf. Zum Raften war er rechtzeitig im Tal. Von diesem ersten Bergungsversuch stammen die Beschädigungen an Ötzis Hüfte: „Beim nächsten Ötzi machen wir das besser“, verspricht Toni Kohler.

Auftritt Reinhold Messner: Der Extrembergsteiger kam zufällig auf die Similaunhütte und interessierte sich für den ausgemergelten Torso. „Eine alte Leich’“ soll es sein, hörte er und machte sich auf den Weg zur Fundstelle. Angesichts des Beils, das bei Ötzi lag, datierte er den Mann aus dem Eis gleich mal aufs Mittelalter. Übers Wochenende fror die Leiche derweil wieder ein.

Vier Tage, nachdem die Simons den leblosen Körper entdeckt hatten, flog der Leichnam in einem Plastiksack ins Tal. Der Hubschrauber landete im Bergsteigerdorf Vent im Ötztal. Vergeblich hatte die Polizei an der Fundstelle nach einem Ausweis gesucht, also packten die Gendarmen als Beweisstücke ein, was neben Ötzi lag. Den zwei Meter großen Bogen zerbrachen sie, damit er in den Leichensack passte. Das Beil wäre „beinahe in einer Jacke verschwunden“, aber schließlich siegte die Ehrlichkeit – das Werkzeug aus Kupfer hat ein Umdenken der Wissenschaft über die Fähigkeiten der Menschen in der Jungsteinzeit bewirkt. Zuvor war die Kupferzeit erst einige Jahrhunderte später angesetzt worden.

Nur ein Einsiedler?

In Vent schlug die Stunde von Anton Klocker, Bestatter. Der junge Mann packte Ötzi und wollte ihn „mit dem nagelneuen Leichenwagen“ in einem Sarg zur Gerichtsmedizin nach Innsbruck bringen. Doch der Arm der Leiche war seltsam angewinkelt, so dass sich der Sarg nicht schließen ließ.

Klocker sagt, er habe „den Arm leicht gebogen“. Später entdeckten Wissenschaftler eine „Armfraktur post mortem“, genauer gesagt 5300 Jahre nach dem Tod.

Bestatter Klocker sieht den Ötzi-Kult und die Ausstellung der Leiche in Bozen kritisch: „Für mich ist das ein Mensch, der eine andere Ruhestätte verdient hätte.“ Im Klartext: Er will Ötzi bestatten. Erst 2010 hat er die Leiche noch mal in Bozen angeschaut: „Das gefällt mir nicht.“

Dabei hätte nicht viel gefehlt und Klocker hätte den unbekannten Toten mit der Nummer 619/91 anonym begraben dürfen. In Innsbruck lagen Ötzis sterbliche Überreste auf dem Seziertisch von Hans Unterdorfer. Der Gerichtsmediziner erinnert sich noch genau. Im ersten Moment dachte er, es könne sich um einen der Einsiedler aus den Nachkriegswirren handeln, die zerlumpt in den Bergen gelebt hatten.

Der Bestatter Anton Klocker will Ötzi noch immer begraben. Bei der Bergung der Mumie hat er Ötzi den Oberarm gebrochen, als er ihn in den Sarg presste.


Volle Kühlfächer

Außerdem war Eile angesagt. Alle Kühlfächer waren voll – der ungewöhnlich warme Sommer 1991 hatte in Tirol etliche Bergsteigerleichen „ausapern“ lassen. Unterdorfer war schon geneigt, die Leiche wieder dem Bestatter Klocker mitzugeben, denn alte Leichen sind für die Gerichtsmedizin uninteressant, „wenn davon auszugehen ist, dass ein möglicher Mörder auch schon tot ist“.

Unterdorfer befiel aber eine eigenartige Unruhe. Ötzi lag über Nacht auf dem Seziertisch. Und taute allmählich auf. Der Gerichtsmediziner wachte morgens um vier Uhr auf und ging in sein Institut. Eine Art „Totenwache“ hielt er, erzählt er. Bevor der Leichnam an Klocker überantwortet würde, sollte Archäologieprofessor Konrad Spindler ein Auge auf den 15 Kilogramm schweren, vertrockneten Körper werfen. Spindlers erster Kommentar: „Ein Student im zweiten Semester würde erkennen, dass es sich hier um einen wertvollen Fund handelt.“

Auch der Erfinder des Namens Ötzi, der Wiener Journalist Karl Wendl, heute 53, feierte mit der Nürnbergerin Erika Simon im Jahr 2011 — sowohl das Schnalstal als auch das Ötztal erinnerten an „20 Jahre Ötzi-Fund“. „Diese ausgetrocknete, grässlich anzusehende Leiche muss lieblicher werden, um daraus eine gute Story zu machen“, hatte Wendl damals schon befunden. Er leitete den Namen vom Yeti ab, jenem riesigen und haarigen Himalaya-Bewohner, den Bergsteiger Messner gesehen haben will.

Der Südtiroler Vorzeige-Bergfex nutzte das mediale Interesse, um den Tod Ötzis zu erklären: Der mit einem Pfeil und Schlägen auf den Kopf ermordete Mann sei das Opfer eines Eifersuchtsdramas geworden, sprach er erst jüngst auf seinem Schloss Juval.

Die weltweit 180 Wissenschaftler, die sich mit Ötzi beschäftigen, werden die haarige Theorie nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren: „Ötzi lässt viel Spielraum für Spekulationen“, weiß auch Erika Simon.

www.archeoparc.it

www.oetzi-dorf.at


  

VON LORENZ BOMHARD Lokales Nürnberg

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