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"Job Patchwork": Wenn der Hauptberuf zum Leben nicht reicht

Ein sozialer Aufstieg gelingt mit diesem Arbeitsmodell jedoch nur selten - 05.10.2018 10:07 Uhr

Um genug Geld in der Tasche zu haben, müssen viele Menschen in Deutschland zu einem Zweitjob greifen. © Andreas Gebert/dpa


Wenn es gut läuft, stellt Irina um sieben Uhr morgens nach getaner Arbeit die Eimer in den Putzschrank des Versicherungsunternehmens und kriegt zehn Minuten später den Bus. Dann sitzt sie um punkt acht Uhr tadellos geschminkt am Empfang einer Dortmunder Bürogemeinschaft, verteilt die Post und den Kaffee. Die Bochumerin, die nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen will, ging schon den verschiedensten Minijobs nach, etwa Chips wechseln im Casino, Regale einräumen im Discounter.

Dass Irina abends außerdem noch näht, wissen ihre Kollegen und geben auch manchmal Kleidungsstücke in Auftrag. "So reicht es für uns, und ich kann auch den Kindern alles ermöglichen", berichtet Irina, seit vier Jahren alleinerziehend mit drei Kindern zwischen fünf und 15 Jahren.

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Fast 3,3 Millionen Menschen in Deutschland haben wie Irina mehr als nur einen Job. Eine Zahl, die sich seit 2004 um mehr als eine Million erhöht hat, wie Statistiken der Bundesagentur für Arbeit ausweisen. Tendenz: steigend.

"Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht aus", sagt Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, die bei der Bundesregierung die Daten abgefragt hat. Sie arbeiteten aus "purer finanzieller Not heraus und nicht freiwillig". Die Abgeordnete fordert deshalb einen Mindestlohn von zwölf Euro und das "Ende systematischer Niedriglohnbeschäftigung wie Leiharbeit".

Zwischen "Multijobbing" und "Job Patchwork"

Ganz anders hören sich viele Karriereratgeber an: "Multijobbing" oder "Job Patchwork" gilt als Chance, "mehr als nur einen Traumjob auszuüben" und den eigenen Horizont zu erweitern. Multijobbing werde die Zukunft der Arbeit so oder so prägen, sagt der Wiener Trendforscher Ali Mahlodji, der für das Frankfurter Zukunftsinstitut die Publikation "Work Report 2019" verfasst hat. "Durch Automatisierung wird sehr viel von der Arbeit, die jetzt in Vollzeit stattfindet, in Teilzeit zu bewältigen sein", sagt Mahlodji: "Man braucht die Stellen trotzdem noch, für ein Vollzeitgehalt aber eben mehr als eine."

Er empfiehlt, die Jugend schon in der Schule darauf vorzubereiten, Arbeit als Projekt zu sehen. "Das erschreckt die heutige Großelterngeneration, die einen lebenslangen sicheren Arbeitgeber hatten", sagt Mahlodji, der nach einem Schulabbruch selbst mehr als 40 verschiedene Hilfsjobs angenommen hat. "Für Jugendliche hat es auch etwas Beruhigendes: Wenn es mir nicht gefällt, kann ich wechseln - und keiner verurteilt mich", betont der Forscher.

Zusätzliches Geld für die Haushaltskasse

Fest steht: Diejenigen, die heute mehr als einen Job haben, verdienen im Hauptjob weniger als Menschen mit nur einem Job. Und zwar im Schnitt 570 Euro. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Fast 90 Prozent kombinieren eine sozialversicherungspflichtige Stelle mit einem Minijob. "Dieses Modell wird ja auch staatlich gefördert", sagt dazu IAB-Forscher Enzo Weber. Die 450 Euro sind für Arbeitnehmer komplett abgabenfrei - zusätzliches Geld für die Haushaltskasse.

Ein Fehlanreiz, findet Weber, und nur kurzfristig attraktiv für Geringverdiener. "Sie machen in der Regel einfache Jobs, die nicht auf Dauer angelegt sind, nicht weiterbildend und auch nicht gut mit Blick auf die Rente", sagt Weber. Er plädiert deshalb dafür, "die Hauptbeschäftigung zu fördern und Geringverdiener von Abgaben zu entlasten."

Prekäre Arbeitsbedingungen

Ein sozialer Aufstieg gelingt mit diesem Arbeitsmodell nur selten, glaubt auch die Göttinger Soziologin Natalie Grimm. "Die Zusatzjobs qualifizieren ja nicht. Und durch die unregelmäßige Anwesenheit und den Zeitdruck entsteht für die Beschäftigten auch kein beruflich nützliches Netzwerk aus Arbeitskollegen", sagt Grimm, die über prekäre Arbeitsbedingungen in Privathaushalten forscht.

Irina hätte lieber mehr Stunden in ihrem Hauptjob. "Das würde mir viel Fahrtzeit und viele Nerven sparen", sagte sie. Außerdem hätte sie dann mehr Zeit für ihre drei Kinder. 

epd

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