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Müllentsorgung auf taiwanesisch – brutal effektiv!

In Taipeh gibt es keine Mülltonnen, dafür hochoffizielle Mülltüten der Stadtverwaltung - 13.10.2010 14:09 Uhr

In Taipeh darf der Müll nicht in jede x-beliebige Plastiktüte gesteckt werden, sondern nur in die offiziellen, die die Verwaltung herausgibt. © colourbox.com (Symbolbild)


Die Antwort auf diese Frage haben die hiesigen Behörden mit dem ihnen eigenen Sinn fürs Pragmatische gelöst. Mülltrennung gibt es hier schon lange, und jeder taiwanesische Haushalt sammelt brav Plastik, Glas, Papier, Bio- und Restmüll. Bis die Müllabfuhr kommt, und das tut sie fünfmal die Woche. Drei quietschgelbe Lastwagen kündigen ihre Ankunft über Lautsprecher mit einer Melodie an, die anzeigt, dass es Zeit ist, die Tüten runterzutragen. Und so sieht man binnen weniger Sekunden Dutzende Menschen aus den mehrstöckigen Gebäuden und den umliegenden Gassen strömen, alle mit Mülltüten bepackt und stets zu einem kleinen Schwätzchen bereit. Dabei helfen die allgegenwärtigen Teeküchen, die nächste Plaudergelegenheit ist in Taipeh nur selten mehr als 30 Meter entfernt. Der erste Lastwagen nimmt den Restmüll auf, der zweite das Plastik, auf dem dritten werden die Wertstoffe abgeladen.

„Ach du meine Güte!“, schreit da so mancher deutsche Recycling-Guru entsetzt, „das lädt doch ein, Unmengen von Müll in Tüten zu stecken – wo bleibt da die Umwelterziehung?“ Solche Experten seien beruhigt, der gleiche Gedanke ist den Stadtvätern von Taipeh natürlich auch gekommen. Und die Lösung ist – wie so oft in diesem Land – erstaunlich einfach: Der Müll darf nicht in jede x-beliebige Plastiktüte gesteckt werden, sondern nur in solche, welche die Verwaltung herausgibt. Und zwar gegen Bezahlung. „Ja muss ich denn jedes mal aufs Rathaus, um mir einen Müllbeutel zu holen?“, ist die logische nächste Frage. Nein, muss man nicht, die Tüten mit dem Stadtsiegel gibt es fast an jeder Ecke, die allgegenwärtigen Seven-Eleven-Shops halten sie 24 Stunden am Tag feil. Und weil man somit in Taipeh also bares Geld bezahlen muss, um seinen Restmüll zu entsorgen, hat sich die Müllmenge in den vergangenen Jahren deutlich reduziert – manche meinen, um bis zu zwei Drittel. Das ist unmittelbare Umwelterziehung, da wo's weh tut: im Geldbeutel. Ganz ohne das bürokratische Brimborium mit dem Erheben und Eintreiben einer Abfallgebühr. Und nirgends steht eine stinkende Mülltonne herum... Brutal effektiv, oder? 

Martin Damerow

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