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Wissensmacht mit Monopol-Anspruch

Zehn Jahre Wikipedia: Expertentreffen in Nürnberg - 11.09.2011 18:16 Uhr

Der Brockhaus war gestern – inzwischen suchen Millionen Menschen auf Wikipedia nach Informationen. Aber sind die auch vertrauenswürdig? © dpa


Dann erfährt er bei Wikipedia, das sei ein Sachwörterbuch oder ein Nachschlagewerk. Und er bekommt die Information, dass früher in Deutschland der „Brockhaus“ dafür stand, gedruckt in vielen Bänden oder als „Volksbrockhaus“ auf ein dickes Buch komprimiert.

Der Durchschnittsmensch gibt sich damit zufrieden. Er hat nur gerade die Erfahrung gemacht, dass er nicht zum Brockhaus griff, sondern seinen Computer (oder sein Handy) benutzte. Damit steht fest: Im Internet-Zeitalter hat Wikipedia den Brockhaus zumindest ergänzt, wenn nicht gar schon ersetzt.

Problematischer wird es, wenn der Mensch womöglich Lehrer ist, der Aufsätze korrigieren muss. Oder Lehrbeauftragter an der Universität, der Seminararbeiten zu beurteilen hat. Oder Journalist, der für einen Artikel recherchiert. Schüler und Studenten nutzen Wikipedia geradezu schamlos als Wissensquelle. Journalisten auch. Aber wer garantiert ihnen für die Richtigkeit und Belegbarkeit der bei Wikipedia vorgefundenen Inhalte?

Schließlich wird die Wissens-Enzyklopädie nicht unbedingt von sachkundigen Fachleuten verfasst. Sie setzt vielmehr auf das, was man inzwischen „Schwarmintelligenz“ nennt. Jeder kann sein Wissen in sie einbringen. Er kann sich selbst als „Beiträger“ überdies unter einem Pseudonym tarnen. Und jeder Artikel in Wikipedia steht der Korrektur durch jeden Nutzer offen. Auch im Brockhaus gab und gibt es selbstverständlich Korrekturen. Neue Erkenntnisse werden eingearbeitet. Aber mit Wikipedia ist das Wissen viel flüssiger geworden. Demokratischer auch. Aber gleichzeitig vertrauenswürdiger?

In diesem Jahr hat Wikipedia den 10. Geburtstag begangen – die amerikanische Originalversion im Januar, der deutschsprachige Ableger im März. Doch nicht nur, um zu feiern, hat sich die „Community“ von Wikipedia am Wochenende im Nürnberger Bildungszentrum zu einer „Convention“ getroffen. In vielen Werkstattgesprächen und Podien hat man unter dem Motto „Wissen fängt mit W an“ Erfahrungen ausgetauscht. In letzter Zeit war von Nachwuchsproblemen beim Wissensspeicher zu hören, von Ermüdungserscheinungen, von Querelen. Auf dem Hauptpodium räumte der Fürther Administrator (eine Art Steuermann bei Wikipedia) Magnus Gertkemper ein: „Ein Neuling fühlt sich nicht unbedingt willkommen.“

Wie es unter den Produzenten des Nachschlagewerks zugehen kann, machte ein Wiki-Autor mit dem Nicknamen „Dr. Koto“ in einem Werkstattgespräch deutlich. Er schreibt Beiträge zu japanischen Mangas und Anime und fühlt sich von der Gemeinde ganz unverstanden. Man spricht seinen Beiträgen die Relevanz ab und droht mit Löschung (die „Edit Wars“, „Kriege“ um die Editionspraxis, sind ein großes Thema in der „Community“).

Der Fall „Dr. Koto“ verweist gleichzeitig darauf, dass Modeerscheinungen der Populärkultur bei Wikipedia oft ausführlicher und liebevoller behandelt werden als das harte Brot der Wissenschaftsgeschichte.

Entgegen den Relevanz-Kriterien des enzyklopädischen Hauptstroms haben sich zahlreiche Nischenprojekte in der Wikipedia herausgebildet. Dazu gehören Stadt- und Regional-Wikis wie das von der NZ betriebene „Franken-Wiki“. Auch sie waren Thema im Bildungszentrum. Und sie gehören ganz gewiss zu einer Gegenbewegung im unüberschaubar schäumenden Ozean des Internet. Man sehnt sich nach der Überschaubarkeit des Regionalen, den Klängen der heimatlichen Dialekte, den Hinweisen auf vertraute Speisen, Wein- oder Biersorten. Diese Haltungen zu bedienen, ist die Aufgabe der Regional-Wikis. Ob die Verlinkung mit der großen Enzyklopädie gelingt, wird eine Frage der Software sein.

Darauf hat Magnus Gertkemper auf der Podiumsdiskussion zum Thema „10 Jahre Wikipedia – Freies Wissen für alle“ hingewiesen. Dieses Gespräch unter der Moderation des Journalisten Peter Lokk hat die glänzenden und verschatteten Seiten des digitalen Sachwörterbuchs nochmals gebündelt. Zu den Schatten gehört die Wissensmacht, die Wikipedia inzwischen nahezu monopolistisch angesammelt hat. Was bedeutet es, wenn die Internet-Suchmaschinen bei der Frage nach der Definition von Wikipedia ausschließlich auf Adressen von Wikipedia verweisen?

Der Eichstätter Publizistik-Wissenschaftler Prof. Klaus Meier und der NN-Journalist Klaus Schrage forderten unisono Skepsis und quellenkritische Haltung bei der Nutzung der Enzyklopädie ein. Ting Chen, der Vorsitzende des Boards der Wikimedia Foundation in San Franzisco, berichtete über Sammeln und Verwendung von Spenden an Wikipedia. Auch dieses Wissens-Geschenk von ehrenamtlichen und unbezahlten Mitarbeitern ist also im Kern eine Maschine, um Gelder zu generieren.

Andererseits ist Wikipedia tatsächlich ein „Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft“, wie Pavel Richter, Geschäftsführer von „Wikimedia Deutschland e.V.“, anführte. Solche Meisterwerke nimmt die Unesco gern in das „Weltkulturerbe“ auf. Um dieses Ziel ringt nun auch die Wiki- Gemeinde. In Nürnberg wurden wieder Unterschriften gesammelt. 

Herbert Heinzelmann

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