Mittwoch, 12.12.2018

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Bayern: Muslimisches Alltagsleben besser als gedacht

Interview der NZ mit dem Direktor des Erlanger Islamzentrums - 20.07.2018 09:08 Uhr

Frauen mit Kopftuch werden auf der Straße häufig schief angeschaut. Doch im Großen und Ganzen empfinden viele Muslime das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft eher positiv. © Foto: Boris Roessler, dpa


NZ: Das Alltagsleben der Muslime in Bayern scheint Ihrer Studie zufolge konfliktärmer als angenommen – das gilt offenbar auch für das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft.

Mathias Rohe: Das kann man schon sagen, es gibt sehr viel gute Alltagsnormalität. Die meisten wünschen sich auch, dass dies nach außen mehr sichtbar wird, dass Islam nicht immer nur als Problem dargestellt wird. Es gibt Probleme, das wird auch offen eingeräumt, aber es klappt schon vieles gut. Nicht immer ist die Religionszugehörigkeit das Problem, sondern die Herkunft – oft sind patriarchale Strukturen das Grundübel, aber das gibt es auch in Russland oder Indien. Viele wünschen sich eine sorgsamere Sprache und eine differenziertere Debatte, statt einer menschenverachtenden Ausgrenzung, wie es der Parteipolitik der AfD entspricht.

NZ: Viele Länder mit verschiedenen Konfessionen sind patriarchalisch geprägt, aber Religionen stützen eben auch alte Strukturen.

Rohe: So ist es, dem muss man ins Auge sehen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir eine muslimische Selbstdefinition haben, die dem Rahmen entspricht, den wir uns hier in Deutschland gegeben haben. Ganz wichtig ist hierbei der Ausbau des Islamischen Religionsunterrichts – damit da Stimmen gehört werden, die sich eben gerade in diesen Grundkonsens hineinstellen und nicht dagegen.

NZ: Religiöse Riten und Bräuche sorgen mitunter für Schwierigkeiten. In Bayern gibt es ein besonderes Problem bei den Bestattungen.

Rohe: Wer sich in einem bestimmten Land bestatten lässt, der beheimatet sich dort auch, es ist die letzte Heimat des Leibes. Bislang haben sich viele muslimische Migranten in ihrem Herkunftsland bestatten lassen. Aber in 13 Bundesländern ist inzwischen eine muslimische Bestattung möglich. Bayern sollte das 14. Land werden. In Fachkreisen wird das breit befürwortet, auch von den Kirchen.

Prof. Mathias Rohe ist Gründungsdirektor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa — eines ersten Grundsteins für die künftige Forschungseinrichtung. © André de Geare


NZ: Wie sieht es mit dem klassischen Konfliktstoff aus, dem Kopftuch?

Rohe: Wenn bei einer Lehrerin nicht konkret einen Anlass zu Misstrauen gibt, kann sie ein Kopftuch tragen, so sind die Leitlinien des Bundesverfassungsgerichts. In der Justiz herrscht eine besondere Neutralitätspflicht. Ich habe schon Verständnis, dass da viele Bedenken gegenüber einer Richterin mit Kopftuch hätten. Ich war selber mal Richter und hatte diese Robe an. Wo Amtstrachten oder Uniformen eingeführt sind, ist das ein Anzeichen dafür, dass der Mensch sich in seiner Persönlichkeitsäußerung stark zurückhalten muss, weil die Ausübung des Amts im Vordergrund steht.

NZ: Auch das Fasten im Ramadan kollidiert immer wieder mit offiziellen Anforderungen.

Rohe: Wenn Schüler beim Ramadan im Sommer zusammenklappen, bringt das Probleme. Es ist eine schwierige Abwägung zwischen Religionsfreiheit und Bildungsauftrag. Was wir brauchen, und womit ich auch in absehbarer zeit rechne, das ist eine Erklärung zur Alltagspraxis, die gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und Vertretern der muslimischen Zivilgesellschaft erstellt werden sollte. Es gibt ja islamische Rechtfertigungen für Fälle, in denen das Fasten mehr schadet als nützt. Das könnte bei Schulprüfungen oder Sportereignissen gelten, da könnte man das Fasten dann aussetzen oder nachholen.

NZ: Beim Fasten sind also Kompromisse möglich, wie sieht es beim Essen aus, etwa in Kitas oder Schulen?

Rohe: Wir haben bei den Alltagserfahrungen keine Schwierigkeiten aus dieser Richtung gehört. Es ist dringend davor zu warnen, aus den Speiseplänen einen Kulturkampf abzuleiten. Es darf gerne solide fränkische Küche geben, wenn es dazu noch eine Alternative ohne Schweinefleisch gibt. Für Muslime – oder Vegetarier. Von vorauseilendem Gehorsam halte ich nichts und rate zu einer entspannten Herangehensweise.

NZ: Wo läuft es denn weniger entspannt?

Rohe: Bei der Arbeits- und Wohnungssuche sind die Chancen wesentlich schlechter mit einem fremd klingenden Namen. Viele sagen, sie haben manchmal Diskriminierungserfahrungen, insbesondere Frauen mit Kopftuch werden auf der Straße schief angeschaut. Aber im Großen und Ganzen sagen die meisten zum Zusammenleben hier: Das geht eigentlich ganz gut. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass es Bayern insgesamt sehr gut geht, die Sozialkonkurrenz ist geringer als in anderen Regionen.

NZ: Trotzdem gibt es auch hier Frust und Hass.

Rohe: Uns bewegt die Zunahme von Extremismus auf zwei Seiten. Der muslimische Extremismus wächst immer noch, und das sind nicht nur frustrierte junge Männer. Wir haben auch von Kindern aus sehr gut integrierten Familien gehört, die nach den Attentaten von Paris weinend aus der Schule kommen, weil sie dort als Terroristen verunglimpft wurden. Das macht dann auch mit den Eltern was, wenn sie nach Jahrzehnten das Gefühl vermittelt bekommen, sie werden hier doch nicht gewollt. Und da gibt es eben auf der anderen Seite eine zunehmende Islamfeindlichkeit, dieses pauschale Abwerten und aggressive Auftreten mit einer völlig verrohten Sprache. Viele Muslime sind besorgt, dass wir mit der AfD eine Partei haben, die in ihrem Programm eine dezidiert islamfeindliche Politik vertritt, mit aus meiner Sicht verfassungsfeindlichen Forderungen zur Religionsfreiheit. 

Erik Stecher

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