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"Demokratiegefährdend": Erlanger Professor über Facebook

Peter Dabrock fordert, soziale Netzwerke "an den Hörnern zu packen" - 19.02.2018 06:00 Uhr

Ein Riese, der sich nicht immer seiner Werte und Normen bewusst ist: Facebook prägt das Leben von Milliarden Menschen. © Foto: Loic Venance/afp


Professor Dabrock, Sie beraten Facebook in ethischen Fragen. Was raten Sie einem Unternehmen, das sich als notorische Datenkrake erwiesen hat und sich gerne mal über nationale Gesetze stellt?

Peter Dabrock: Da muss ich etwas klarstellen: Das ist kein Beratergremium von Facebook, in dem ich Mitglied bin. Es handelt sich vielmehr um einen von Facebook initiierten Gesprächskreis zum Thema "Digitalität und Verantwortung". Als Facebook auf mich zukam, habe ich mir gedacht: "Wenn ein Unternehmen, von dem du selber sagst 'Obacht', das aber das Leben von mindestens zwei Milliarden Menschen prägt, einen Gesprächspartner sucht, dann kannst du dich nicht verweigern." Ich will auf jeden Fall unabhängig bleiben und versuche der Gefahr, vereinnahmt zu werden, unter anderem dadurch zu begegnen, indem ich kein Honorar nehme.

Sie reden mit Facebook, sind aber nicht Mitglied. Warum nicht?

Dabrock: 2010, da hatte Facebook nur etwa 450 Millionen Mitglieder, hatte ich ein Forschungsprojekt, bei dem wir uns die Privatheitseinstellungen von Social-Media-Plattformen angeschaut haben. Im Vergleich zu heute war das damals bei Facebook desaströs. Da hieß es im Grunde: "Lasst die Hosen runter, sonst kommt ihr bei uns nicht rein." Ich war damals so schockiert, von dem, was man da alles preisgeben muss, dass ich damals sehr bewusst gesagt habe, dass ich nicht mitmache. Inzwischen kann man bei den Privatheitseinstellungen sehr sensibel mit seinen Daten umgehen. Unternehmen wie Facebook versichern, dass sie schon eine Menge täten. Facebook, Google und YouTube haben zum Beispiel einen Filter-Algorithmus entwickelt, der weit über 90 Prozent der islamistischen Terrorvideos ausfiltert.

Und dennoch treiben Sie tiefe Sorgen mit Blick auf die Social-Media-Plattformen um.

Dabrock: Mich beunruhigen drei Dinge bei Facebook. Auf der ökonomischen Ebene bewegen wir uns mit Facebook, Amazon und Google auf Monopolstrukturen zu, wie wir sie in der Geschichte der Weltwirtschaft so noch nicht gehabt haben. Und wir sind da inzwischen an einer Stelle, die ganz knapp vor oder schon hinter dem "Point of no return" liegt. Der Einfluss dieser drei Unternehmen ist bereits so gewaltig, dass dieser politisch fast nicht mehr aufzusprengen ist. Allerdings machen jüngst Gerichtsurteile in Brüssel und Berlin Mut, dass noch nicht aller Tage Abend ist.

Peter Dabrock (53) ist Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 2016 ist er Vorsitzender des Deutschen Ethikrates.


Auf gesellschaftlicher Ebene beunruhigen mich die mit Facebook verbundenen Echokammern und Filterblasen. Die Öffentlichkeit und damit die Zivilgesellschaft fragmentieren sich dadurch in einem höchst problematischen Maße. Und dann kommt die individuelle Ebene hinzu: Die Kommunikationsstrukturen des Einzelnen verändern sich, weil eine extreme Emotionalisierung stattfindet. Facebook will die Leute möglichst lange auf seinen Seiten halten, was durch eine möglichst emotionalisierte Kommunikation erreicht wird. Emotionalisierung hat aber in der Regel eine Tendenz zur Radikalisierung und Extremposition. Es liegt also im Wesen von Social Media, dass diese Plattformen polarisieren. Und das ist für eine Gesellschaft, die davon lebt, dass es sozialen Kitt und etwas Gemeinsames gibt, ein notorischer Webfehler.

Was schlagen Sie vor?

Dabrock: Facebook muss bei den Hörnern gepackt werden und es muss beweisen, dass es das, was es seit zwei Jahren verspricht, auch wirklich umsetzt. Wir dürfen nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen und warten, dass eine noch subtilere Form der individuellen und kollektiven Beeinflussung durch solche Plattformen stattfindet. Das Allerwichtigste dürfte sein, dass wir Treuhänder-Verfahren entwickeln. Das könnte auch ein neues Geschäftsmodell werden, für das der Staat die Rahmenbedingungen vorgibt. Es müssen Organisationen entstehen, die als Vertreter des Staates agieren - quasi ein Tüv für Social Media. Der Einzelne könnte über die Schnittstellen dieser Organisationen eingreifen und über die Verwendung seiner Daten bestimmen.

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Was macht das mit unserer Gesellschaft, wenn wir Treuhänder brauchen, die die Grundrechte durchsetzen?

Dabrock: Ihr Auto können Sie auch nicht mehr selber reparieren und Ihre Steuererklärung nicht mehr selber machen. Möglicherweise führt diese Entwicklung zu neuen sozialen Ungleichheiten. Die, die sich einen solchen Datentreuhänder leisten können, werden noch einigermaßen ihre Privatheit bewahren können. Und die, die es sich nicht leisten können, werden zum Spähobjekt großer Konzerne. Da muss man aufpassen! Hier liegen tatsächlich demokratiegefährdende Spannungen: Social Media wird wahrscheinlich dazu beitragen, dass die Mittelschicht, die doch eigentlich das Rückgrat der Gesellschaft ist, zerbröselt. Ich habe den Eindruck, dass in der Politik sehr viele noch nicht verstehen, wie haarscharf wir am Abgrund unseres bisherigen Gesellschaftsmodells stehen.

Werden die Risiken bei der Debatte um Big Data nicht überbetont? Worin bestehen die Chancen?

Dabrock: Wenn es diese Chance nicht gäbe, bräuchten wir dieses Gespräch gar nicht zu führen. Am Ende ist es immer noch die Gesellschaft, die entscheidet. Und die Gesellschaft kann Verfahren schaffen, die dem Einzelnen seine Datensouveränität garantiert. 

Interview: Michael Husarek, Alexander Jungkunz, Kurt Heidingsfelder, Armin Jelenik

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