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Fränkischer Islamexperte zu Özil: "Insgesamt ein Desaster"

Rechts- und Islamwissenschaftler beleuchtet Mesut Özils Rassismus-Vorwürfe - 24.07.2018 05:34 Uhr

Mesut Özil wird wohl nie wieder im DFB-Dress auflaufen. © Christian Charisius/dpa


Özil betont, dass sein Bild mit Präsident Erdogan keine politische Intention hatte. Geht das überhaupt?

Mathias Rohe: Das ist zumindest eine Aussage, die sehr naiv klingt. Vor allem möge man bedenken, dass es einen Emre Can gibt, der auch eingeladen war und nicht hingegangen ist. Man konnte also auch als Fußballspieler auf die Idee kommen, dass das eine politische Dimension haben wird. Özil sagt, er respektiere damit die Tradition seiner Familie. Das unterstellt aber jedem anderen, der auch türkischer Abstammung ist und das Foto nicht macht, dass er die Wurzeln seiner Eltern nicht respektiert. Das finde ich reichlich daneben.

Mathias Rohe, Professor für Bürgerliches Recht. © Foto: Roland Fengler


Ist der Rassismus, den Özil Teilen der Gesellschaft und dem DFB vorwirft, tatsächlich stärker geworden?

Rohe: Dass in Özils Fall auch Rassismus im Spiel ist, scheint mir außer Frage zu stehen. Ich würde es aber für sehr unangebracht halten, allen die ihn kritisieren, Rassismus zu unterstellen. Es gibt langfristige Umfragen, die belegen, dass es schon immer ein Grundpotenzial an Rassismus gegeben hat, das jetzt aber tendenziell steigt. Was relativ neu ist, sind die Tabubrüche. Also, dass außerhalb von rechtsextremistischen Zirkeln eine Verrohung stattfindet, die allmählich in Teile der Mitte einsickert.


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Wird der Fall Özil etwas verändern?

Rohe: Die Sache ist insgesamt ein Desaster. Er hat sich im Grunde durch diese Rundumschläge unmöglich gemacht. Aber man muss auch ehrlich sagen: Das Krisenmanagement des DFB ist unter aller Kanone. Ich denke, da sind jetzt auch Rücktritte fällig. Der Fall hat nicht geringe Auswirkungen: Ich weiß zum Beispiel von jungen Türken, die überhaupt keine Erdogan-Fans sind, sich aber durch die überscharfen Angriffe auf Özil persönlich angegriffen fühlen.

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Dennoch steht der Rassismus-Vorwurf eines vermeintlich Vorzeige-Integrierten im Raum. Muss Deutschland bei der Integration besser werden?

Rohe: Außenminister Heiko Maas hat gesagt, die Lebensführung eines in England lebenden Multimillionärs sei wenig aussagekräftig für das Gelingen der Integration in Deutschland. Man darf die Sache nicht zu hoch hängen: Das ist ein junger Mann, der vielleicht auch ein bisschen dem Größenwahn anheimgefallen ist, wenn er sich jetzt mit der englischen Premierministerin und der Queen vergleicht, die ja auch mit Politikern wie Erdogan sprechen würden – also offensichtlich nicht verstanden hat, dass sie das von Amts wegen tun müssen. Ich finde keinen Masterplan, wie Integration besser gelingen kann. Solange wir uns an unsere gemeinsame Hausordnung halten, darf es sehr bunt und vielfältig zugehen.

Also ist Özil ein Ausnahmefall?

Rohe: Unser Problem ist, dass wir eine Debattensituation haben, in der so etwas gleich eine Grundlagendiskussion auslöst nach dem Motto: Sind die Türken überhaupt integriert? Es geht um einen Fußballspieler. Und ich meine, bei Herrn Özil schon eine überschießende Wehleidigkeit zu erkennen. Er hat offensichtlich keine selbstkritische Einschätzung und sucht in allen Ecken Gründe, warum alle anderen etwas falsch gemacht haben und er nicht. Wir müssen uns aber mit Blick auf die türkischen Wahlen fragen: Wie kommt es, dass Leute, die lange in Deutschland leben, einen Mann wie Erdogan wählen? Die allermeisten unterstützen nicht etwa seine konkrete Politik, für viele ist er einer, der die Ehre der Türken rettet.

 

Kilian Trabert Volontär der Nürnberger Nachrichten E-Mail

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