Zukunft der Bibliotheken wird in Nürnberg beraten

26.5.2015, 05:58 Uhr
Zukunft der Bibliotheken wird in Nürnberg beraten

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Es ist schon erstaunlich: Obwohl heutzutage per Smartphone Informationen überall und immerzu abrufbar sind, hat die gute alte Bibliothek nicht ausgedient. Im Gegenteil. Die Häuser sind voll wie nie. „Es gibt einen regelrechten Run darauf“, bestätigt Tom Becker, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Information Bibliothek. Erklärungen haben er und seine Kollegen für die steigenden Nutzerzahlen natürlich auch parat: „Die Sehnsucht der Menschen nach kommunikativen Orten ohne Konsumzwang wächst. Unsere Nutzer lechzen nach einem Ort, der stimulierende Atmosphäre hat, einem Ort der Konzentration und Anregung“, sagt Frank Simon-Ritz, Vorsitzender des Deutschen Bibliothekenverbandes.

Das heißt: Reine Bücherausleihstationen sind passé, die Bibliothek ist längst viel mehr, ist Lern- und Wissenszentrum, Bürgertreff, Vorreiter der Willkommenskultur für Migranten und Flüchtlinge, Experimentierfeld, Arbeits- und Freizeitort, und ja, auch Laufsteg. „Wer wissen will, was modisch hip ist, geht hier in Berlin am besten in die Bibliothek der Humboldt-Universität“, rät Simon-Ritz.

Lesung zwischen den Regalen

Vorbei sind die Zeiten, als die Wissenskolosse Ehrfurcht gebietende Silentium-Zonen waren. „Sie sind heute lauter, bunter, abwechslungsreicher“, sagt Becker. Und Elisabeth Sträter, Leiterin der Nürnberger Stadtbibliothek, ist froh darüber. „Früher fanden unsere Belletristik-Lesungen im Katharinensaal statt, heute zwischen den Bücherregalen. Da passen sie auch hin.“ Und wer Ruhe suche, der finde genügend Alternativen im Haus.

Bei allen Tendenzen einer Abkopplung der Bibliotheksnutzung von ihrem Bücherbestand bleiben die öffentlichen und wissenschaftlichen Häuser mit ihren fast 470 Millionen Medien aber natürlich die kostengünstigen — und im Falle der Nürnberger Stadtbibliothek sogar kostenlosen — Informations- und Lesefutterbeschaffer für ihre Nutzer. Egal, ob sie nun Kochrezepte, Bilderbücher, Fachliteratur, spannende Krimis oder Liebesromane zur Erbauung suchen. Doch wer dabei Digitales bevorzugt, der hat oft Pech, was für die Bibliotheken mindestens ebenso ärgerlich ist wie für die Kunden. Deshalb machen sich die bundesweiten Verbände für gesetzliche und steuerliche Änderungen im Umgang mit E-Books stark und wollen auch die Nürnberger Tagung für Lobbyarbeit nutzen.

Mehr als 4000 Experten aus dem In- und Ausland kommen dafür vom 26. bis 29. Mai in die Nürnberger Messe zum 104. Deutschen Bibliothekartag, der vor genau 50 Jahren das letzte Mal in Nürnberg stattfand. Ihre zentrale Forderung klingt simpel und irgendwie selbstverständlich, hat es aber in sich: „Ein Buch ist ein Buch!“

Heißen soll das: Bücher sind Kulturgut, in welcher Form auch immer — ob auf Papyrus, Umweltpapier oder eben digital. Und deswegen, so die Forderung, müssen gedruckte und E-Books auch rechtlich und steuerrechtlich gleich gestellt werden. Davon ist man im Moment noch weit entfernt. So gilt für E-Books, die mittlerweile jeder fünfte Bundesbürger liest, nicht derselbe ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent wie bei der Printware, sondern es fallen 19 Prozent an. Das hat erst Anfang März der Europäische Gerichtshof entschieden.

Verlage verweigern Lizenzen

„Aber selbst wenn öffentliche Bibliotheken im Geld schwimmen würden, könnten sie nur die Hälfte der Titel als E-Books anbieten, die auf den Bestseller-Listen stehen“, sagt Simon-Ritz. Das liegt daran, dass einzelne Verlage — darunter auch die großen wie Piper, Diogenes, Ullstein oder Rowohlt — den öffentlichen Bibliotheken die nötigen Lizenzen für die Ausleihe der Werke verweigern. „Wir sind in dem Bereich leider vom Goodwill der Verlage abhängig“, klagt Sträter, die in der Nürnberger „Onleihe“ aktuell 12 300 Medien im Bestand hat. Abhilfe könnte nur eine Novellierung des Urheberrechts schaffen. „Die wird es geben, wie mir Justizminister Heiko Maas bestätigt hat“, sagt Simon-Ritz und hofft, dass die Überarbeitung den seit Jahren schwelenden Konflikt in Sachen E-Books endlich beilegt.

Ein Dorn im Auge ist den Verbänden auch das Bundesarbeitszeitgesetz. Es untersagt Stadt- und Gemeindebibliotheken sonntags zu öffnen. Gerade an den Tagen, wenn die Familien Zeit haben, muss der Freizeitort mit Bildungspotenzial zu bleiben. „Das ist ärgerlich“, sagt Simon Ritz und pocht auf eine gesetzliche Ausnahme: „Bibliotheken sind wie die Theater Kultureinrichtungen.“

Auch Elisabeth Sträter betont die Bedeutung von Sonntagsöffnung und blickt derzeit interessiert nach Bremen: Dort läuft ein sechsmonatiger Modellversuch. „Die Erfahrungen sind rundweg positiv, es kommen sehr viele Familien, unsere Kollegen dort bekommen ein sehr gutes Feedback“, sagt sie, stellt aber auch fest: „Das geht nur mit zusätzlichem Personal“. Oder mit neuester Technik: In Hamburg-Finkenwerder läuft seit kurzem das Pilotprojekt „Open Library“. Mit ihrer Kundenkarte betätigen die Nutzer den elektronischen Türöffner, bedienen sich selbst bei der Medienausleihe und -rückgabe und werden dabei von Kameras überwacht.

Ein praktischer Service, aber bleibt da nicht die viel beschworene Funktion der Bibliothek als inspirierender Ort der Kommunikation auf der Strecke? Auch darüber wird beim Kongress in Nürnberg diskutiert. Simon-Ritz sieht die Branche selbstbewusst aufgestellt, sagt aber auch: „Ich glaube, allen Kollegen ist klar, dass jetzt entscheidende Weichenstellungen erfolgen“. Schließlich soll der Run auf die Bibliotheken weitergehen.

www.bibliothekartag2015.de

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