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NN-Streitgespräch: Religion als Gewaltbeschleuniger?

Von wegen Friedensbotschaft: Wenn der Glaube zu Konflikten führt - 20.12.2017 18:47 Uhr

Warum löst Glaube so häufig Hass und Aggression aus? © Foto: Ivan Damanik/dpa


Nehmen wir aus aktuellem Anlass Jerusalem, eine Stadt, die allen drei großen Weltreligionen als heilig gilt. Und auch wenn dort ein Konflikt zwischen Nationen, nämlich Palästinensern und Israelis, ausgetragen wird, gibt es auch einen Religionskampf. Warum ist das so?

Stefan Ark Nitsche: Religion gehört zur Identität von fast allen Menschen. Die Frage ist: Kann und wird diese Gegebenheit von Machtinteressen politisch instrumentalisiert? Im Heiligen Land kann man sehr gut sehen, wie das geschieht und was dann passiert.

Muss deshalb das Gewaltpotenzial von Religionen sichtbar werden?

Tarek Badawia: Ich bin in diesem Konflikt groß geworden. Seine religiöse Prägung ist allgegenwärtig. Ich würde sagen, in Jerusalem spiegelt sich die gegenwärtige Lage des Weltfriedens wider. Und um den ist es nicht gut bestellt. In dieser Stadt wird das extreme Instrumentalisierungspotenzial von Religion sehr deutlich. Wenn es in dieser Region um die Verteilung von Ressourcen, um Siedlungspolitik oder systematische Enteignung und Vertreibung der Palästinenser geht, wird die Stimmung schnell explosiv.

Stefan Ark Nitsche kam als Seiteneinsteiger zur evangelischen Theologie. Der gebürtige Österreicher arbeitete zunächst als Regisseur, Dramaturg und Autor in München, Wien und Salzburg. Nach dem Theologiestudium war der heute 62-Jährige unter anderem theologischer Planungsreferent in der Münchner Zentrale der evangelischen Landeskirche. Seit elf Jahren üben sie gemeinsam das Amt des Nürnberger Regionalbischofs aus. © Roland Fengler


Die Religionen und ihre Vertreter lassen sich offenbar gerne vereinnahmen für politische Zwecke.

Badawia: Wenn es eine gezielte und internationale Friedenspolitik gäbe, kann man davon ausgehen, dass die Religionen eine sehr positive Rolle spielen würden. Ich könnte mir vorstellen, Jerusalem bekäme einen internationalen Status. Das brächte sicherlich auch mehr Frieden unter den Religionen.

Mathias Rohe: Die jüngsten Unruhen sind entstanden aufgrund der Entscheidung des US-Präsidenten, Jerusalem als Hauptstadt anzuerkennen. Das tat er aus innenpolitischen Gründen, um seine Wähler zu befriedigen, denen er das versprochen hat. In einer solchen Situation bekommen die religiösen Fundamentalisten auf allen Seiten schnell Oberwasser. Da entwickelt sich rasch das negative Mobilisierungspotenzial von Religionen. Mir graut immer etwas vor dem Wort "Heiliges Land". Wenn Herrschaftsansprüche religiös aufgeladen werden, dann wird es schnell unheilig, weil es eine Heilsbotschaft gibt, die erfüllt werden muss. Da kann man die anderen nicht mehr gelten lassen.

Vor einem Jahr haben der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Marx bei einem Besuch auf dem Tempelberg ihre Amtskreuze abgenommen. Großes Vertrauen in die gegenseitige Toleranz von Christen und Muslimen spricht nicht aus dieser Geste.

Nitsche: In der Tat, das sehe ich auch als eine Frage der Belastbarkeit von Vertrauen. Es gab die Bitte der muslimischen Verwaltung des Tempelbezirkes, Kreuze nicht sehr sichtbar zu tragen aus Sorge um mögliche gewalttätige Reaktionen. Für die Entscheidung der beiden Bischöfe war deshalb eine Abwägung wichtig: Geste der Rücksicht zugunsten des Friedens oder symbolische Demonstration des Eigenen. Das ist ganz im Geiste Christi. Am besten wäre es freilich gewesen, wenn die muslimische Seite statt mit Angst mit Souveränität reagiert hätte. Es gibt eine unheilige Allianz zwischen der Angst Einzelner und dem Machtinteresse bestimmter Eliten. Wenn das zusammenkommt, wird es immer gefährlich.

Tarek Badawia ist seit gut einem halben Jahr Professor für Islamisch-Religiöse Studien mit Schwerpunkt Religionspädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Seine Schulausbildung erhielt er in Ägypten und Kuwait, wo er 1984 die allgemeine Hochschulreife, das Abitur, erwarb. Er promovierte 2001 in Mainz zum Thema „Der Dritte Stuhl — Zum kreativen Umgang Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz“. © Roland Fengler


Rohe: Man muss in der Situation, in der die Kirchenführer in Jerusalem waren, tatsächlich abwägen. Die beiden haben da klug entschieden. Jedes religiöse Symbol könnte in der aufgeladenen Situation in diesem kleinen Stückchen Land eine politische Botschaft tragen. Gerade die Christen geraten nach meiner Befürchtung da zwischen die Mühlsteine. Sie leiden unter der israelischen Besatzung Ost-Jerusalems. Es gibt immer mehr Radikale, die Kirchen angreifen. Insgesamt wird die gegenseitige Bereitschaft, das massive Leiden der jeweils anderen Seite wahrzunehmen, immer geringer. Das ist meine Beobachtung über Jahrzehnte hinweg. Mich besorgt dabei besonders, dass nicht mehr getrennt wird zwischen dem politischen Konflikt und dem Misstrauen der arabischen Seite gegenüber Juden insgesamt. Das schlägt dann auch weiter nach Europa, wo Juden, die hier leben, verantwortlich gemacht werden für das, was in Israel geschieht.

Nitsche: In allen drei Religionen gibt es zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Haltungen zum Verhältnis von Staat und der jeweiligen Religion. Jede musste oder muss noch in seiner Organisation als Kirche oder sonstiger Gemeinschaft lernen, um des Friedens, um des Gemeinwohls willen, eine zu enge Koalition mit den jeweils Regierenden aufzugeben. Sie gewinnt damit die Möglichkeit, in einem guten Sinne in die Opposition zu gehen und Probleme beim Namen zu nennen. Die Kirchen erscheinen dadurch in der Wahrnehmung mancher aber auch schwächer.

Badawia: Wir erleben in dem Konflikt in Palästina, dass die Religion versucht, die Schwäche der Politik zu ersetzen oder zu kompensieren.

Mathias Rohe ist ein bekannter Rechts- und Islamwissenschafler. Der 58-jährige gebürtige Stuttgarter ist seit 20 Jahren Inhaber des Lehrstuhls an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung. 2008 war er Gründungsdirektor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa (EZIRE). Dort wird Forschung und Lehre zum Islam und zum muslimischen Leben in Europa betrieben. © Roland Fengler


Warum tun das religiöse Führer?

Badawia: Die Politik braucht eine gewisse Autorität, um die Leute zu erreichen. Die Religion bietet sich da als gutes Mittel an. Mit ihr bewertet man den Grad der Loyalität. Wenn die christliche Minderheit in Bethlehem ihre Loyalität zum palästinensischen Standpunkt nicht demonstriert, gibt es sehr schnell Ablehnung, nicht weil sie Christen sind, sondern weil man ihnen Illoyalität unterstellen könnte. Wer gegenwärtig Leute mobilisieren will, drückt auf den Knopf Religion. Das spricht viele Menschen an.

Herr Nitsche, das Christentum hat seine historische Gewaltgeschichte weit hinter sich gelassen. Man bringt es mit einer friedensstiftenden Funktion in Verbindung. Wie kam es zu dieser ja sehr begrüßenswerten Entwicklung?

Nitsche: Das hat sehr viel mit den historischen Erfahrungen von Gewalt zu tun. Den letzten Ausschlag haben dann sicher der Zweite Weltkrieg und die Shoah, der Völkermord an den Juden, gegeben. Da war klar: Es ist nie wieder vor einem christlichen Gewissen vertretbar, mit Gewalt Positionen, vermengt mit Machtinteressen, durchzusetzen. Wir haben als Gesellschaft in einem säkularen Staat gelernt, dass Religion zwar ein wichtiger Bestandteil ist, aber nicht das, was uns alle zusammenhält. Es muss möglich sein, in verschiedenen Konfessionen oder Religionen in Frieden zusammenzuleben, unter Beachtung von Rechten, die für alle gelten. Dafür braucht es eine gemeinsame ethische Grundlage, sonst kann das schnell in Gewalt enden.

Rohe: Dem kann ich mich anschließen. Es gab seit der Aufklärung einfach Kräfte, die diese Säkularität eingefordert haben. Gleichwohl muss ich einen dicken Schluck Wasser in den Wein gießen. Diese Entwicklung gilt vielleicht für die großen christlichen Konfessionen im westlichen Europa, aber schon nicht mehr für die orthodoxen Kirchen in Osteuropa. Es gab im Jugoslawien-Krieg serbische Bischöfe, die zum "heiligen Krieg" gegen Muslime aufgerufen haben. Auch im russischen Klerus gibt es Stimmen, die Gewaltbereitschaft demonstrieren. Und der Sender Radio Maryja in Polen scheint mir auch kein friedensstiftender Faktor zu sein. Es verzerrt also das Bild, wenn manche jetzt sagen: Gewalt im Christentum ist eine schlimme Abirrung, das ist jetzt die Religion der Liebe, und im Islam ist Gewalt der Regelfall, wenn die mal friedlich sind, ist das die Ausnahme. So was höre ich immer wieder in Deutschland. Probleme entstehen aber überall, wenn der ja ganz legitime Wahrheitsanspruch einer Religion einhergeht mit dem Anspruch, die Herrschaft über das gesellschaftliche Leben übernehmen zu wollen, die anderen zu ihrem Heil zu zwingen.

Herr Badawia, der Islam wird bei uns heute, anders als das Christentum, sicher weit weniger als Friedensreligion gesehen.

Badawia: Das ist leider momentan so. Die meisten Gewaltopfer sind übrigens Muslime. Das ist trauriges Faktum. Der Islam hat aber schon seit dem Tode des Propheten ein chronisches Problem mit dem Verhältnis von Religion und politischer Macht. Der Koran empfiehlt zwar, dass man alle Angelegenheiten kollektiv beraten soll, aber er macht keine weiteren Vorgaben zur Regierungsgestaltung. Manche meinen nicht ganz im Ernst: Das ist ein großer Fehler, den der Prophet gemacht hat. Ganz geklärt ist das bis heute nicht. Und wir sehen, dass das in verschiedenen Regionen zu Gewalt führt. Viele plädieren inzwischen für den säkularen Staat, in dem das Verhältnis von Staat und Religion vertraglich geregelt wird. Der sogenannte arabische Frühling vor einigen Jahren war so ein Versuch, unter anderem dies umzusetzen. Der ist gescheitert.

Das klingt desillusionierend. Gibt es eine Lösung?

Badawia: Natürlich. Die Muslime müssten erst einmal ganz sachlich akzeptieren, dass dieses Problem nicht nur von außen verursacht wird, sondern wir selbst das nicht geklärt haben. In Deutschland zum Beispiel müssen wir als Muslime die eigenen Reihen sortieren und unter anderem die Frage der theologischen Autorität und Deutungshoheit der Primärquellen klären. Es ist ganz wichtig, dass ich weiß, wie der Koran heute gelesen werden muss. Heranwachsende müssen lernen, mit bestimmten kritischen, gewaltverherrlichenden Stellen kompetent umzugehen.

Wo soll diese Autorität herkommen?

Badawia: Wir haben nun mal nicht das Glück, als Kirche mit ihren festen Strukturen organisiert zu sein. Muslime können sich auf eine sehr lange Tradition der Meinungsvielfalt besinnen. Für mich ist ein Hauptthema auch im Bildungsbereich die Entpolitisierung der Religion. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in Deutschland nicht eine kirchenähnliche Institution haben, sondern als Muslime anfangen, Positionen zu definieren, die verfassungs- und gesellschaftskonform sind. Darüber muss man auf einer Art muslimischer Synode oder in einem islamischer Rat diskutieren, der die Ergebnisse am Ende in Umlauf bringt. Es muss klare Linien zu ganz konkreten Themen geben. In Bayern kann ich mir Fachkreise vorstellen, in denen man Sachverhalte theologisch und interdisziplinär berät. Und dann geben wir Empfehlungen, etwa zum Schwimmunterricht in der Schule für muslimische Mädchen oder zu muslimischer Seelsorge.

Ein solches Gremium ist weit und breit nicht in Sicht.

Rohe: Doch, es passiert schon viel in dieser Richtung. Das ist eine Graswurzel-Entwicklung, und das finde ich auch gut so. Der Islam kann eigentlich gar nicht anders vorgehen. Es ist eben ein großer Unterschied, ob wir über islamische Mehrheitsgesellschaften sprechen, wo ein gewisser Machtanspruch mit Religion verbunden oder legitimiert wird, oder über einen säkularen Staat wie unseren, wo ohne diesen Anspruch über den Islam diskutiert werden kann. Zudem gibt es bei uns so viel an muslimischer Pluralität wie sonst vermutlich in wenigen Gesellschaften. Bei uns leben Muslime aus aller Herren Länder. Jetzt, wo viele Flüchtlinge hinzugekommen sind, ist das auch nicht mehr ganz so türkisch- oder balkangeprägt, wie es vielleicht vorher gewesen ist. Deutschland hat klug daran getan, Plattformen zu schaffen, wo sich muslimische Debatte und Gelehrsamkeit entfalten können, ohne nach dem Motto zu verfahren: Wir brauchen schnell einen "cleanen" Staatsislam.

In anderen europäischen Ländern ist das geschehen. Dann hegen traditionell denkende Muslime und erst recht die Fundamentalisten schnell den Verdacht, die Europäer schaffen sich ein Placebo und wollen euch christianisieren. Solche Vorwürfe hören wir nicht selten. Deshalb muss man sich diesem mühsamen Sortierungsprozess in der muslimischen Gemeinschaft stellen. Mehr und mehr Musliminnen und Muslime, die hier sozialisiert sind, fühlen sich diesem Land zugehörig und möchten sich hier auch mit ihrem Glauben positionieren. Das ist eine Generation, die sich als Muslime in Deutschland, nein, als deutsche Muslime, versteht. Die diskutieren dann nicht mehr so lange darüber, ob man Christen zu Weihnachten gratulieren darf, sondern was ist unsere Position zur Sterbehilfe oder zu menschenwürdigem Altern oder zur Finanzkrise, also zu Problemen, die alle Leute hier haben. In dieser Richtung wachsen bereits verschiedene Pflänzchen.

Was wir sicher nicht bekommen werden, ist ein verbindlicher Lehrkanon der einen muslimischen Organisation, der möglicherweise auch noch irgendwie mit einer Unfehlbarkeit versehen ist. Man kann auch ohne solche Dinge leben, da bin ich ganz Protestant. Sie würden der Vielfalt schaden. Es wird darum gehen, einen möglichst breiten Fundus an gemeinsamen Überzeugungen herauszudestillieren, und Mechanismen zu schaffen, wie man mit den Unterschieden friedlich leben kann. Das erleben wir schon im islamischen Unterricht an den Schulen. Dort haben es Muslime geschafft, den uralten konfessionellen Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten zu neutralisieren. Da wird keine Seite mehr verflucht oder verketzert. Das ist halt das Schöne, wenn man in Freiheit diskutieren kann.

Nitsche: Wir haben doch als Bürger dieses Landes ein ureigenes Interesse daran, Kräfte im Islam zu unterstützen, die diesen Weg gehen wollen, und nicht immer wieder reinzufallen auf fundamentalistische Gruppen, um die dann zu verteufeln. In einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft geht es um eine Wertebildung, die nicht der Staat gewährleistet, sondern die offene Diskussion.

Die evangelische Landeskirche in Bayern hat ein bemerkenswertes Papier zum interreligiösen Dialog verabschiedet. Darin nimmt sie Abschied vom einen glaubensmäßigen Exklusivitätsanspruch. Gott allein entscheide, wer Zugang zu ihm hat und wem am Ende das Heil versprochen ist, heißt es da. Ist ein solcher Verzicht, andere Menschen unbedingt von einer absoluten Wahrheit überzeugen zu wollen, eine Lösung im Kampf der Religionen?

Nitsche: Um dieses Papier haben wir gemeinsam lange gerungen. Wir haben neu gelernt, dass wir radikal unterscheiden müssen zwischen der Sache Gottes und der Sache von Menschen. Die Entscheidung über andere Menschen und deren Heil fällt eben Gott und nicht ich als Vertreter einer Glaubensgemeinschaft. Zum Dialog gehört eine eigene Position, die ich mit Herzblut verteidige und begründe, im Wissen darum, dass andere Positionen ihr gleiches Recht haben. Da kann dann auch die Grenze des Überzeugenwollens gezogen werden.

"Ich bin der Weg zur Wahrheit", "Keiner kommt zum Vater, denn durch mich" — das sagt Jesus in der Bibel. Können Sie darüber einfach hinweggehen?

Nitsche: Auf solche biblischen Sätze ziehen sich manche Kreise bei uns zurück, um zu begründen, dass andere Religionen keinen Wahrheitsanspruch erheben können. Das sind Sätze von Jesus, die er über sich selbst sagt, und Christen haben zu allen Zeiten bekannt: Ich glaube ihm. Gemeint ist bei Jesus: Wer mir begegnet, kommt an mir nicht vorbei, der muss Stellung beziehen. Aber seine Sätze sind als Machtinstrument missbraucht worden. Einen Allmachtsanspruch des Christentums kann man damit nicht begründen.

Herr Badawia, kann das ein tiefgläubiger Muslim auch so denken?

Badawia: In der Eröffnungssure im Koran bitten wir um Gottes Leitung auf dem rechten Weg, und nicht auf dem Weg derer, die in die Irre gehen, wie es da heißt. Wenn man das ideologisch interpretiert, gehen die Muslime den rechten Weg, die Irrwege gehen Christen und Juden. Die Frage ist, bin ich auf immer und ewig verdammt, diese Lesart weiterzugeben? Kürzlich ist ein sehr guter christlicher Freund von mir gestorben. Auch viele Muslime haben für ihn gebetet, und ich kann nicht sagen, dass dieser gute Mensch in seinem Glauben irregeleitet ist. Aus einer solchen Realität entwickelt sich ein Lernauftrag. Ich gehe mit solchen Gedanken an den Koran heran und stelle fest, dass es da jede Menge Impulse gibt, die ich systematisch erschließen muss, um eine neue Lesart zu entwickeln.

Das macht unsere Arbeit in der Lehre aus, sonst wären wir überflüssig, wenn wir nur die alte Tradition und alte Lesarten reproduzieren, die im sechsten Jahrhundert entwickelt worden sind, aber nicht für die heutige Zeit. Gott selbst sagt zu Mohammed im Koran: Bedenke immer, dass du auch im Unrecht sein könntest. Darüber predige ich auch, und die Leute sind dankbar dafür. Im Koran gilt für Muslime: Die Entscheidung über das Heil eines Menschen triffst nicht du als Mensch, sondern ausschließlich Gott. So etwas muss man berücksichtigen, nicht weil wir strategisch denken und uns verfassungskonform geben wollen — das wäre zu billig — nein, wir konfrontieren die junge muslimische Generation damit aus theologischen Gründen. Aus dem Glauben an die Einheit Gottes geht hervor, dass wir Menschen auf Erden nicht Götter spielen dürfen.

Nitsche: Ja, das ist ein wichtiger Satz.

Rohe: Es ist für Muslime eine immense Chance, sich im Rahmen dieser freiheitlichen Gesellschaft entfalten zu können. Manchmal höre ich die Aufforderung: Unterstützt uns dabei. Kommunen sind übrigens hervorragend dafür geeignet, Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Wenn eine neutrale Stelle einlädt, kommen Leute zusammen, die sich sonst nie treffen würden. Der Staat kann diesen Dialog unter den Muslimen in Gang bringen, den Rest müssen sie selbst übernehmen. Ich bin da ganz optimistisch: Die machen das auch. Die meisten wollen gute Deutsche und gute Muslime sein.

Wird die Rolle der Religion nicht überschätzt? Warum kann man heute nicht aus einer allgemein gültigen menschlichen Ethik als Urquelle schöpfen? Ist Ethik nicht wichtiger als Religion?

Nitsche: Ich meine, das überall dort, wo es in einer scheinbar befriedeten Gesellschaft zu Gewalttätigkeiten kommt, deutlich wird, dass dies nicht so ist. Da bricht sich etwas Bahn, was offenbar verdrängt wurde: Religion. Ich möchte es aber positiv formulieren. In der Weihnachtsgeschichte gibt es den wunderbaren Satz des Engels: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden. Das gibt es nur im Doppel. In Extremsituationen kann es darauf ankommen, dass nicht nur mein Kopf entscheidet und ich einer ethischen Regel folge, sondern mein Herz gefragt ist.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Warum genügt das nicht?

Nitsche: Weil Sie das nicht glauben, wenn Sie nicht ein Gedankengebäude im Hintergrund haben, das Ihnen sagt, dass alle Menschen gleich sind. Das ist schließlich kein Naturgesetz.

Ist das so, Herr Rohe?

Rohe: Dem schließe ich mich an. Wenn man sich die Genese der Menschenrechte ansieht, so war das ein langer Weg. Einige der größten Schlächter der Geschichte, Hitler, Stalin, Mao, sind nicht unter religiösen Vorzeichen angetreten. Auch Weltanschauungen haben ihr Gewaltpotenzial. Die Labels sind vielleicht gar nicht so wichtig. Es geht um die Inhalte von Religion oder Weltanschauung. Wie finden wir einen breiten Konsens aus unserer Verschiedenheit heraus, dass es nicht mehr wichtig ist, ob wir das ethisch, religiös oder sonst wie begründen. Da braucht jeder Mensch sein Welterklärungssystem. Religionen können da sehr positiv wirken. 

Interview: Michael Kasperowitsch

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