Mittwoch, 20.03.2019

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Spritpreise im Höhenflug: Was Autofahrer tun können

Wirtschaft sieht sich als Opfer von Niedrigwasser - Experten zweifeln - 11.11.2018 05:54 Uhr

Die Spritpreise sind zuletzt deutlich gestiegen, so viel ist klar. Umstritten dagegen sind die Ursachen dafür. © dpa


Der Rhein ein Rinnsal und Raffinerie-Besitzer, die in der Not mangels Tankschiff ihren Sprit per Fuhrwerk zu den Kunden karren: So könnte ein Karikaturist zuspitzen, was Franken und der ganze süddeutsche Raum in diesem Herbst durchleiden – wenn man denn der Argumentation der Mineralölkonzerne Glauben schenken darf.

1,484 Euro kostete der Liter Diesel Mitte dieser Woche in Nürnberg, so eine Auswertung des Portals clever-tanken.de für unsere Zeitung, 1,565 Euro der Liter Super E10. Durchschnittlich, nachts und in den Morgenstunden gerne auch darüber. Das sind erstaunliche 22,7 Cent, bei Diesel sogar 32,4 Cent mehr als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Nicht besser sieht es in Erlangen und Fürth aus. Ja sind die denn verrückt geworden?

Seien sie nicht, versichert Alexander von Gersdorff vom Mineralölwirtschaftsverband Deutschland (MWV), der die angesprochene Industrie vertritt. Seit Herbstanfang schießen die Spritpreise in die Höhe wie das Rohöl aus dem Bohrloch. "Die Versorgungslage bei Benzin, Diesel und auch Heizöl ist im Moment leider angespannt", begründet der MWV-Sprecher.

Zu wenig Regen

Schuld sei das Niedrigwasser auf dem Rhein, dazu der Ausfall einer Raffinerie in Vohburg an der Donau nach dem Brand am 1. September. "Wir geben nur die höheren Transportkosten weiter, die dadurch entstanden sind", sieht Gersdorff die Konzerne selbst in der Opferrolle. Bis vor einigen Wochen haben Branchenvertreter auch noch die steigenden Weltölpreise als Ursache angeführt. Die erwähnt der MWV-Sprecher jetzt nicht mehr — denn diese sind im Oktober wieder gefallen. Indes ohne erkennbar positiven Effekt an der Tankstelle.

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Nach schwerer Explosion: Flammeninferno in Raffinerie nahe Ingolstadt

Am frühen Samstagmorgen loderten die Flammen in einer Raffinerie nahe Ingolstadt lichterloh, nachdem es einem Werk der Firma Bayernoil zu einer schweren Explosion gekommen war. Eine dichte Rauchwolke schlängelte sich in den Himmel, der Brand war kilometerweit zu sehen. Anwohner sprachen von einer heftigen Detonation. Nach ersten Angaben der Polizei wurden insgesamt acht Menschen verletzt.


An der Niedrigwasser-These aber scheint etwas dran zu sein. Die staatliche Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt bestätigt für dieses Jahr am Rhein die "niedrigsten jemals gemessenen Wasserstände", so Sprecherin Claudia Thoma. Die Folge: Der Sprit muss in Tankschiffe mit weniger Tiefgang als üblich gepumpt werden, die dann häufiger fahren — wenn die Raffinerie nicht gleich auf den mühsamen Landweg ausweicht. Teurer wird es so oder so.

Zweifel an Schuldlosigkeit

Nicht ganz so eindeutig liegt der Fall schon wieder in Sachen Vohburg. Unmittelbar nach dem Brand hatte Raffinerie-Besitzer Bayernoil versichert, das habe keine negativen Folgen für die Versorgung des Marktes. Dass der MWV nun anderes behauptet, kann Geschäftsführer Michael Raue zwar nicht nachvollziehen, will es aber lieber nicht weiter beurteilen. Für ihn vermutlich ratsam, ist die Mineralölindustrie doch sowohl sein Arbeitgeber als auch Hauptkunde.

Weitere Zweifel, ob die MWV-These von der eigenen Schuldlosigkeit an den höheren Spritpreisen 100 Prozent haltbar ist, nährt aber auch der Umstand, dass der leere Rhein zwar unmittelbare Konsequenzen für die Situation in Südwestdeutschland haben mag. Doch für Bayern? In den Freistaat fließt Rohöl vor allem durch die Transalpine Pipeline (TAL) von den Häfen der italienischen Adria. Auch Raffinerien zur Verarbeitung gibt es, trotz des Ausfalls von Vohburg wohl bis März 2019, noch genug. Für die Versorgung der bayerischen Tankstellen ist der Rhein da eher zweitrangig.


Warum Benzin und Diesel momentan so teuer sind


Sie ist also nachvollziehbar, die Argumentation der Mineralölkonzerne, doch nur in Teilen. Dass sie die ganze Wahrheit ist, glaubt daher nicht jeder. Für den ADAC ist der Höhenflug der Kraftstoffpreise weder mit dem Wetter noch dem Niedrigwasser zu erklären, "der enorme Preissprung ist deutlich übertrieben". Ein Brancheninsider deutet ebenfalls an, dass die Konzerne in der aktuellen Lage Preissteigerungen ein Stück weit auch einfach mitnähmen. Es sei halt eine Gelegenheit.

Auf den Zeitpunkt achten

Experten empfehlen Autofahrern, ihrerseits mit der Macht des Marktes dagegenzuhalten. Also nicht an der erstbesten, sondern an der zumindest günstigsten der teuren Tankstellen auf dem Weg tanken. Und am besten zwischen 15 und 17 Uhr oder 19 und 22 Uhr, wenn es, wie Studien wiederholt gezeigt haben, oft auch ein paar Cent weniger sind als zu anderen Tageszeiten. Das erschwert wenigstens weitere Preissteigerungen.

Besser, als untätig auf viel Regen zu warten, damit den Mineralmultis endgültig die Argumente ausgehen, ist es allemal. Zwar verspricht MWV-Sprecher Gersdorff, dass die Schiffe wieder vollbeladen werden, "sobald der Rheinpegel steigt. Und sinkende Transportkosten werden sofort weitergegeben." Wann dieser Fall eintrete, sei im Moment aber "leider noch nicht absehbar". 

Gregor le Claire Redaktion Wirtschaft E-Mail

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