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Studie: Medien berichten unzureichend über Flüchtlingskrise

Otto-Brenner-Stiftung kritisiert zu viel Nähe zur Politik - 24.07.2017 07:00 Uhr

Deutsche Willkommenskultur: Am Münchner Hauptbahnhof werden im September 2015 Flüchtlinge von hilfsbereiten Bürgern empfangen. © Foto: Sven Hoppe/dpa


Woher kommt die Studie?

Veröffentlicht hat die 176-seitige Untersuchung die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall - eine Institution also, die nicht im Verdacht steht, rechte Theorien einer "Lügenpresse" befeuern zu wollen. Studienautor ist Professor Michael Haller, Wissenschaftlicher Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung Leipzig.

Was sind die Erkenntnisse?

Haller sieht die sogenannte "Indexing"-Hypothese weitgehend bestätigt. Sie besagt, dass Journalisten dazu neigten, "den politischen Meinungsführern nicht nur in der Themenagenda, sondern auch in deren Sichtweisen und Bewertungen zu folgen".

Ein Großteil der Berichte in der Flüchtlingskrise habe lediglich die politische Debatte nachgezeichnet (etwa den Streit über Obergrenzen) statt die Sichtweise derer aufzuzeigen, die im Alltag mit der Integration zu tun haben oder dabei Probleme beobachten. Ehrenamtliche, Verbände, aber auch Flüchtlinge selbst seien kaum zu Wort gekommen.

Welche Berichte wurden überhaupt untersucht?

Die Studie erfasste mehr als 30.000 Medienberichte, die zwischen Februar 2015 und März 2016 in den deutschen Leitmedien, Lokal- und Regionalzeitungen (darunter auch unsere Zeitung) sowie wichtigen Onlineportalen erschienen sind.

Als Leitmedien bezeichnet die Studie Süddeutsche Zeitung, Welt und Frankfurter Allgemeine. Der Untersuchungszeitraum umfasst somit unter anderem die Grenzöffnung für Flüchtlinge aus Ungarn, die Hilfsbereitschaft am Münchner Hauptbahnhof sowie die Übergriffe der Kölner Silvesternacht.

Wie weisen die Forscher nach, dass Journalisten zu sehr der Agenda der Politik gefolgt seien?

Zum einen quantitativ: So kamen Vertreter von Parteien (von ihnen stammten gut 60 Prozent aller zitierten Äußerungen) deutlich häufiger zu Wort als Wissenschaftler (weniger als ein Prozent) oder Menschen, die selbst Flüchtlinge sind oder vor Ort mit ihnen zu tun haben (neun Prozent). "Das Flüchtlingsthema fand in der medialen Öffentlichkeit (weitgehend) ohne Flüchtlinge statt", heißt es in der Studie.

"Das gilt noch ausgeprägter für die Menschen, die es als Anwohner, Nachbarn, Helfer, Widersacher usw. unmittelbar mit den Vorgängen rund um Flüchtlinge zu tun bekamen." Sie seien im Diskurs kaum vorgekommen. Untermauert wird die These aber auch mit der Karriere des Begriffs Willkommenskultur.

Inwiefern?

Haller zeigt, dass die Politik diesen Begriff zunächst ausschließlich in Bezug auf die gewünschte Einwanderung Hochqualifizierter verwendete, ihn während der Flüchtlingskrise aber im Sinne einer Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge umdeutete.

Der Begriffswandel vollzieht sich ebenso in den Medien, die die Willkommenskultur "im Sinne der Erfinder", wie es in der Studie heißt, positiv vermittelten.

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Kommentare der Leitmedien hätten zudem oft auf der Linie der Bundesregierung gelegen. Wenn Ängste aufgegriffen wurden, dann "belehrend". Dies habe sich erst mit der Kölner Silvesternacht geändert. Wegen der danach deutlich kritischeren Medien-Kommentare dränge sich aber der Eindruck auf, "als wollten viele Journalisten jetzt überfleißig nachholen, was sie versäumt hatten".

Eine anderer Vorwurf an die Medien lautet, sie seien "Lückenpresse", berichteten also nur einen Teil dessen, was passiert. Was sagt die Studie?

Die Flüchtlingskrise spielt auf einer Vielzahl von Ebenen – von der Situation im Mittelmeer bis zu den Integrationsherausforderungen vor Ort. Journalisten müssten, wenn sie "verständnisorientiert kommunzieren wollen, Komplexität reduzieren", heißt es in der Studie.

Anders formuliert: Eine gute Berichterstattung zeichnet sich dadurch aus, dass sie beispielsweise in einem großen Hintergrundartikel erklärt, warum etwas geschieht, statt in einer Vielzahl kleinerer Meldungen Ereignisse im Sinne eines Chronisten nur zu verzeichnen.

Letzteres sei aber vor allem am Anfang der Flüchtlingskrise geschehen – die Vielzahl "kontextloser Nachrichten" habe zu einer Überforderung bei den Lesern geführt. Überspitzt formuliert: Ein paar Lücken mehr, dafür zusätzliche Erklärungen, hätten gutgetan.

Welche Konsequenzen zieht die Redaktion unserer Zeitung aus diesen Erkenntnissen?

Die Studie trifft keine Aussagen, die speziell auf die Berichterstattung in unserer Zeitung eingehen - die Ergebnisse werden in der Redaktion jedoch intensiv diskutiert. Unabhängig von der Flüchtlingskrise haben wir uns vor geraumer Zeit entschieden, Hintergründen, Vor-Ort-Reportagen oder Experteninterviews mehr Raum einzuräumen.

Zudem kommentieren wir strittige Themen auf Seite 2 zunehmend im Format "Pro & Contra"  - das soll dazu beitragen, dass sich kontroverse Meinungen, wie es sie in der Redaktion gibt, noch stärker in der Zeitung wiederfinden.

Welche Reaktionen hat die Studie hervorgerufen?

Auf Facebook wurde die Meldung vergangene Woche tausendfach geteilt, sie schien das Vorurteil der "Lügenpresse" zu bestätigen: "Studie der Otto-Brenner-Stiftung: Medien haben in der Flüchtlingskrise versagt." Getextet und online veröffentlicht hat diese Nachricht die Zeit. Zum Ärger von Studienautor Michael Haller, der im Portal Übermedien von einer "blödsinnigen, überspitzten Vorabmeldung" sprach, die mit den Ergebnissen der Studie nicht im Einklang stehe.

Haller hatte den Redakteuren der Zeit vorab Einblick in seine Arbeit gegeben, in der Hoffnung auf einen unaufgeregten Bericht. Dieser sollte der Öffentlichkeit das Ergebnis seiner Forschungen nahebringen, wonach "Dysfunktionen des aktuellen Journalismus" dafür sorgten, "dass ein gesellschaftlicher Diskurs nicht mehr zustande kommt". Dass die Zeit daraus ein "Versagen der Medien" machte, sei ein "falscher Zungenschlag", so Haller, der wusste, was kam: Andere Medien griffen die Zeit-Meldung auf und spitzten sie teils noch zu. Und das, ohne jemals die Studie gelesen zu haben. Denn die kannten zu diesem Zeitpunkt nur die Zeit-Redakteure.

Veröffentlicht werden sollte die Studie eigentlich erst heute, die Stiftung zog die Publikation aber auf letzten Freitag vor. Unsere Redaktion hatte sich vergangene Woche entschieden, die Studie zunächst selbst in Augenschein zu nehmen, statt die Meldung der Zeit ungeprüft zu übernehmen.

Die Studie ist unter diesem Link abrufbar. 

Manuel Kugler

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