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Von Hütern der Demokratie und ihren Gegenspielern

Ein Gastbeitrag des Eichstätter Professors Klaus Meier - 23.07.2018 17:45 Uhr

© US-Präsident Trump Foto: Evan Vucci/dpa


Wir leben in einer nervösen und leicht erregbaren Zeit. Und wir suchen nach Halt und Orientierung in der digitalen Informationsflut, die uns mit Gerüchten, Halbwahrheiten, Unterstellungen und Menschenverachtung überschwemmt. Wenn der amerikanische Präsident seit Amtsantritt täglich im Schnitt sechsmal öffentlich lügt, wie die Washington Post belegt hat, wird uns bewusst, wie wichtig eine zutreffend informierte Öffentlichkeit für Gesellschaft und Demokratie ist. Wer dachte, es würde auch ohne Tageszeitung, Wochenmagazin oder öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehen, wird spätestens jetzt merken, dass es sich lohnt, dafür Geld auszugeben.

In unserer komplexen Medienwelt hat Journalismus das Informationsmonopol verloren. Wirtschaft und Politik, Unternehmen, Regierungen, Parteien und Politiker, Organisationen, NGOs, Verbände und Vereine – alle kommunizieren inzwischen selbst mit ihren Zielgruppen. Und sie imitieren dabei Journalismus, um Publikum zu erreichen.

Beispiel aus dem Wirtschaftsbereich ist das Corporate Publishing, das neuerdings Content Marketing genannt wird: Unternehmen kommunizieren über Kundenzeitschrift, Website, Facebook oder YouTube. Beispiel aus dem Politikbereich sind die geplante Nachrichtenzentrale der AfD oder das gezielte Journalistenbashing rechtspopulistischer Politiker wie Donald Trump oder der vielen kleinen Trumps auch in Europa, in Deutschland und in Bayern. Ziel ist es, Journalismus zu umgehen, zu verunglimpfen und dadurch zu marginalisieren.

Klaus Meier, 49, ist seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Journalistik I an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zuvor war der gelernte Zeitungsredakteur Professor für Journalistik an der Hochschule Darmstadt und der Technischen Universität Dortmund. Er ist Träger des Ars legendi-Preises für exzellente Hochschullehre 2017. Einer seiner Forschungsschwerpunkte beschäftigt sich mit den Fragen der Ethik und Qualität des Journalismus. Dieser Gastbeitrag geht auf eine Rede zurück, die Klaus Meier bei der Verabschiedung der Journalistik-Absolventen vor kurzem in Eichstätt gehalten hat. © Foto: Katholische UniversitätEichstätt


Doch was macht Journalismus im Kern aus? Was ist der Unterschied zwischen Journalismus und Nicht-Journalismus? Warum brauchen wir Journalismus überhaupt in der Gesellschaft? Journalismus ist als immerwährendes Projekt der Aufklärung lebenswichtig für das Funktionieren einer erfolgreichen Demokratie und dient dem öffentlichen Interesse. Deshalb ist Journalismus etwas grundlegend anderes als alle anderen Kommunikationsformen und muss unterschieden werden von Berufswegen in PR, Werbung, Marketing oder allem möglichen Digitalexpertentum.

Journalismus agiert nicht im Interesse von Auftraggebern, sondern im Interesse der Bürger und der Gesellschaft. Zentrale Aufgabe des Journalismus in pluralistischen, offenen Gesellschaften ist es deshalb, einer differenzierten Gesellschaft mit einer Vielzahl an Stimmen Orientierung zu geben, eine gemeinsame Öffentlichkeit herzustellen und dazu beizutragen, dass die Grundwerte demokratischer Gesellschaften, nämlich Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verwirklicht werden.

Demokratie stirbt in der Dunkelheit

Letztlich muss sich Journalismus immer auch als Hüter der Demokratie verstehen: Demokratie ist keine garantierte Selbstverständlichkeit. Eine neue Faszination des Autoritären, die Wiederbelebung alter Ressentiments, die Diffamierung Andersdenkender, das Irrationale der sogenannten alternativen Fakten, eine entmenschlichende Sprache – gegen all dies muss Journalismus aus Prinzip argumentieren, aufdecken und erhellen. Und nicht aus vermeintlicher Objektivität dies auch noch transportieren.

"Democracy dies in darkness" (Demokratie stirbt in der Dunkelheit, d. Red.), schreibt die Washington Post seit gut einem Jahr als Motto auf ihre Titelseite. Licht in die gesellschaftlichen Verhältnisse zu bringen, hinter die oftmals einseitigen Narrationen und Stereotypen der Politik zu blicken, das ist die Kernaufgabe des Journalismus und daran muss sich journalistische Qualität messen lassen. Gerade in den letzten Monaten wurde uns das stärker bewusst.

Kommunikationswissenschaftliche Theorie erweist sich als eine gesunde Basis für Qualitätsjournalismus. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Wir wissen aus der Wirkungsforschung, dass über Sprache sogenannte Frames, also Deutungsmuster, im Gehirn aktiviert werden. Die unkritische Übernahme von Frames von rechtspopulistischen Parteien, Politikern und Gruppierungen z. B. in Sendungstiteln von Talkshows oder in Nachrichtenbeiträgen mit Statements von Politikern, ist gefährlich für den demokratischen Diskurs und die Meinungs- und Willensbildung.

Deutungsmuster hinterfragen

Beispiele sind Begriffe wie "Flüchtlingswelle", "Asyltourismus", "Asylgehalt" oder "Belehrungsdemokratie" – oder die sprachliche Separierung in "Wir und die anderen", was häufig bei der Thematisierung von Religion passiert und zum Beispiel fünf Millionen Muslime in Deutschland sprachlich und narrativ ausgrenzt. Aufklärung heißt, Frames zu hinterfragen und differenziert offenzulegen. Erzählungen der Wut und der Feindbilder schüren Angst und Misstrauen – und untergraben die offene Gesellschaft. Eine Beschäftigung mit Theorie und Wirkung von Frames und Narrativen sowie mit der Analyse von Stereotypen gehört zur Grundbildung von Journalisten, damit sie sensibel und hellhörig damit umgehen können.

In unserer komplexen Medienwelt ist das Thema Medienkompetenz zunehmend auf die Agenda der Bildungspolitik gekommen. Und es gab und gibt zahlreiche verdienstvolle Aktivitäten zum Beispiel in Schulen: Die Menschen sollen besser mit der digitalen Medienwelt zurechtkommen.

Allerdings muss sich auch der Journalismus darum bemühen, dass Nachrichten verständlicher werden und dass die Menschen besser dazu in der Lage sind, Journalismus von Nicht-Journalismus zu unterscheiden: also geprüfte Nachrichten von Spekulationen, Gerüchten und Unterstellungen. Und dass sie interessengeleitete Informationen erkennen – von schlichter PR bis hin zu gefährlicher Propaganda und Verführung. Das heißt, Journalismus muss transparenter werden, muss die Mechanismen des schnellen Mediengeschäfts immer wieder erklären, muss eigene Fehler korrigieren. 

Klaus Meier, Redaktion: Franziska Holzschuh

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