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Wird der Einfluss rechter Gruppen in der Ukraine überschätzt?

Erlanger Historikerin wundert sich über den Einfluss russischer Propaganda - 06.10.2014 11:31 Uhr

Sie hat intensiven Kontakt auch in die Ukraine: Prof. Julia Obertreis aus Erlangen. © Foto: oh


Frau Obertreis, Sie haben sich viel mit Fragen der nationalen Identität beschäftigt. Sie waren auch wiederholt in der Ukraine. Wie konnte es passieren, dass dort ein solcher Riss zwischen der ukrainischen und der russischen Bevölkerung entstehen konnte?

Julia Obertreis: Ich bin gar nicht sicher, ob das die entscheidende Trennlinie ist. Es gibt in der Ukraine auch viele russischsprachige Menschen, die aber jetzt durchaus für den ukrainischen Staat einstehen, die Bürger der Ukraine sein möchten.

Wo sehen Sie die Trennlinie?

Obertreis: Es gibt natürlich Leute, die sich Russland mehr verbunden fühlen — die sind in der Regel auch russischsprachig —, die sich von Russland ein besseres Leben versprechen.

Sie meinen also beispielsweise viele ältere Menschen, die auf das Versprechen aus Moskau setzen, dass sie höhere Renten erhalten würden . . .

Obertreis: Ja, und es geht ja auch um andere Sozialleistungen. Aber es geht bei vielen auch um die Vorstellung, dass — wenn man zu Russland gehört — man dann zu einem mächtigeren und wohlhabenderen Staat gehört und da einfach besser aufgehoben ist. Man muss ja auch sagen, dass die ukrainische Politik gerade im letzten Jahr sehr turbulent war.

Wie verhält es sich dann mit der nationalen Identität? Gab’s das vorher oder ist da was zerbrochen?

Obertreis: Ich glaube, dass die ukrainische Nationalidentität durch die Ereignisse seit dem vergangenen Herbst letztendlich gestärkt worden ist — in Abgrenzung zu Russland. Viele Menschen in der Ukraine sind jetzt der russischen Regierung gegenüber sehr negativ eingestellt. Das betrifft zum Teil auch die russischsprachige Bevölkerung, wobei die beiden Sprachen in der Praxis gar nicht so scharf voneinander abgegrenzt sind. Es gibt sogar Mischformen.

Sie tauschen sich viel mit Kollegen in der Ukraine aus, haben dort auch sonst etliche Kontakte. Was hören Sie da, wie es nun weitergehen soll?

Obertreis: Das hängt natürlich sehr von der politischen Ausrichtung ab. Bei den Leuten, mit denen ich zu tun habe, ist die Hoffnung sehr groß, dass die Ukraine den Weg nach Westen fortsetzt, vielleicht sogar Mitglied der EU wird und dass man es schafft, mit einer Zugehörigkeit zu Europa die staatliche Unabhängigkeit zu behaupten.

Ein Thema, das auch hier in Deutschland große Aufmerksamkeit erfährt, ist der Einfluss rechter Gruppierungen in der Ukraine. Auch Kremlchef Putin hat die Intervention Russlands damit begründet, dass die russischstämmige Bevölkerung in der Ukraine geschützt werden musste. Wie bedeutend sind denn rechte Gruppen in dem Land?

Obertreis: Es ist sehr schwierig, hier Propaganda und Realität auseinanderzuhalten, weil das eben ein Hauptpunkt der russischen Propaganda ist, diese neue Regierung in Kiew als Rechte, als Faschisten zu diskreditieren. Es gibt rechte Gruppen in der Ukraine, darunter die Partei Swoboda, die in der Tat an der neuen Regierung beteiligt ist. Aber insgesamt haben diese Gruppen keinen großen politischen Einfluss und auch keine große Anhängerschaft.

Bei der Präsidentschaftswahl am 25. Mai kam der Swoboda-Kandidat Oleh Tjahnybok gerade mal auf 1,16 Prozent Stimmen.

Obertreis: Ja, das zeigt das sehr gut. Das Problem ist nur, dass die russische Propaganda offenbar sehr effektiv ist und vor allem die russischsprachige Bevölkerung in der Ostukraine sehr stark beeinflusst. Auch von den Separatisten wird ständig das Argument vorgebracht, die Regierung in Kiew sei faschistisch und man müsse sich dieses Faschismus erwehren. Hier werden ganz stark Bilder und Begriffe aus dem Zweiten Weltkrieg benutzt.

Wie erklären Sie sich, dass das auch in Deutschland so heftig verfängt?

Obertreis: Meine Beobachtung auch bei einigen Podiumsdiskussionen ist, dass es doch eine ganze Menge Leute gibt mit eher linker Orientierung, die auf dieses Argument sehr viel geben, weil sie Russland ein Stück weit verteidigen wollen — wobei oft auch ein allgemeiner Anti-Amerikanismus dahintersteckt.

Julia Obertreis und NN-Politikredakteur Georg Escher werden am Mittwoch, 8. Oktober, 19 Uhr, an einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Warum muss die Ukraine bluten?“ teilnehmen (Caritas- Pirckheimer-Haus, Königstraße 64, 90402 Nürnberg). Der Eintritt ist frei. 

Interview: GEORG ESCHER

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