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Zum ersten Mal als Frau: Ganserer tritt im Landtag auf

Sie erhielt positiven Zuspruch von allen Fraktionen - außer der AfD - 14.01.2019 18:19 Uhr

Der Grünen-Landtagsabgeordneten Tessa Ganserer wäre es lieber, wenn "es nicht so einen hohen Nachrichtenwert hätte". Nichtsdestotrotz erschienen viele Medien zur Pressekonferenz der Nürnberger Parlamentarierin in München. © Christof Stache/AFP


Das gab es in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus wohl noch nicht: Ein Abgeordneter, der als Mann antrat, gehört jetzt dem bayerischen Landtag als Frau an. Dementsprechend groß war das Interesse der Medien an einer Pressekonferenz der Grünen-Abgeordneten Tessa Ganserer am Montag in München. Ihr selbst wäre es "lieber, wenn niemand da wäre", seufzte die Nürnberger Parlamentarierin: "Wenn es nicht so einen hohen Nachrichtenwert hätte".

Doch noch ist es alles andere als üblich, wenn ein aktiver Abgeordneter sein Geschlecht wechselt. "Ich weiß, dass es für viele gewöhnungsbedürftig ist, sagte Tessa Ganserer. Sie möchte jetzt als "Frau Abgeordnete Ganserer" oder schlicht "Frau Ganserer" tituliert werden. Wenn jemand versehentlich eine falsche Anrede verwende, sei sie nicht nachtragend, sagte Ganserer, nur wenn es jemand "absichtlich und despektierlich" mache. Ihr Fall sei auch ein "Alltagstest für die Liberalitas Bavariae".


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Nicht nur von Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU), auch aus den Reihen der CSU-Fraktion habe sie wie von allen anderen Fraktionen "positiven Zuspruch" erfahren, so die Grünen-Abgeordnete. Nur die AfD habe sich nicht geäußert. Das stimmt freilich nicht ganz. Der niederbayerische AfD-Parlamentarier Ralf Stadler, der bis Kurzem von Verfassungsschutz beobachtet wurde, äußerte sich im Internet despektierlich und abwertend über den ersten Fall von Transidentität unter den aktiven Parlamentariern. "Bevor die AfD-Abgeordneten ihre Büros bekommen", ätzte Stadler, "bekommt 'das' Ganserer wahrscheinlich noch zuvor ein geschlechtsneutrales Klo".

Weder Krankheit noch Modeerscheinung

Bereits 2008, schilderte die damals zum ersten Mal als Markus Ganserer in den Landtag gewählte Abgeordnete, habe sie gespürt, dass sie in der falschen Geschlechtsidentität lebe. Es habe zehn qualvolle Jahre gedauert, bis sie es nicht mehr ausgehalten habe, sich zu verstellen. Das im vergangenen November eingeleitete "Coming Out" sei "keine leichte Phase": "Ich mache das nicht zum Spaß. Ich habe mir auch nicht ausgesucht, Frau zu sein. Ich definiere mich als Frau". Transidentität sei weder Krankheit noch Modeerscheinung. Nach groben Schätzungen, die auf Erhebungen in den USA basieren, weicht bei 0,6 Prozent der Menschen die Geschlechtsidentität von dem bei der Geburt festgestellten körperlichen Geschlecht ab. Bezogen auf die deutsche Bevölkerung wären das etwa 700.000 Personen.

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Tessa Ganserer wäre nicht "mit Leib und Seele Politikerin", wenn sie ihren Fall nicht zum Anlass nähme, auf die "Diskriminierung" von transidenten Personen in Deutschland aufmerksam zu machen und Veränderungen einzufordern. Anders als in anderen europäischen Ländern müssten Transidente in Deutschland sich noch zwei von ihnen selbst zu finanzierenden Gutachten unterziehen, um eine Personenstandsänderung bei den Behörden zu erreichen. Auch sie müsse den "tiefen Griff in die Persönlichkeitsrechte" über sich ergehen lassen. Dies mache deutlich, "wie diskrimierend die Gesetzeslage ist", so die Grünen-Abgeordnete, die jetzt die Funktion einer queerpolitischen Sprecherin ihrer Fraktion übernommen hat.

Das bereits 30 Jahre alte deutsche Transsexuellengesetz (TSG) sei bereits sechs Mal vom Bundesverfassungsgericht beanstandet worden. Es sei höchste Zeit, das TSG durch ein "Gesetz zur Anerkennung der selbst bestimmten Geschlechtsidentität" zu ersetzen, so Ganserer. Für den öffentlichen Dienst in Bayern fordern die Grünen "verbondliche Leitlinien zum Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt". Bayern sei auch das einzige Bundesland, das noch keinen Aktionsplan für die Akzeptanz von Trans- und Intersexuellen habe.

"Signal an den Rest der Republik"

Der Schritt von Tessa Ganserer sei "gut für die Landespolitik und ein Signal an den Rest der Republik", sagte Petra Weitzel, Vorstand der "Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Für andere Betroffene sei es ein "Signal, sich auch in die Politik einzubringen". Die Grünen-Abgeordnete werde "nach außen nur, was sie innen schon immer gewesen ist", so Weitzel. Mit dem Coming Out habe sie ihre politische Einstellung ebenso wenig verändert "wie die Zuneigung zu meiner Frau", betonte Ganserer. Irgendwann aber werde das Leiden wegen einer falschen Geschlechtsidentität "so groß, dass man es nicht mehr aushält. Dann ist alles andere besser".
 

 

Ralf Müller

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