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Alltagsstress: Wie man dem ewigen Hamsterrad entkommt

Warum Rituale, Ruhepausen und eine enthetzte Lebensweise so wichtig sind - 09.11.2015 05:55 Uhr

Stress ist allgegenwärtig. © colourbox.com


Herr Geißler, seit 2006 sind Sie nun schon nicht mehr als Professor für Wirtschaftspädagogik an der Münchner Bundeswehr-Uni tätig. Im Ruhestand hat man plötzlich massig Zeit . . .

Karlheinz Geißler:(unterbricht) Ich bin ja ein Verfechter des Ruhestands, der auf das ganze Leben verteilt ist. Wenn man jünger ist, braucht man auch mal ruhige Phasen, im Alter tut Zeitdruck auch mal ganz gut.

Der 71-jährige Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler. © Foto: privat


Der arbeitende Mensch dagegen ist häufig gehetzt. Und wenn dann doch mal ein paar Sekunden Leerlauf wären, wird sofort das Smartphone hervorgezogen. Was macht das mit uns als Menschen?

Geißler: Der Mensch ist eigentlich ein Pausenwesen, der auf die Abwechlsung von Aktivität und Passivität ausgelegt ist. Das Smartphone dagegen ist eine permanente Herausforderung, etwas zu tun. Keine Pausen zu machen ist aber Folter.

Warum haben wir diesen unstillbaren Drang, Zeit immer möglichst effektiv auszufüllen?

Geißler: Wir leben eben in einer Gesellschaft, die Zeit in Geld verrechnet. Da ist jede Pause verlorenes Geld. Eine solche Gesellschaft erzeugt auch sozialen Druck: Menschen, die viel tun, sind angesehener als Menschen, die häufig Pausen machen. Wenn man die Zeit so vollstopft, bringt das allerdings nicht mehr Leben ins Leben, sondern nur mehr Stress.

Was ist denn das gesunde Maß?

Geißler: Das gesunde Maß für Zeit ist immer der eigene Körper. Und der braucht Rhythmus, eine Abfolge von Aktivität und Passivität. Wer sein Leben rhythmisch organisiert, dem geht es gut. Die meisten Menschen fangen an zu singen, wenn sie allein auf der Autobahn fahren. Das ist ein natürlicher Impuls und gibt ihnen den Rhythmus, den ihnen die Autobahn nicht gibt. Das Internet und das Smartphone haben auch keinen Rhythmus, deshalb muss man ihnen einen Rhythmus geben, zum Beispiel, indem man sich nur zu festgelegten Zeiten damit befasst und abends zeitig abschaltet.

Wofür fehlt den Menschen denn heutzutage die Zeit?

Geißler: Für die Konzentration auf Dinge, die erst durch Tiefgang erfahrbar sind. Für tiefgehende Beziehungen und Erlebnisse fehlt die Zeit. Die Menschen sind flüchtiger und oberflächlicher geworden.

Müssen wir uns deswegen schon Sorgen machen?

Geißler: Nein. Es gibt nichts, das nur schlecht ist. Wenn etwas schlecht ist und beispielsweise viele Menschen unter Burn-out leiden, verändert sich die Gesellschaft auch wieder und korrigiert ihr Fehlverhalten. Da bin ich ein Optimist. 

Interview: MARTIN MÜLLER

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