Dienstag, 23.10.2018

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Wer im Stahlhaus sitzt, hat’s gemütlich

Zu Besuch bei einer Nürnberger Familie – Museum hat nun ein MAN-Gebäude - 21.09.2011 11:06 Uhr

Die Familie Weih fühlt sich wohl in ihrem Stahlhaus im Nürnberger Stadtteil Laufamholz. © Achim Bergmann


Die Geschichte der MAN-Stahlhäu­ser reicht weit zurück, sie wurden aus der Not geboren im wahrsten Sinne. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern, Wohn­raum war ein knappes Gut. Häuser mussten her, und zwar möglichst schnell. Die Motorenwerke Augs­burg- Nürnberg (MAN) reagierten und stellten 1946 eine Innovation vor: das Stahlhaus. Schnell aufbaubar, schnell abbaubar, leicht zu transpor­tieren. Strom, Wasser, Einbauküche, alles mit drin – eine scheinbar Erfolg versprechende Idee angesichts unzäh­liger Haushalte, die im Krieg alles verloren hatten.

Für das deutsche Gemüt

Der flache Prototyp von 1946, der jetzt im Freilandmuseum in Bad Windsheim steht, wurde rasch weiterentwickelt. Die Planer bei MAN legten sich ins Zeug: Sattel­dach, Lochfassade, mit Klappladen verdeckte Sprossenfenster – die Häu­ser waren „ganz schlicht, aber an­heimelnd und bei aller Sachlichkeit etwas für das deutsche Gemüt“, so Architekt Hans Schneider in einem Gutachten für die MAN 1949.

Doch das Stahlhaus floppte. Nur 230 Stück gingen vom Band, 1953 wurde die Produktion eingestellt. Für Brigitte Weih aus Nürnberg ist das bis heute unverständlich: „Mich wundert's wirklich, dass sich das nicht durchgesetzt hat.“ Familie Weih lebt schon in dritter Generation in ihrem Stahlhaus in Laufamholz, einem Stadtteil im Osten Nürnbergs nahe der Pegnitz – und alle fühlen sich dort wohl.

Der Großvater hat das Stahlhaus gekauft, mit einem schönen Grund­stück hinunter zum Wiesengrund. Vor einigen Jahren ist Enkel Alexander mit seiner Frau Monica eingezogen und saniert es Stück für Stück in Ei­genregie. „Ich bau’ gerne, ich bau’ viel. Und hier hab’ ich immer was zu tun“, sagt Alexander Weih und grinst.

Der Zahnarzt aus Buchenbühl hat den weißen Kittel gegen einen Blau­mann getauscht, wie so oft am Wochenende. Er zeigt auf die Wand neben dem gemütlichen Ofen im Wohnzimmer: „Sehen Sie! Die Wand da schraub’ ich ab. Hier soll mehr Licht rein.“ Der Vorteil eines Stahl­hauses liegt für Alexander Weih auf der Hand: „Das ist wie ein Legohaus. Man kann die Innenwände umbauen, wie man will.“

Die Fassade rostet

Die Grundkonstruktion eines Stahlhauses ist tatsächlich simpel. Die vier Außenwandmodule aus Stahl werden aneinandergeschraubt wie ein Schuhkarton, innen sind Hartfaserplatten auf einen Holzrah­men geschraubt, dazwischen kommt die Isolierung. Wie bei fast allen Fer­tighäusern liegen die Rohre und Elektrokabel in den Hohlräumen der Innenwände. Auch die Dachkon­struktion ist aus Stahl, statt schwerer Ziegel liegen bei Familie Weih leichte Kunststoffplatten auf.

Was dem Stahlhaus allerdings zu schaffen macht, ist Feuchtigkeit. „Wir haben entdeckt, dass die Fassade ros­tet, das ist wie bei einem alten Auto“, erklärt Alexander Weih. Also ab auf den Schrottplatz? Keineswegs. Nach vielen Telefonaten war eine Firma ge­funden, die mit schwerem Gerät an­rückte, einem großen Sandstrahlge­bläse. Familie Weih musste für drei Wochen alle Fenster und Türen ver­rammeln und besorgte dann den denk­bar besten Schutz für die im Wortsinn angefressenen Außenwände: Schiffs­lack. Der hält die Hauswände nun wunderbar trocken – und das im Ideal­fall noch einige Jahrzehnte. „Toi, toi, toi“, raunt Mutter Weih, „die nächste Rostkur erleben wir hoffentlich nicht mehr'. 

ACHIM BERGMANN

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