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Wie der Hesselberg zur braunen Kultstätte wurde

Dr. Thomas Greif spricht bei der Hesselberg-Ausstellung über Geschichte des Ortes - 26.04.2016 13:40 Uhr

Ein Bild aus der Ausstellung: Gauleiter Julius Streicher bei einer seiner propagandistischen Reden auf dem Hesselberg. © Ohne Honorar


Im Museum Kirche in Franken wird derzeit eine Ausstel­lung über den Hesselberg und seine Rolle im Dritten Reich gezeigt. Greif hat sich in seiner Doktorar­beit intensiv mit den Frankentagen auf dem Hesselberg beschäftigt. Da­bei stellte sich dem Historiker die Frage: Warum wird so ein Ort zur Kultstätte? Mit knapp 690 Metern ist der Hesselberg die höchste Erhebung in Mittelfranken. Er liegt vier Kilo­meter nordwestlich von Wassertrü­dingen. Bei seiner Besichtigung fiel Greif als erstes die Schönheit des Or­tes auf. Die hatten schon Menschen vor 200 Jahren erkannt. Es gibt sogar einen Roman, der davon handelt, wie Gustav Adolf auf dem Hesselberg wandelte. Dem berühmten Schwe­denkönig wurde dort sogar ein Denk­mal errichtet. Doch ein Schläger­trupp der Nazis aus Wassertrüdingen hat dieses gesprengt.

Preußischer König zu Besuch

Greif begann seine Geschichte des Hesselbergs mit dem 10. Juni 1803. Damals bestieg der preußische König Friedrich Wilhelm III. den Hessel­berg als Teil eines Besuchs seiner fränkischen Ländereien. Zum Anden­ken stiftete der Monarch die Hessel­bergmesse. Im Zuge eines Ländertau­sches wurde die Region 1806 Teil des Königreichs Bayern.

In einem Bild zeigte der Historiker die Holzöder Hütte, später Anlauf­stelle für den fränkischen Gauleiter Julius Streicher. Bereits ab 1870 fan­den auf dem Hesselberg politische Veranstaltungen statt. Den größten Zulauf hatten in den 1920er-Jahren die Vaterländischen Tage.

Damit stellte sich für Dr. Greif die zweite Frage: Warum wurde der Hes­selberg zum braunen Berg? Die Ant­wort lieferten ihm die berauschenden Wahlergebnisse der Nationalsozialis­ten in Dinkelsbühl, Rothenburg und Uffenheim. Zu einer braunen Stätte hatte sich schon die Burg Hoheneck entwickelt. Es gab auch Feldgottes­dienste in Schillingsfürst. Streicher, der sich selbst als größten Anti-Semi­ten aller Zeiten bezeichnete, hatte schon sehr früh den Hesselberg ins Herz geschlossen und machte ihn zum politischen Versammlungsort. Am Frankentag stand der Gauleiter bei seinen Reden im Mittelpunkt. Selbst innerhalb der Nazi-Elite war Strei­cher umstritten. Allerdings genoss er die Gunst Adolf Hitlers.

Unter Streichers Federführung fand am 13. Juli 1930 der erste Fran­kentag mit Parteikundgebung statt. Auch Hitler war anwesend. Diese Versammlungen wurden 1932 verbo­ten. Doch statt in Nazi-Uniformen, kamen die Anhänger mit gewöhn­lichen Hemden auf den Berg. Nach der Machtübernahme der NSDAP wurden die Frankentage von 1933 bis 1939 jährlich abgehaltenen. Diese wa­ren neben den Nürnberger Reichspar­teitagen die größten NS-Kundgebun­gen in Franken. Auf der Osterwiese hörten bis zu 100 000 Besucher Strei­chers antisemitische Reden.

Tänze und Preisausschreiben

Damals bekam der Hesselberg den Titel Heiliger Berg der Franken. Greif zeigte Bilder vom Volksfestpro­gramm am Sonntagvormittag: Dazu gehörten unter anderem Rhönradfah­ren, Gymnastikübungen und Volks­tänze, die allesamt in großen Grup­pen präsentiert wurden. Zudem dien­ten Preisausschreiben als Lock­mittel. Am Nachmittag fand dann der Aufstieg zum Hesselberg für die Kundgebungen statt. Diesen bewäl­tigten die meisten Teilnehmer zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Im Berliner Bundesarchiv fand der Historiker auch einen Stummfilm über den Frankentag 1934, der ein Jahr später in den deutschen Kinos gezeigt wur­de. Diesen sahen auch die Besucher in der Spitalkirche.

Damit möglichst viele Menschen die Frankentage erleben konnten, wurde extra der Bahnhof von Wasser­trüdingen ausgebaut. Für den Hes­selberg hatte Adolf Hitler eine Vi­sion: Nach dem Krieg sollte dort eine Adolf-Hitler-Schule errichtet wer­den. Doch nach seiner Machtergrei­fung hatte sich der Führer nicht mehr dort blicken lassen.

Die Frankentage waren zwar um eine Nummer kleiner als der Reichs­parteitag in Nürnberg. Doch Strei­cher sah sich mehr als Religionsfüh­rer, der die Nazi-Ideologie predigen wollte, erklärte der Historiker. Seine Reden konnte Streicher nicht in Bier­zelten halten. Er sah sich als Berg­prediger. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnten die Na­tionalsozialisten auf dem Hesselberg nur ein Verwaltungsgebäude mit Ga­rage fertigstellen. Diese Garage nutz­ten später die auf dem Berg unterge­brachten Flüchtlinge als Kapelle.

Seit 1951 befindet sich der Hessel­berg in kirchlichen Händen. Mit der Gründung der Evangelischen Land­volkshochschule u nd der Premiere des Bayerischen Evangelischen Kir­chentags sollte der Hesselberg mit anderen Werten besetzt werden. Der Bereich um den Hauptgipfel diente außerdem von 1945 bis 1992 den US-Streitkräften als Radarstation. 

ERNST WERNER SCHNEIDER

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