Donnerstag, 21.02.2019

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Bienen-Volksbegehren in Bayern soll Öko-Wende bringen

Forscher warnen vor einem jetzt schon dramatischen Artensterben - 28.01.2019 05:37 Uhr

Beim Volksbegehren geht es nicht nur um die Bienen, sondern darum, die Artenvielfalt im Freistaat zu erhalten. Als Symbolfigur und unverzichtbarer Bestäuber veranschaulichen die Bienen aber gut, welche Verluste der Artenschwund bedeuten kann. © Sven Hoppe/dpa


„Wir müssen jetzt sofort massiv gegensteuern, wenn wir eine Trendwende beim Artensterben noch schaffen wollen. Das ist wie beim Klimawandel, nur dass es hier noch viel schneller geht. Wir haben keine Zeit mehr. Wir können nicht so weitermachen, wir fahren absolut an die Wand“, warnt Heike Feldhaar, Professorin für Tierökologie an der Universität Bayreuth.


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Sie hat viel geforscht im Bereich der Biodiversität. Das Argument, dass das ganze Volksbegehren, für das man sich vom 31. Januar bis zum 13. Februar eintragen kann, allein auf der Krefelder Studie zum Insektensterben basiert, wonach innerhalb von 27 Jahren mehr als 75 Prozent der Fluginsekten-Biomasse verloren gegangen ist, lässt sie nicht gelten: "Es gibt viele Studien dazu. Wir wissen genau, was da passiert, die Effekte und Mechanismen kennen wir sehr gut."

 

Feldhaar selbst hat an den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten, großangelegten Biodiversitäts-Exploratorien mitgewirkt. Dabei wird unter anderem ergründet, welche Auswirkungen die Art der Landnutzung auf die Artenvielfalt hat. Die im Gesetzentwurf des Volksbegehrens festgelegten Details zu Mähzeitpunkten machen demnach durchaus Sinn.

"Das Mähen hat sehr großen Einfluss auf Heuschrecken und Ameisen, aber auch viele andere Arten. Es gibt viel weniger und viel kleinere Ameisennester, die Zahl der Arten ist deutlich geringer, wenn häufiger und früher gemäht wird", sagt Feldhaar.

Blühstreifen allein würden da nicht viel helfen. "Die Insekten brauchen nicht nur Nahrung, sie brauchen auch eine Behausung – und das kann nicht das Zehn-Euro-Bienenhotel vom Discounter sein, das eher ein Bienensarg ist. Das 'Höher, schneller, weiter‘ in der Landwirtschaft muss aufhören", fordert die Bayreuther Wissenschaftlerin. Hecken und Baumgruppen zwischen den Feldern, mehr Sandhaufen, Tümpel und Steine sind nötig, darin sind sich die Forscher einig.

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Trotzdem sind nicht nur die Bauern schuld, so Feldhaar, auch die Flächenversiegelung und der Verkehr spielen eine große Rolle. „Und auch jeder, der einen Mähroboter über sein Grundstück fahren lässt, ist beteiligt. Steinwüsten im Vorgarten sind biologisch tot“, betont Feldhaar. Jeder, der einen Balkon oder einen Garten hat, kann seinen Beitrag leisten, sagt die Wissenschaftlerin, indem zum Beispiel ein Teil des Gartens verwildern darf oder Wildblumen wachsen können.

"Ein 'Weiter so‘ führt zum Verlust von allem, was uns lieb und teuer ist, und zwar recht flott", betont Michael Schrödl, Biologe bei der Zoologischen Staatssammlung in München, der ein Buch mit dem Titel "Unsere Natur stirbt" verfasst hat.

"Landwirtschaft ist der Hauptverursacher"

„Die industrielle, intensive Landwirtschaft ist aufgrund ihres Flächenverbrauchs, ihrer Monokulturen und des Einsatzes von Düngemitteln und Pestiziden Hauptverursacher des Artenschwundes, daran besteht überhaupt kein Zweifel“, meint Schrödl.

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Die Forderungen des Volksbegehrens sind für Schrödl noch relativ bescheiden. "Den Bauern muss der Umstiegsprozess aber möglichst leicht gemacht werden. Niemand will der Landwirtschaft schaden", betont der Wissenschaftler.

„Das Volksbegehren ist ein gutes Zeichen an die Politik, dass das nicht nur ein Blümchenthema für ein paar Naturschutz-Nerds ist“, meint der Ökologe Christian Hof von der TU München, der die Juniorforschungsgruppe "Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt in Bayern" leitet.

Tieren fehlen die Rückzugsmöglichkeiten

Vor allem der im Gesetzentwurf des Volksbegehrens verankerte Ausbau eines Biotopverbundes ist für Hof essenziell, gerade in Zeiten des Klimawandels. "Das Klima hat sich natürlich schon immer geändert, aber in einer komplett anderen Landschaft. Tiere konnten darauf reagieren, heute fehlen die Rückzugs- und Anpassungsmöglichkeiten", verdeutlicht Hof.

Die Population der Grashüpfer wird doch häufiges und frühes Mähen der Wiesen enorm dezimiert. © Sven Hoppe/dpa


Er wünscht sich einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, damit sich in der Fläche etwas tut, nicht nur in ein paar Naturschutzgebieten. "Das Artensterben ist vielfach beschleunigt durch den Menschen, das wissen wir sicher. Ob jetzt 50 oder 70 Prozent der Insekten verschwunden sind, ist vielleicht noch nicht ganz klar, sicher aber ist: Es ist eine unglaubliche Dimension", betont Hof.

Die Landwirte überzeugt die Argumentation der Wissenschaftler allerdings nicht. "Die Bauern haben es satt, dass andere immer besser wissen, wie sie ihren Job zu machen haben, obwohl die Landwirte selbst sehr gut ausgebildet sind", empört sich Ottmar Braun, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) in Mittelfranken.

Bauern wollen keine zusätzlichen Regeln und Vorgaben

Die Landwirte lehnen das Volksbegehren ab. Sie halten es für überzogene Stimmungsmache auf Kosten der Bauern, betonen, dass auch der Flächenfraß, der Klimawandel, der Verkehr, die Industrie und die steinernen Vorgärten verantwortlich für den Artenschwund sind.
Nicht nur die Bauern sind gefordert, so Braun, es gebe auch noch viele Flächen an Bahndämmen, Straßenrändern oder Autobahnauffahrten, an denen man Wildkräutermischungen säen könne.

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Vor allem aber möchten die Bauern keine zusätzlichen Regeln und Vorgaben, sie setzen auf Freiwilligkeit. "Das bäuerliche Engagement für die Umwelt und den Naturschutz sollte anerkannt werden, anstatt wieder Stimmung zu machen", fordert Braun.

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"ÖDP ist bei Öko-Landbau auf dem Irrweg"

"Beim ökologischen Landbau ist die ÖDP vollends auf dem Irrweg", meint Braun. Im Volksbegehren wird gefordert, dass ab dem Jahr 2030 mindestens 30 Prozent der Felder und Wiesen ökologisch bewirtschaftet werden müssen. "Wenn man einen solchen Anteil per Gesetz vorschreibt, führt das zu einem Desaster auf dem Markt für regionale Bio-Erzeugnisse“, ist Braun überzeugt.

Mit bald 10.000 Bio-Betrieben in Bayern sei man bereits bundesweit Spitzenreiter und auf einem guten Weg. "Der Markt muss sich natürlich entwickeln und langsam wachsen. Solche gesetzlichen Vorgaben sind ein massiver Eingriff ins Eigentum und die unternehmerische Freiheit der Bauern", sagt Braun. Bei den Molkereien etwa gebe es lange Wartelisten mit Landwirten, die auf bio umstellen wollen. "Da muss erst die Nachfrage nachziehen", betont Braun.

 

Martin Müller Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern E-Mail

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