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Erlanger Experte über Hape Kerkelings Pilger-Film

Mediävist Klaus Herbers erklärt das Phänomen rund um "Ich bin dann mal weg" - 27.12.2015 06:00 Uhr

„Menschen, die schon auf dem Jakobsweg waren, erkennen sich offensichtlich in Hape Kerkelings Beschreibung wieder“: Devid Striesow in einer Szene aus dem Film „Ich bin dann mal weg“. © Foto: Warner Bros. Pictures/dpa


Das Phänomen des Pilgerns beschäftigt auch den Mediävisten Prof. Dr. Klaus Herbers am Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ein Interview.

Herr Herbers, seit einiger Zeit erleben wir einen Boom der Jakobuspilgerfahrt, der durch Bücher und jetzt auch einen Spielfilm weiter angeheizt wird. Dabei lassen sich keineswegs nur gläubige Katholiken von der Begeisterung anstecken. Was treibt und trieb die Menschen dazu, sich auf den beschwerlichen Weg nach Santiago de Compostela zu machen?

Beschäftigt sich mit dem Pilgern: FAU-Professor Klaus Herbers. © Foto: privat


Klaus Herbers: Oftmals steht heute die Entscheidung für eine Pilgerfahrt in der Tat in Zusammenhang mit einem Einschnitt im Leben – das kann eine Lebenskrise sein, aber auch nur ein neuer Lebensabschnitt, wie die Beendigung des Studiums oder der Eintritt in den Ruhestand. Die Pilgerstatistiken in Compostela belegen dies. Im Grunde war das im Mittelalter ähnlich: Nach vielen Reiseberichten der Zeit fanden Pilgerfahrten an wichtigen Lebenseinschnitten statt: so pilgerte der Nürnberger Kaufmann Sebald Oertel vor seiner Eheschließung nach Spanien.

Andererseits standen bei Wallfahrten im Mittelalter oft sehr konkrete Bitten an die Heiligen im Vordergrund – ein Kinderwunsch oder die Heilung einer Krankheit, wie die Wundererzählungen in den Heiligenlegenden zeigen. Ganz wichtig war aber auch das Pilgern als Bußakt oder zum „Trost der Seele“ (wie es in Testamenten heißt), um das eigene Wohl sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu fördern. Allgemeine Sinnsuche gab es wohl auch, aber das war kaum Thema in den mittelalterlichen Beschreibungen, weder im religiösen Sinn, noch im psychologischen. Schon im Mittelalter reisten Pilger nicht nur aus religiösen Motiven, sondern zum Beispiel auch aus Abenteuerlust.

Können Sie erklären, wie solch ein Werk wie „Ich bin dann mal weg“ zum Bestseller wird?

Herbers: Menschen, die schon auf dem Jakobsweg waren, erkennen sich offensichtlich in Hape Kerkelings Beschreibung wieder; Leser, die sich noch auf den Weg machen wollen, erhalten eine Vorstellung von dem, was sie erwartet – bis hin zu den Läden, die in Kerkelings Buch vorkommen.

Gab es vergleichbare „Bestseller“ im Mittelalter?

Herbers: Im Mittelalter hatte konkrete Hilfe für die gefährliche Fahrt eine noch größere Bedeutung. Neben mündlichen Berichten und Erzählungen von den Gefahren und Möglichkeiten gab es auch Pilgerführer mit vielen praktischen Empfehlungen, die wir seit dem 15. Jahrhundert auch als Druckwerke kennen. Aus den Reiseberichten lassen sich wie bei Hape Kerkeling oftmals interessante Einblicke in die Denkweise der Autoren gewinnen – die Beschreibung des Kaufmanns Sebald Oertel aus dem Nürnberger Raum ist zum Beispiel geprägt von seiner kaufmännischen Sicht, und enthält daher neben Entfernungsangaben und speziellen Hinweisen auch eine konkrete Auflistung aller Ausgaben, die getätigt wurden. Hier pilgerte ein wirtschaftlich denkender Mensch! Der Bericht des Hieronymus Münzer, der 1494 in Nürnberg vor der Pest floh, enthält dagegen zahlreiche geographische und von humanistischen Interessen geprägte Eindrücke. Er stieg zum Beispiel in jeder Stadt zuerst auf den Kirchturm, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann konnte er auch die Größe des Ortes mit Nürnberg vergleichen.

Aber unsere Welt ist doch „aufgeklärt“, wieso halten wir immer noch an archaischen, „irrationalen“ Gebräuchen wie der Wallfahrt nach Santiago de Compostela fest?

Herbers: Die Trennung zwischen rational und irrational ist eher eine „Erfindung“ der modernen Zeit und existiert im Grunde nicht so strikt, weder heute noch im Mittelalter. Daher sind Versuche, hinter die „Rationalität“ zu blicken genauso aktuell wie seit jeher. Erst die Erweiterung des Rationalen ermöglicht es, sich den Grundfragen der menschlichen Existenz zu nähern: Woher komme ich? Was bin ich? Wohin gehe ich?

Gerade für die letzte Frage, die in die Zukunft verweist, bietet sich der Pilgerweg mit seinen vielschichtigen Funktionen und Motivationen an. Wer diesen Weg beschreitet, stellt sich nicht nur einer sportlichen Herausforderung, sondern nimmt gleichzeitig religiöse und kulturelle Eindrücke in sich auf, und kann so eine Reihe von menschlichen Grundbedürfnissen befriedigen oder neu entdecken. Daher öffnen sich auch heute „aufgeklärte“ Menschen immer öfter diesem „Beten mit den Füssen“, wie das Pilgern einmal genannt wurde, nicht zuletzt auch, um im langsamen Fortschreiten und einer Entschleunigung zu anderen Dimensionen vorzustoßen. 

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