Mittwoch, 12.12.2018

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Erlanger Islam-Studie will "Alltagsnormalität sichtbar machen"

Vorstellung in Müchen mit Forderungen zum Umgang mit Muslimen - 19.07.2018 12:31 Uhr

Die Studie der Erlanger Wissenschaftler betont die Wichtigkeit des Islamunterrichts für bessere Integration. © Frank Rumpenhorst/Archiv (dpa)


Drei Jahre lang hat das Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (Ezire) der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) daran gearbeitet. Herausgekommen ist die erste breit angelegte wissenschaftliche Untersuchung muslimischen Lebens in einem deutschen Flächenland. Am Mittwoch wurden die Ergebnisse der Studie "Islam in Bayern" in München vorgestellt. Die Erlanger Wissenschaftler leiten aus ihrer Arbeit wichtige Forderungen für den Umgang mit Muslimen im Freistaat ab.

Schwerpunkt der Untersuchung im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war die Frage, wie es um die Chancen von Musliminnen und Muslimen auf eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft steht. Die Experten von Ezire sprachen mit Imamen, Lehrerinnen und Standesbeamten, Gerichtsvollziehern, Polizeipräsidenten und Stadträten, Flüchtlingen und Sozialarbeitern. Sie untersuchten zudem Aussagen von Salafisten wie Islamhassern. "Wir wollten ein Stück gelebter Alltagsnormalität sichtbar machen", sagt Mathias Rohe, Islamwissenschaftler und Ezire-Direktor.

Gesellschaftliche Teilhabe noch ausbaufähig

In puncto gesellschaftlicher Teilhabe muss man nicht bei Null beginnen. Es gibt Gebetsräume für Muslime und Schulgebete, sie haben das Recht, von Arbeitgebern an ihren Hochfesten Id al-Adha und Id al-Fitr frei zu bekommen.

Eine ungeklärte Frage, so die Studie, sind aber zum Beispiel islamische Bestattungen. Immer mehr Muslime möchten in Bayern auch bestattet werden. Nach islamischem Ritus muss das in weißen Leichentüchern geschehen. Im Freistaat ist das aber bisher nicht erlaubt. Es besteht Sargpflicht. Das sorgt für Verunsicherungen. Die Wissenschaftler empfehlen einen gelassenere Umgang mit den Bedürfnissen der Muslime nach ihren eigenen Riten. Das würde ihrer Auffassung nach der bayerischen Gesellschaft gut anstehen, zumal selbst die beiden großen christlichen Kirchen nicht auf den Sarg bestehen.

Eine weitere Erkenntnis der Forscher: Vor allem Syrer und Iraker, die ab 2015 nach Bayern gekommen sind, werden vor allem als Muslime wahrgenommen. Ihre Religiosität werde dabei häufig überbetont. Dabei seien die Geflüchteten in erster Linie mit der Bewältigung von Alltagsfragen beschäftigt. Rohe: "Muslime werden schnell in eine bestimmte Richtung gedrängt - auch in der Wissenschaft." Das strenge Leben nach Glaubensvorschriften sei vielen der Betroffenen offensichtlich aber gar nicht so wichtig.

Für dringend erforderlich halten die Experten den Einsatz von Sozialarbeitern mit muslimischem Hintergrund. Die seien nötig, um etwa Konflikte wie Eheprobleme oder Familienstreitigkeiten besser auffangen zu können. Islamische Geistliche seien mit der Schlichtung häufig überfordert. Eine "Paralleljustiz" mit institutionalisierten "Scharia-Gerichten" gebe es in Bayern nicht, wohl aber Fälle traditioneller Streitschlichtung.

Islamischer Religionsunterricht ist essenziell

Eine Lanze bricht die Studie für den islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Der sei ein wichtiger Baustein für eine Kultur der Anerkennung von Muslimen in der Gesellschaft. Der noch bis Sommer 2019 laufende Modellversuch in Bayern müsse weitergehen. "Der hat sich bewährt", bekräftigt Rohe. Die Staatsregierung hat den seit zehn Jahren laufenden Unterricht, der inzwischen an 350 Schulen erteilt wird, allerdings massiv in Frage gestellt. Es ist völlig offen, was im kommenden Jahr passiert. Dabei gilt dieser Islamische Unterricht auch als wichtiges Instrument gegen Radikalisierung und Extremismus, ein Phänomen, das es auch in Bayern gibt. Der Verfassungsschutzbericht 2016 nennt fünf salafistische Moscheegemeinden im Freistaat.

Der Erlanger Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba hat hier Pionierarbeit geleistet. Er analysierte erstmals umfassend salafistische Freitagspredigten. "Salafisten rufen nicht direkt zur Gewalt auf", meint Jaraba, "aber ihre Predigten enthalten sublime Botschaften, die durchaus als Aufforderung zur Gewalt verstanden werden können." Konflikte in Syrien oder im Irak würden dabei als christliche Feldzüge gegen den Islam gedeutet.

Mit derartigen Parolen zielten Salafisten auf eine Spaltung der Gesellschaft. Das mache sie so gefährlich. Aber auch Islamfeinde polarisierten mit einer aggressiven Rhetorik gegen Muslime. Extremisten und Islamfeinde schaukelten sich mit ihren Hassparolen gegenseitig hoch. Dem könne, so Ezire-Direktor Mathias Rohe, nur eine Kultur der Anerkennung von Muslimen entgegenwirken. Es müsse verhindert werden, dass die Gesellschaft in "Wir und die Muslime" eingeteilt werde. 

Michael Kasperowitsch

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