Sonntag, 18.11.2018

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Erlanger «Pfarrerstochter» machte Furore

Lockere Studentenvereinigung ohne Korpszwang erregte wegen ihres Namens Anstoß - Verbot misslang - 02.01.2009

Solch schönes Haus wie die Onoldia konnte die «Pfarrerstochter» nicht bieten. © B. Böhner


Schon 1899 hatte der Pfarrerverein mit einer Eingabe erreicht, dass der Akademische Senat der Universität den Namen «Pfarrerstochter» als unpassend erklärt und disziplinarisches Einschreiten bei seiner Verwendung angedroht hatte. Die bayerischen Pfarrer hatten sich aber verfrüht der Hoffnung hingegeben, schon damit dem sie ärgernden Namen ein Ende bereitet zu haben. 1908 alarmierte ein Perlacher Amtsbruder den Pfarrervereinsvorsitzenden K. Haußleiter mit dem Hinweis, in der Augsburger Abendzeitung habe die Erlanger «Pfarrerstochter» unter diesem Namen ihre ehemaligen Mitglieder zum 45. Stiftungsfest eingeladen.

Nicht zuständig

Daraufhin wandte sich Haußleiter – «nachdem der Verein den Namen wieder öffentlich gebrauchte» – erneut an den Akademischen Senat. Der erklärte sich aber für nicht zuständig, die Namensführung zu verbieten, da es sich bei der «Pfarrerstochter» nicht um eine studentische Korporation im Sinne der Universitäts-Satzungen handele. So abgewiesen, richtete der Pfarrerverein sein Verlangen schließlich an die Stadt Erlangen als der zuständigen Ortspolizeibehörde.

Der Stadtmagistrat musste sich daher in öffentlicher Sitzung mit dem Antrag befassen. Aber auch diesmal blieb der Pfarrerverein mit seinem Anliegen erfolglos, denn der Magistrat entschied, «mangels eines öffentlichen Interesses» sei er nicht in der Lage, dem Antrag stattzugeben. Darauf folgte die Formulierung: «Sollte in dem Führen des Namens ‚Pfarrerstochter’ eine Verhöhnung des Standes der Pfarrerstöchter und Pfarrer erblickt werden, so muß es den Interessenten überlassen werden, im Wege der Privatklage gegen den oder die Beleidiger vorzugehen.»

Auch nachdem die «Pfarrerstochter» im Magistrat «einen so freundlichen Beschützer gefunden» hatte, wie das Erlanger Tagblatt formulierte, gab der Pfarrerverein seinen Kampf gegen die Namensführung nicht auf. Mit einer Beschwerde beim Kultusministerium erreichte er, dass der Akademische Senat sich nochmals mit der Angelegenheit befasste. Nun beschloss dieser, zu jedem Semesterbeginn sei dem Vorsitzenden der «Vereinigung auswärtiger inaktiver Corps-Studenten» zu eröffnen, dass den Mitgliedern im Falle der öffentlichen Führung des umstrittenen Namens disziplinäre Bestrafung drohe. Diese Entscheidung fiel erst im Mai 1910 und das Semesteranfangsritual dürfte bald wieder in Vergessenheit geraten sein.

Inzwischen hatte die Erlanger Magistratsentscheidung zu einem allgemeinen Interesse an der «Pfarrerstochter» geführt. In der Münchener Zeitschrift Jugend wurde 1909 sogar «nach einer wahren Erlanger Begebenheit» ein spöttisches «Lied von der ‚Pfarrerstochter‘» veröffentlicht. Es begann: «Es sind die Pfarrerstöchterlein/ Der Frauen schönste Sterne!/ Schon Goethe hatt’ in Sesenheim/ Ein Pfarrerstöchterl gerne.» Die Schlussstrophe lautete: «Die Pfarrerstöchter, blond und fein,/ Sind allerliebste Göhren./ Wie alle hübschen Mägdelein/ Soll man sie hoch verehren!/O Pfarrverein, du tust mir leid!/ Du dauerst mich gar sehr!/ Wenn Ihr gar so empfindlich seid,/ Dann zeugt halt keine mehr!/ Juchu, heidi,/ Dann zeugt halt keine mehr!»

Aber es wuchs auch das sachliche Informationsbedürfnis an der Geschichte der «Pfarrerstochter». Das «Erlanger Tagblatt» gab einen Artikel aus der Frankfurter Zeitung wieder, in welchem ein bei Frankfurt lebender Redakteur behauptete, er selbst habe als Gründungsmitglied den Namen «Pfarrerstochter» vorgeschlagen, den «der Sage nach» schon eine frühere Bierverbindung geführt haben soll.

Er erinnerte sich: «Wir kamen jeden Samstag Abend in einem kleinen Kneiplokal in der Nähe des Gasthauses ‚zur Glocke’ zusammen. Hier trafen sich Teutonen (Marburg), Sachsen (Jena), Braunschweiger (Göttingen), Pommern (Greifswald), Franken (Tübingen) u. a., lauter Mitkneipanten der ‚Onoldia’, bei der sie nicht aktiv werden konnten, da die ‚Onoldia’ eine sogenannte Lebensverbindung war, die fremde Korpsstudenten nicht aufnahm. Die ‚Pfarrerstochter’ bot ihren Mitgliedern den Reiz des Korpslebens ohne dessen Zwang.»

Die Vereinigung wurde im Sommersemester 1858 gegründet, ein festerer Zusammenschluss mit Satzung und Wappen bildete sich im Mai 1863. Im Restaurant des Wirtes Franz Siedersbeck in der Hauptstraße 40 war 1908 noch der Tisch zu finden, der die Namen der Gründungsmitglieder von 1863 und das Bildnis des früheren Pedells A. Hinker überlieferte. Das «Erlanger Stadtlexikon» notiert zur weiteren Geschichte : «Die Blütezeit der legendären Pfarrerstochter hielt bis nach 1918 an. Der Versuch einer Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg war jedoch nur von kurzer Dauer». Genannt werden hier gerade einmal die Sommersemester von 1953 bis 1957 - dann war es aus mit den «Pfarrerstöchtern».

HEINRICH HIRSCHFELDER 

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