Sonntag, 18.11.2018

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Grimmiger Krieg

Fritz Fink übertrug Chronik des Major Gräf - 25.08.2011

Unvorstellbares Leid brachte der Dreißigjährige Krieg über die Menschen im Erlanger und Forchheimer Oberland. Auch das Büger Schloss wurde zerstört und erst viel später wieder aufgebaut. © Scott Johnston


Der Offizier Friedrich Gräf verfasste 1910, vier Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, unter anderem eine Darstellung des Dreißigjährigen Kriegs von 1618 bis 1648, in der er „dessen Verlauf im Großen und Ganzen, besonders aber die Kriegsereignisse im Schwabachgau“ skizzierte.

1910 verfasste Major Friedrich Gräf eine Chronik über den Dreißigjährigen Krieg. © Repro: Johnston


Seit gut einem Jahrhundert schlummerte diese detailgetreue Zusammenfassung, gut geschützt und nur von Geschichts-Insidern wahrgenommen, zwischen zahlreichen historischen Dokumenten im Staatsarchiv. Aus heutiger Sicht hat Gräfs Arbeit nämlich einen gravierenden Nachteil: Sie ist in gotischer Handschrift verfasst, die immer weniger Menschen entziffern können.

Der Eschenauer Fritz Fink musste bei seinen Recherchen „häufig mehrmals hinsehen“, wie er erzählt, und „manchmal auch ganz schön grübeln“, ehe er herausfand, was Gräfs schwungvoll aufs Papier geworfene Zeilen im Detail tatsächlich beschreiben.

Zeitreise in die Vergangenheit

Die Abhandlung hat Fink, der bald seinen 81. Geburtstag feiert, nach der Abschrift in seinen Computer eingetippt, so dass die Sätze beim Lesen jetzt nur so dahinfliegen. Wer sich auf eine Zeitreise fast 400 Jahre in die Vergangenheit begibt, wird von den möglicherweise turbulentesten Jahrzehnten, die das Gebiet zwischen Heroldsberg, Neunkirchen und Hiltpoltstein bisher erlebt hat — die Schrecken des Zweiten Weltkriegs einmal ausgenommen —, sofort in den Bann gezogen.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe die Bewohner des Schwabachtals realisierten, welche Katastrophe in jenem Jahr 1618 auf sie zurollte. Zwar berichteten reisende Händler gelegentlich über Kämpfe in Böhmen — aber in Zeiten, in denen ein Pferd das schnellste Transportmittel war, lag Böhmen so weit weg wie heute ein anderer Planet.

Die Handwerker und Bauern in Großgeschaidt, Dormitz oder Walkersbrunn genossen seit dem Ende des zweiten Markgrafenkriegs eine mittlerweile über 60 Jahre währende Friedenszeit.

Nach dem Aufstand der böhmischen Stände, dem berüchtigten „Prager Fenstersturz“ am 23.Mai 1618, bei dem verhasste Räte einfach „entsorgt“ wurden, und der Schlacht am Weißen Berg 1620 breitete sich über Europa ein Krieg aus, der wesentlich schlimmer und blutiger ausfallen sollte, als die meisten vorhergehenden Auseinandersetzungen.

Insgesamt folgten in den 30 Jahren von 1618 bis 1648 vier Konflikte aufeinander, die nach den jeweiligen Gegnern des deutschen Kaisers und der Habsburger als Böhmisch-Pfälzischer, Dänisch-Niedersächsischer, Schwedischer und Schwedisch-Französischer Krieg bezeichnet wurden.

Die ersten Vorboten der kommenden Gräuel trafen auch im hiesigen Raum bald ein: Vor allem die Preise für Lebensmittel stiegen rapide in die Höhe.

1621 fielen die ersten Truppen, von der Oberpfalz her kommend, in das hiesige Gebiet ein. Zunächst besetzten kurbayerische Soldaten die Festung Rothenberg bei Schnaittach und richteten in den umliegenden Ortschaften große Verwüstungen an. Nach den Aufzeichnungen des damaligen Gräfenberger Pfarrers durchstreiften in der Folgezeit laufend (para-)militärische Verbände plündernd und zerstörend das Gebiet. In der Nähe von Bernhof bei Ittling brachten bayerische Soldaten beispielsweise sieben Gräfenberger Bürger um.

1625 zog der kaiserliche Oberst Avantaigne mit 500 Reitern nach Eschenau und erpresste die Bewohner des Ortes, ihr gesamtes Hab und Gut herauszugeben. Zwei Eschenauer Bauern bezahlten ihren standhaften Widerstand mit dem Leben.

Zwei Jahre später kamen zwei Kompanien von Reitern unter dem Befehl des kaiserlichen Rittmeisters Johann Kaspar von Elz aus Heroldsberger Richtung über den Geschaidter Berg geritten und forderten mit vorgehaltenen Schusswaffen von den Eschenauern Quartier und Verpflegung. Die Bürger hatten freilich nach einer Reihe von Missernten und durch die ständigen Raubzüge marodierender Heerhaufen keinen Hafer mehr und flehten darum, ihren Ort zu verschonen. Die Reiter blieben dennoch mehrere Monate und raubten alles an sich, was sie bekommen konnten — einschließlich des Geldes und einiger Pferde der Bauern.

Die Stadt Gräfenberg litt ebenfalls stark unter den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges. Kurz vor Weihnachten 1630 mussten die Gräfenberger Bürger ihre Häuser verlassen und flohen vor den kaiserlichen Truppen ins benachbarte Hiltpoltstein. Die Menschen dort halfen ihren verzweifelten Nachbarn und hielten die den Flüchtlingen nachstoßenden Soldaten mit Feuer auf. Bei Leupoldstein holten die hartnäckigen Feinde jedoch die fliehenden Gräfenberger ein und plünderten die wehrlosen Menschen gnadenlos aus.

Plünderungen und Seuchen

Zehn Tage später kehrten die gequälten Gräfenberger Bürger völlig mittellos in ihre Häuser zurück, aus denen sie allerdings bereits nach einer Stunde wieder vertrieben wurden und dieses Mal in der Freien Reichsstadt Nürnberg Schutz suchten. 1632 taten sich 300 Gräfenberger Bauern zusammen. 100 von ihnen schoben ständig Wache, während der Rest versuchte, auf den Feldern die kläglichen Reste der Ernte einzuholen.

Außer den wiederholten Überfällen, Plünderungen und Verwüstungen setzten den Menschen auch Seuchen wie die Blattern und die Pest stark zu: Der Tod hielt reiche Ernte. Aus Hunger wurden nicht selten Hunde und Katzen gegessen. In Kalchreuth kamen 70 Prozent der Bürger durch den Krieg um, in Eschenau die Hälfte der Bevölkerung. In Uttenreuth lebte 1642 nur noch ein Mann.

Am 24.Oktober 1648 endete der Krieg in Deutschland. Nach dem Westfälischen Frieden dauerte es lange, bis sich die Gemeinden des Schwabachtales von den umfangreichen Zerstörungen wieder einigermaßen erholt hatten.

Vielfach lagen die menschenleeren Anwesen wie beispielsweise in Brand über 70 Jahre in Schutt und Asche, weil aus den Familien ihrer einstigen Besitzer niemand mehr lebte. Insgesamt kamen allein in Süddeutschland über zwei Drittel der Bevölkerung ums Leben. 

VON SCOTT JOHNSTON

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