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Gute Fachwerkhaus-Sanierung in Ermreuth

Das Beispiel Schwarzhaupthaus zeigt Idealismus und Kompetenz - 02.01.2017 14:30 Uhr

Die Sanierung des Schwarzhaupthauses schreitet voran. © Rolf Riedel


Hermann Stengel, ein Erlanger Bürger, stammend aus dem Neunkirchener Weiler Wellucken, ist solch ein Idealist. Er hat große Freude an der Sanierung und dem Erhalt alter Fachwerkbauten.

Dabei hatte er in Ermreuth zuerst ein anderes Haus in der Wagnergasse neben dem Schwarzhaupthaus erworben, in dem er derzeit auch mit der Familie wohnt. Auch dieses Haus verbirgt unter dem Außenputz ein Fachwerk, und auch hier hat er innen schon viele Balken freigelegt und saniert. Die Besucher merkten ihm die Freude und Liebe für den Erhalt solcher alten Baustrukturen und insbesondere des Schwarzhaupthauses an, wenn er leidenschaftlich von der Hausgeschichte und den Sanierungsarbeiten erzählte.

Das Schwarzhaupthaus aus dem 18. Jahrhundert war bis zum 2. Weltkrieg von Juden bewohnt. Es trägt noch heute den Namen seiner letzten Besitzer „Schwarzhaupt“ und grenzt unmittelbar an die Synagoge, von dieser lediglich durch den schmalen Saarbach getrennt. Die alte fränkische Bauweise des Schwarzhaupthauses sowie dessen ursprüngliche Einrichtung mit Waschküche, Plumpsklo, Flaschenzug und Räucherkammer dokumentieren die Wohnkultur auf dem fränkischen Lande in früheren Zeiten. Hier betrieb die Familie Schwarzhaupt einen Laden für Stoffe, Nähzubehör und einen Stoffhandel. Davon zeugen einige Einrichtungsteile, zum Beispiel alte mechanische Hebeeinrichtungen zum Transport der Stoffballen.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 stürmten SS-Schergen dieses Haus sowie die benachbarte Synagoge und demolierten sie. Der Familie blieb unter dem Naziregime nichts anderes übrig: Sie verkaufte ihr Haus zu einem Spottpreis an einen Geschäftsmann aus Nürnberg. Mit dem Geld konnte sie sich noch rechtzeitig — als einzige Ermreuther Juden — in die USA retten. 1996 ging das Schwarzhaupthaus in das Eigentum der Gemeinde Neunkirchen am Brand über.

Unter Denkmalschutz stehend und somit vor dem Abriss gerettet, stand es seit vielen Jahren leer – der Witterung und dem langsamen Verfall ausgesetzt. Zwar hatte die Gemeinde verschiedene kulturelle Nutzungsmöglichkeiten in Erwägung gezogen – letztlich scheiterte dies an den hohen Sanierungskosten. So kam es dann dazu, dass das Schwarzhaupthaus an Hermann Stengel vor drei Jahren für den symbolischen Preis von einem Euro verkauft wurde. Dies jedoch mit der Auflage, dass es innerhalb von zehn Jahren unter denkmalschutzrechtlichen Gesichtspunkten saniert wird. Damit hatte eine jahrelange Auseinandersetzung um die Zukunft des Anwesens ihr Ende gefunden. Die Synagoge wurde bereits neu saniert und 1994 feierlich neu eingeweiht.

Die Sanierungsarbeiten laufen in vollem Gange, das Haus ist eingerüstet und das Fachwerk innen und außen freigelegt. Teilweise ist das Fachwerk verrottet (Giebel und Seite zur Synagoge) und wird derzeit ersetzt. Aber es ist im großen und ganzen ein attraktives Fachwerk. Das Dach musste abgedeckt und mit einer Plane wetterdicht gemacht werden. Stengel führte die Besucher mit Begeisterung durch das Haus und man staunte, wie gut noch die Treppe und zum großen Teil die Fachwerkinnenwände trotz allem erhalten sind. Er konnte auch noch viel über die einzelnen Zimmer, deren Nutzung und Einrichtungen erklären. Dabei spürten die Besucher fast den Atem der früheren Bewohner und lernten auch viel über das Leben einer jüdischen Familie und deren Bräuche kennen.

Die Arbeiten werden durch Hermann Stengel in Eigenregie zusammen mit einem professionellen Zimmermannmeister durchgeführt. Diese Arbeiten sind sehr aufwändig „Oft wurden die Schäden erst sichtbar, wenn der Putz abgeklopft wurde“, so Stengel.

Auf die Frage, warum er das Haus saniert, sagte Stengel: „Ich habe noch keinen Zweck – vielleicht mal ein Café, ein Begegnungszentrum der Synagogen-Besucher oder auch eine Nutzung von Teilen als Museum. Mir geht es jetzt erst einmal darum, das Haus zu erhalten.“ 

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