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Hausbesitzer schirmt seine Mieter gegen Strahlen ab

Frank Herdegen investiert zusätzlich bis zu 20.000 Euro in Schutzmaßnahmen gegen Mobilfunkstrahlung - 07.01.2012 08:00 Uhr

Schutz vor Gesundheitsgefahren: Hausbesitzer Frank Herdegen hat sein Mietshaus in der Erlanger Innenstadt durch einen speziellen schwarzen Farbanstrich und dreifach verglaste Thermofenster vor Mobilfunkstrahlen abschirmen lassen.

Schutz vor Gesundheitsgefahren: Hausbesitzer Frank Herdegen hat sein Mietshaus in der Erlanger Innenstadt durch einen speziellen schwarzen Farbanstrich und dreifach verglaste Thermofenster vor Mobilfunkstrahlen abschirmen lassen. © Egbert M. Reinhold


Frank Herdegen beherzigt die alte Weisheit „Vorbeugen ist besser als Heilen“. Der 54-jährige Hausbesitzer ist sich sicher, dass die Investitionskosten für die Schutzmaßnahmen gut angelegt sind.

Der ökologisch engagierte Vermieter, der im Brotberuf kommunaler Musiklehrer ist, hat sich zu den vorbeugenden Schutzmaßnahmen für sein Mehrfamilienhaus entschlossen, weil er aus eigener Erfahrung bei Langzeiteinwirkung von Strahlen — weit unterhalb der in Deutschland geltenden Grenzwerte — ein Risiko für die Gesundheit sieht und die Strahlenbelastung in den Innenstädten ständig steige.

Grundlage der Sanierung, die faktisch einem Neubau gleichkommt, ist ein detaillierter Messbericht der Umweltanalytik Dr. Dietrich Moldan in Iphofen vom Februar vergangenen Jahres. Herdegen orientiert sich zudem an den Vorsorgewerten, wie sie in einer Salzburger Empfehlung von 2002 und vom Bürgerforum Elektrosmog in Deutschland mit einem Mikrowatt pro Quadratmeter maximaler Belastung für Innenräume gefordert wurden.

Herdegens Ziel: sich diesen Werten bei einer akut gemessenen Außenbelastung rund um das Gebäude von 200 bis 1500 Mikrowatt und mehr zumindest anzunähern. Durch einen Spezialanstrich der am meisten belasteten West- und Ostseite des Gebäudes mit einer hochdämpfenden schwarzen Abschirmfarbe und durch Abschirmgewebe auf den weniger belasteten Nord- und Südwänden ist die im Inneren ankommende Strahlung — mutmaßlich durch einen Sender der Telekom — von Spitzenwerten von bis zu 150 Mikrowatt in fast allen Räumen auf Werte von zwei bis zehn gesenkt worden, so die Diagnose.

Damit nicht genug: Ergänzt wird dies durch den Einbau dreifach verglaster Thermofenster mit Aluminiumschalen für die Kunststoffrahmen, um auch diese Schwachstellen undurchlässiger zu machen.

Dabei sieht sich Herdegen in guter Gesellschaft, denn auch bekannte Industriefirmen wie BMW haben bereits vor Jahren — ohne Werbung dafür zu machen — Vorsorgegrenzwerte für ihre Innenräume eingeführt und umgesetzt, um ihre Mitarbeiter vor übermäßiger Mobilfunkstrahlung zu schützen.

„Natürlich hat die Außenabschirmung nur einen Sinn, wenn im Gebäudeinneren keine neuen massiven Strahlenquellen wie zum Beispiel W-LAN und DECT-Schnurlostelefone verwendet werden“, räumt Herdegen im Gespräch mit den EN ein. Deshalb hat er die meisten Wohnräume mit eigener Telefonsteckdose und einem CAT 6-Internetanschluss ausrüsten lassen, um den Mietern eine effektive Kommunikation ohne Dauerstrahlenbelastung zu ermöglichen. Die neuen fünf Mietparteien haben diesen Service freilich gerne akzeptiert und sich dazu verpflichtet, auf schnurlose Telefone, W-LAN und Mikrowelle zu verzichten.

Die gesundheitlichen Auswirkungen der Mobilfunkstrahlen auf den Menschen werden in der Wissenschaft nach wie vor kontrovers diskutiert, das weiß Herdegen durchaus. Allerdings kann er auf eine Resolution des Umweltausschusses des Europarats vom 6. Mai vergangenen Jahres verweisen; darin werden schädliche biologische Wirkungen auf den Menschen im nichtthermischen Bereich durch hochfrequente Strahlung, wie sie bei Mobilfunk, Telekommunikation und Radar verwendet wird, nicht mehr ausgeschlossen — und der Ausschuss fordert ein Umdenken in der Mobilfunkpolitik.



Auch die Krebsforschungsagentur International Agency for Research of Cancer der Weltgesundheitsorganisation hat im Mai 2011 Mobilfunkstrahlung als möglicherweise krebserregend eingestuft. Der Verdacht auf ein dreifach höheres Krebsrisiko in der Nähe von Sendemasten wurde schon durch die deutsche Nailastudie 2004 erhärtet und eine dreifach erhöhte Krebssterblichkeit in der Nähe von Sendemasten 2011 durch eine Großstudie der Universität von Belo Horizonte und des brasilianischen Gesundheitsdienstes nachgewiesen, zählt Herdegen auf.

„Es ist davon auszugehen, dass solche Abschirm-Maßnahmen wie an meinem Haus weiter Schule machen werden, denn immer mehr Menschen klagen über gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit Mobilfunk“, so Herdegen, der sich seit fünf Jahren mit Strahlenschutz beschäftigt und der Bürgerinitiative Kleinsendelbach angehört. „Wir hätten einen 140 Meter hohen Mobilfunkmasten neben dem Sportplatz bekommen, wenn wir uns nicht gewehrt hätten.“

Wie sich eine Erkrankung durch Mobilfunk von unauffälligen Anfängen bis zur absoluten Arbeitsunfähigkeit hochsteigern kann, zeigen beispielsweise Erfahrungsberichte zweier Frauen aus dem Erlanger Raum.

Auch in Erlangen direkt haben sich bereits mehrere Fälle von mobilfunkbedingten Gesundheitsstörungen bestätigt, zählt Helga Krause aus Fürth auf, die Mobilfunkbeauftragte des Bundes Naturschutz (BN) in Bayern. Zuletzt traf es im Februar vergangenen Jahres eine Handwerkerfamilie in Alterlangen: Kinder und Eltern klagten über Schlafstörungen, Kopfschmerzattacken und Burn-Out-Effekte — offenbar ausgelöst durch ein DECT-Telefon. Vier Wochen, nachdem die Strahlenquelle im Erdgeschoß des Gebäudes entfernt worden war, fühlten sich alle Familienmitglieder wieder fit.

Die Mobilfunkgegner haben sich längst bundesweit formiert und zig Leidensberichte von „elektro-sensiblen“ Betroffenen gesammelt. An Sendemasten werden Strahlenwerte bis zu neun Millionen Mikrowatt gemessen; empfindliche Menschen reagieren bereits ab 100 Mikrowatt negativ. Die Liste der Beschwerden liest sich besorgniserregend: Schlafstörungen, Allergien, Ausschlag, Erbrechen, Herzrhythmusstörungen, Durchfall, Bluthochdruck.

Kolportiert wird das Beispiel eines erkrankten Mannes, der den Stecker der schnurlosen Telefonanlage zog und seitdem beschwerdefrei ist. Die Ärztin Regina Vogt-Heeren aus Cadolzburg im Landkreis Fürth berichtet über massive Erschöpfungszustände und Blutdruckprobleme, die erst verschwanden, als die Basisstation eines schnurlosen Telefons neben dem Schlafzimmer entfernt worden war — „Mikrowellensyndrom“ nennen Experten diese „Krankheit ohne Namen“. Helga Krause vom BN und Herdegen berichten von vier Fällen im östlichen Landkreis, die momentan betreut werden: „Die Spitze des Eisbergs.“

Viele Menschen sind durch die permanente Strahlenbelastung bereits derart elektro-sensitiv, dass sie nachts mit dem Wohnmobil in den Wald fahren, um ruhig zu schlafen. Ja, Herdegen erzählt sogar von Betroffenen, die „nur mit Metallschutzanzug und Helm über den Hugenottenplatz“ laufen könnten.

Frank Herdegen dagegen ist sich sicher: Bei seinem Objekt in der Nägelsbachstraße werde die Strahlung nach der Abschirmung durch die Fenster um bis zu 98 Prozent und durch die Abschirmfarbe um bis zu 99,6 Prozent gedämmt. Der Bund Naturschutz, sagt Helga Krause den EN, will das Projekt als Modellbeispiel in der politischen Diskussion nutzen. Anfang März soll das Haus bezugsfertig sein. Fünf Mietparteien ziehen ein. Apropos Mieter: Im Geldbeutel sollen diese Familien den Kraftakt in Sachen Strahlenschutz nicht spüren. Frank Herdegen verspricht: „Ich verlange nur die ortsübliche Miete.“

www.erlangen.de (Rubrik Umwelt und Energie/Luft, Lärm, Mobilfunk)

www.elektrosmognews.de 

HANS PETER REITZNER

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