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Freitag, 20.04.2018

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Jubiläums-Karfreitagsprozession in Neunkirchen

Der Ort blickt auf 350-jährige Tradition zurück - 19.03.2018 18:00 Uhr

Traditionelle Karfreitagsprozession mit Figuren in Neunkirchen: Die gläubigen Katholiken ziehen traditionell mit den Figuren und Musik durch den Ort und beten. Anschließend ist Gottesdienst in der Kirche St. Michael mit Erzbischof Schick. © Ralf Rödel


"Nach dem Dreißigjährigen Krieg, der auch in Neunkirchen viel Leid verursachte, war es nötig, die Menschen wieder in ihrem Glauben zu stärken. Deshalb erlebten Mysterienspiele, Prozessionen und Wallfahrten nach dem Westfälischen Frieden einen Aufschwung", erläutert Wilhelm Geist, der seit 42 Jahren an Karfreitag die Rolle des Vorbeters übernimmt.

Dank des Berichts eines Geistlichen von 1750 ist überliefert, in welcher Form die "Trauer Proceßion des bitteren Leydens und Sterbens Jesu Christi" einst gefeiert wurde. So gehörten zu ihr 95 lebende Figuren, die zentrale Personen aus der Bibel wie Adam und Eva, Abraham oder Moses darstellten. Dies wurde 1803 im Zuge der Säkularisation freilich verboten.

Einzelne Stationen

Heute verweisen Holzfiguren aus dem Frühbarock auf die einzelnen Stationen der Passion Christi — zum Beispiel "Jesus am Ölberg", "Christus verhöhnt" oder "Kreuz mit den Marterwerkzeugen Jesu", was jeweils durch Tafeln gekennzeichnet wird. Pfarrer Veit Dennert legte in den 1970er Jahren Wert darauf, dem Sterben Jesu eine positive Perspektive zu geben und auch die Auferstehung zu integrieren.

Die jetzige Schlussfigur, die den Bezug zu Ostern herstellt, ist gleichzeitig die älteste und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Für Wilhelm Geist trägt sie wesentlich mit dazu bei, dass der Leidensweg Jesu den Menschen heute noch Halt und Zuversicht geben kann: "Christus ist für uns am Kreuz gestorben. Er hat menschliche Züge gezeigt und mit Gott gehadert. Seine Auferstehung steht nicht nur für die Erlösung vom Leid, sondern auch für das ewige Leben, an das wir Christen glauben."

Ein Restaurator renoviert derzeit behutsam einzelne Holzfiguren, bessert Schäden aus oder ersetzt einen abgebrochenen Finger. Neu ist in diesem Jahr die Lautsprecheranlage. Die Übertragung geschieht nun per Funk, so dass auf Kabel verzichtet werden kann.

Seit seiner Kindheit nimmt Wilhelm Geist, mittlerweile 75 Jahre alt, an der Prozession teil. Als Bub schmückte er die Tafeln mit Buchsbaumzweigen und freute sich über ein Fuchzgerl als Belohnung. Später drehte er mit den anderen Ministranten die Ratschen, die von Gründonnerstag bis zur Osternacht anstelle der Kirchenglocken eingesetzt werden. Sein Vater Andreas übergab Wilhelm Geist 1976 das Amt des Vorbeters.

Nach der Premiere vor 14 Jahren beteiligt sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick nun erneut an der Prozession und trägt das berühmte Reliquienkreuz. Es beherbergt in der Mitte einen Splitter vom Kreuze Jesu. Der Bischof hält auch die Andacht nach dem etwa einstündigen Zug von der Kirche St. Michael durch die Erleinhofer Straße am Friedhof vorbei zum Lärchenweg und zurück durch das Forchheimer Tor.

Viele Zuschauer

Das Besondere an der Neunkirchener Prozession ist, dass sich viele Zuschauer mit einreihen. Dies können bei sonnigem Wetter bis zu 5000 sein. Wilhelm Geist: "Ist es bitterkalt, schneit oder regnet es, kommen verständlicherweise wesentlich weniger Menschen."

Anders als in Süditalien oder Spanien gibt es in Deutschland kaum Karfreitagsprozessionen. Bekannt ist neben der Neunkirchener, die traditionell um 9 Uhr beginnt, jene in Lohr am Main.

Mitglieder der Feuerwehr tragen in Neunkirchen das Heilige Grab, bevor es in der gleichnamigen Kapelle aufgebaut wird. Die Holzfiguren kommen nach dem feierlichen Zug erstmals nicht in einen Aufbewahrungsraum, sondern bilden ab diesem Jahr die verschiedenen Stationen eines Kreuzwegs, der im Obergeschoss des Kreuzgangs der Pfarrkirche entstehen soll.

Das Heilige Grab trugen früher sechs Männer, die allesamt eine kleine Landwirtschaft betrieben. Als Dank für ihren Dienst durften sie Streuholz aus dem Stiftungswald holen. Als 1953 Patres eines Bamberger Ordens die mit Talar und Barret ausstaffierten Träger sahen, sagten sie anerkennend zum Ortspfarrer: "Sie haben aber viele Kapläne!" Dieser nickte mit einem Schmunzeln und erwiderte: "Ja, das sind alles Streu-Kapläne."

  

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