Sonntag, 18.11.2018

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»Kein Buchstabe darf zensiert werden«

Orientalistik: Festvortrag des Autors und Herausgebers Gamal al-Ghitani - 28.05.2010

Das Titelbild der im C.H.-Beck-Verlag erschienenen Ausgabe von »1001 Nacht« nach der ältesten arabischen Handschrift (übersetzt von Claudia Ott). Repro: oh


Mit einer Nay, einer Längsflöte aus dem Orient, spielt die Wissenschaftlerin Claudia Ott arabische Klänge der Melodie von »1001 Nacht«. Ein junger Musiker zupft dazu die Saiten seiner Kanun, einer Zither aus dem Orient.

Es ist der Eröffnungsabend des »Arabian Night Workshop«, der noch bis Samstag an der Erlanger Universität stattfindet. Der ägyptische Schriftsteller Gamal al-Ghitani hält an diesem Abend den Festvortrag. Er ist in seiner Heimat unter den Vorwurf der Sittenwidrigkeit geraten. Ankläger weisen darauf hin, dass es explizit erotische und pornografische Passagen in der Märchensammlung »1001 Nacht« gibt, berichtet Gamal al-Ghitani im Pressegespräch.

»Heuchelei« und »Unsinn«

Der Schriftsteller und Journalist bezeichnet dies als »Heuchelei« und »kompletten Unsinn«, schließlich habe in Zeiten des Internets und der Massenmedien jeder Zugriff auf erotische Literatur. Daher ist für Gamal al-Ghitani klar, diese Extremisten verfolgen ein anderes Ziel. So sei ihr Hauptziel, Kulturschaffende zu behindern, meint der 65-Jährige. Den Vorschlag der Kläger, einzelne Wörter oder Zeilen aus der Märchensammlung zu streichen, weist Gamal al-Ghitani entschlossen zurück: Kein einziger Buchstabe dürfe zensiert werden, der Text müsse so erhalten bleiben, wie er ist. In seinem Vortrag betont Gamal al-Ghitani, der Aufruhr um »1001 Nacht« werde auch als Streit um die Meinungsfreiheit verstanden. Die Veröffentlichung der Märchensammlung gehöre zu den wichtigsten der arabischen Welt.

Auch die Erlanger Wissenschaftlerin Claudia Ott, die den Literaturklassiker ins Deutsche übersetzt hat und auch an diesem Abend die Rede übersetzt, teilt seine Meinung. Sie hält es für Unsinn, das Buch auf die sittlich anstößigen Stellen oder Worte zu reduzieren.

Gamal al-Ghitani selbst hat »1001« Nacht zum ersten Mal gelesen, als er jünger als zehn Jahre war. Und seit dem immer und immer wieder. Besonders fasziniere ihn an dem Werk der Weltliteratur die Beziehung vom Teil zum Ganzen, die sich auch in Architektur und Ornamentik wieder finde. Wie die Märchensammlung, so sei auch das Leben nichts anderes als aneinander gereihte Erzählungen. Wenn das aufhöre, höre auch die Fantasie auf.

Der Schriftsteller hat bereits mehrere Ausgaben der Märchensammlung veröffentlicht, unter anderen eine indische Ausgabe. Die Ausgabe, die derzeit in der Kritik steht, ist ein Nachdruck der Bulaq-Ausgabe, einer der Hauptvertreter der ägyptischen Rezension von »1001 Nacht«.

Für Gamal al-Ghitani steht fest: Der Aufruhr, den einige religiöse Extremisten heraufbeschworen haben, werde ihn nicht daran hindern, weiterhin zu veröffentlichen. Unter heftigem Applaus beendet Gamal al-Ghitani seine Festrede. Sie ist Auftakt des Workshops, zu dem Experten aus aller Welt angereist sind. Im Mittelpunkt ihrer Tagung stehen seltene und weitgehend unerforschte arabische Bilderhandschriften von »1001 Nacht«. 

Hanni Kinadeter

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