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Stapellauf eines neuen Verlags

Die Literaturzeitschrift „Seitenstechen“ ist das Flaggschiff von „homunculus“ - 07.09.2015 18:25 Uhr

Die Erlanger Studenten Laura Jacobi, Joseph Reinthaler (Mitte) und Philip Krömer, die zum Foto: Clemens Heydenreich © Foto: Clemens Heydenreich


Noch liegt es auf dem Trockendock, das Flaggschiff. Doch geht es nur noch darum, das Deck zu schrubben und die Takellagen zu prüfen: Die Kajüten sind längst gezimmert, liebevoll dekoriert und sogar schon ausgebucht, und fest steht, dass am 16. September in See gestochen wird. Und ziemlich feststehen dürfte auch, dass die Kulturmedien reichlich maritime Metaphern wie die obigen vom Stapel lassen werden, wenn es soweit ist: Denn die Debütnummer der Literaturzeitschrift „Seitenstechen“, die das aufwendigste Projekt des neuen Erlanger Verlags „homunculus“ ist, hat sich das Thema der Seefahrt auf die Fahne, pardon: Flagge geschrieben.

Vier Studenten als Herausgeber

„Literatur für alle Zeiten“: Das Cover der Debütnummer der überregionalen und ambitionierten Literaturzeitschrift „Seitenstechen“. © Repro: Verlag „homunculus“


"Seitenstechen“ soll künftig – mit einem Umfang von plusminus 200 Seiten – jährlich unter einem übergreifenden Thema stehen. Das Besondere: Dieses jeweilige Thema soll – ungefähr im Verhältnis 50:50 – neue Literatur und Grafik mit älterer vereinen, deren Wiederentdeckung sich lohnt – so ist etwa das Debütmotto „Seefahren macht besser“ einem Text des Autors Klabund (1890—1928) entlehnt. Ein Konzept, das an das legendäre Literaturmagazin „Der Rabe“ erinnert – nur, dass die Herausgeber ihren hohen philologischen Anspruch (Verlagsmotto: „Literatur für alle Zeiten“) mit einem buchkünstlerischen verbinden, den der Zürcher Haffmans Verlag nicht leisten konnte.

Die Herausgeber, das sind vier Erlanger Studenten: Joseph Reinthaler, Philip Krömer, Laura Jacobi und Sebastian Frenzel. Angeblich – so ganz genau kann Reinthaler die Entstehung der Verlags-Idee selbst nicht mehr herleiten – war es einer dieser sprichwörtlichen spätnächtlichen Party-Geistesblitze, der die Viererbande dazu inspirierte, ihre Studienkenntnisse über Literaturgeschichte, Literaturbetrieb, Buchmarkt und Editionspraxis in die Tat umzusetzen und eine „GbR“ zu gründen. Was dabei herauskam, zeigt allemal, dass die vier mit allen Wassern der Marktanalyse, Drucktechnik, PR und Formulierungskunst gewaschen sind: Ihre Webseite sowie ein 16-seitiger Printkatalog versprechen ein Debütprogramm von hohem Anspruch.

Sarkastisches Christus-Drama

Es umfasst – im Kleinen – bereits alle Produktgenres, die typischerweise auch große Verlagshäuser anbieten. Da wäre zum einen natürlich das klassische, nun ja: Buch. In diesem Sektor setzen die Jungverleger vorderhand auf lizenzfreie Texte verstorbener Autoren. Doch ist es ihnen nicht darum zu tun, den Grabbelkistenmarkt mit weiteren lieblosen Faksimiles zu fluten. Vielmehr möchten sie Werken, die zu Unrecht vergessen und/oder lange nicht mehr gedruckt worden sind, neue Beachtung einbringen – etwa dem bitter sarkastischen Christus-Drama „Die schlimme Botschaft“ von Carl Einstein, das 1921 erschien und aus juristischen Gründen umgehend eingestampft wurde.

Neben dem verhinderten Klassiker des deutschen Avantgardisten steht ein unbestrittener aus dem England des 19. Jahrhunderts: Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ bringen die Erlanger in einer augenschmeichelnden Schmuckausgabe heraus – angereichert mit Originalillustrationen sowie einem historischen Stadtplan des viktorianischen London. Ein ideales Geschenk zum Christfest – und natürlich spekulieren die vier „Homunculi“ mit diesem Titel ganz unverhohlen aufs Dezembergeschäft. Überdies im Buchportfolio: Eine – mit drei Bänden startende – Anthologie-Reihe namens „Krimi(nal)geschichte(n)“, die mit klassischen Texten von Schiller bis Poe nicht nur für Gänsehaut sorgen, sondern zugleich einen Überblick über die Entwicklung des Krimi-Genres bieten will.

Und selbst ein „Non-book“ hat der Verlag im Programm: „Monster!“, ein im Cartoon-Stil illustriertes Trumpfkartenspiel. Wer es zur Hand nimmt und Melvilles Moby Dick gegen Hauffs Holländer-Michel, Kafkas Ungeziefer gegen Lovecrafts Cthulhu ausspielt, der braucht die Originaltexte nicht zu kennen – bekommt aber vielleicht spielerisch Lust darauf, dies zu ändern.

Rentable Kleinauflagen

Um ihr Startprogramm zu konzipieren, ackerten die vier über Monate hinweg unbezahlt und im Alleingang: „Von Konzepten wie ‚Freizeit‘ haben wir uns verabschiedet“, formuliert Philip Krömer es trocken. Zupass kam ihnen dabei freilich, dass – wie Joseph Reinthaler ergänzt – „gute Zeiten für Independent-Verlage herrschen“: In den vergangenen Jahren haben sich spezielle Messen etabliert, seit 2000 bemüht sich die „Kurt-Wolff-Stiftung“ mit Förderpreisen um die Vielfalt der Kleinverlage und ihres Literaturangebots. Und Kleinauflagen sind heute, anders als früher, rentabel herzustellen: Europas größter Druckereienverbund CPI, bei dem auch „homunculus“ drucken lässt, setzt, um seine hochmodernen Maschinen auszulasten, bewusst auf die Summe vieler Kleinauflagen – auf die sich auch größere Verlage oft beschränken, um ihr Risiko zu senken.

Und nicht zuletzt geben die Segnungen des „web2.0“ ambitionierten Kleinverlegern Rückenwind: Die 1000 Euro, die für die Herstellung von „Seitenstechen“ nötig waren, kamen durch eine Crowdfunding-Plattform herein. Und die Ausschreibung für ihre Texte, die im Sommer über mehrere Mailverteiler lief, brachte den Herausgebern binnen weniger Wochen über 300 Beiträge ein, von denen nun 19 gedruckt werden – darunter Texte aus der Feder bekannter Autoren wie Lutz Rathenow, SAID, Peter Wawerzinek und Christian Schloyer.

Diese Textakquise übrigens war nicht zuletzt auch ein groß angelegter Fischzug nach möglichen künftigen Hausautoren: „Sobald wir finanziell gut genug aufgestellt sind,“ sagt Reinthaler, „wollen wir auch aktuelle Autoren aufnehmen – auch, um nicht wie ein reiner Klassikerverlag zu wirken.“ Was die Verleger übrigens auch schon an Land gezogen haben, ist die Finanzierung für die zweite Nummer ihrer Zeitschrift: „Dunkle Energie“ wird deren Thema sein. Ein physikalisches also – und mit ihm ließ sich als Sponsor das „Erlanger Zentrum für Literatur und Naturwissenschaften (ELINAS)“ ins Boot holen. „Seitenstechen“ Nummer 2 soll (das einzige Ziel, das heuer für die Erstausgabe bei allem Ehrgeiz nicht zu erreichen war) rechtzeitig zum Erlanger Poetenfest erscheinen.

Info: www.homunculus-verlag.de 

CLEMENS HEYDENREICH

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