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Zur Rechtsberatung in das Café Asyl in Erlangen

Vielfältiges Ehrenamt: Jura-Studenten bieten Sprechstunden für Flüchtlinge an - 27.11.2015 10:00 Uhr

Bei ihrem Ehrenamt lernen die jungen Studierenden selbst etwas dazu — und können gleichzeitig Flüchtlingen helfen: Lukas Papaioannou, Franziska Oehm und Samira Meis (von links) bei einer Sprechstunde in Erlangen. © Harald Sippel


Eigentlich könnte die Jurastudentin Samira Meis an diesem Dienstagabend einmal abschalten, irgend etwas anderes tun, sich mit Freunden treffen zum Beispiel, ausgehen oder auch ausruhen. Fernab von Gesetzestexten und Paragrafen — genau damit aber beschäftigt sich die junge Frau in ihrer Freizeit und ehrenamtlich.

Deshalb sitzt die 24-Jährige auch jetzt wieder in „Der Villa“ — dem Bürgertreff in der Äußeren Brucker Straße, der seit wenigen Wochen als Café Asyl verschiedene Angebote für Flüchtlinge vereint —, mit vielen juristischen Standardwerken an einem langen Tisch. Sie wartet gemeinsam mit ihren Kommilitonen Franziska Oehm (27) und Lukas Papaioannou (26) auf Menschen, die in diesen Tagen Rechtsberatung bitter nötig haben: Flüchtlinge aus allen Krisenländern der Welt.

Für Samira Meis ist es selbstverständlich, sich für die Gesellschaft einzusetzen. Das Thema Asylbewerber liegt der Erlangerin seit ihrem Praktikum bei der zuständigen Abteilung der deutschen UN-Vertretung in Genf besonders am Herzen.

Außerdem erfährt die angehende Juristin im sechsten Fachsemester dabei noch gleich etwas aus ihrer Disziplin: „Ich selbst habe von dem Ehrenamt doch auch etwas — schließlich kriege ich auf diese Weise viel über das komplizierte Ausländer- und Asylrecht mit.“ So ganz ohne Einarbeitung ins schwierige Metier geht es aber für die jungen Jura-Studenten nicht: Regelmäßig finden Schulungen statt, in denen zum Beispiel Beratungsstunden simuliert werden.

Franziska Oehm hat die ungewöhnliche Initiative, den Verein Refugee Law Clinic an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg, zum vergangenen Sommersemester gegründet. Bei dieser Organisation, die aus den USA stammt, sind angehende Juristen für Menschen tätig, die sich keinen Anwalt leisten können.

Franziska Oehm, die in Jura promoviert, konnte für einführende Blockseminare neben Asylrechtsanwälten und Psychologen auch Professor Andreas Funke vom Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht gewinnen. Zudem absolvieren die Jura-Studenten Praktika bei Fachanwälten — und steigen dann gut gerüstet in ihre ehrenamtliche Tätigkeit ein.

Diese Vorbereitung hält Franziska Oehm zur Qualitätssicherung für enorm wichtig. Allerdings betont die 27-Jährige gleich mehrmals, dass eine Beratung keinen „echten“, also einen ausgebildeten Anwalt ersetzt: „Wir geben keine Bleibe-Prognosen ab“, sagt sie, „und wecken auf gar keinen Fall falsche Hoffnungen“.

Aber die Studierenden können den Asylsuchenden sagen, was sie beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge womöglich erwartet, wie ein Asylverfahren abläuft und auf welche Fragen sie vorbereitet sein müssen. Auch ein Dolmetscher, den die Ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuung in Erlangen (Efie) den Jura-Studenten vermittelt, ist bei den Studenten-Sprechstunden meistens dabei — und übersetzt die Geschichten der Äthiopier, Türken oder Syrer ins Deutsche.

Genau diese Geschichten sind es, die die Studenten aufwühlen: „Die Erzählungen gehen einem unter die Haut, das lässt sich nicht immer leicht verarbeiten — aber wir sind froh, dass wir als Studierende etwas tun können“, sagt Franziska Oehm.

*Froh, dass sie etwas tun können, sind auch die zahlreichen Studierenden, die sich ehrenamtlich zu Sprach- und Integrationskursen mit Flüchtlingen treffen. Die Soziologie-Studentin Beatrice Müller ist eine davon. „Wir haben die Flüchtlinge in unserer Universitätsstadt gesehen und gedacht, dass wir etwas tun müssen.“ Zugleich haben in den vergangenen Monaten die rechten Aufmärsche zugenommen. „Dagegen wollten wir etwas tun“, sagt die 23-Jährige vom Referat gegen Diskriminierung und Rassismus der Studierendenvertretung.

Vor wenigen Wochen riefen sie eine Art Tandem-Projekt ins Leben: Deutsche Studierende lernen mit einem Asylbewerber Deutsch und bringen ihm darüber hinaus die Universitätsstadt und das Studentenleben näher. Erste Treffen zwischen Flüchtlingen und Studierenden haben bereits stattgefunden, die geknüpften Kontakte laufen gut.

Ohnehin kommt die Initiative bei den jungen Menschen so gut an, dass lange nicht jeder bereitwillige Freiwillige einen ausländischen Studenten bekommen kann: „Uns erreichen unzählige Mails von Kommilitonen, die auch einen Flüchtling betreuen möchten — aber wir müssen ihnen leider absagen.“ Der Grund: Oft mangelt es an ausreichenden Sprachkenntnissen: „Wenn die Asylbewerber absolut kein Wort Deutsch sprechen, können ihnen die Studierenden auch nicht weiter helfen“, erzählt Beatrice Müller. Zudem haben die wenigsten Flüchtlinge einen ausreichenden Schulabschluss, um an eine deutsche Uni gehen zu können.

Dass nun zunehmend Flüchtlinge nach Erlangen kommen, die weder Papiere noch Zeugnisse dabei haben, beobachtet auch Brigitte Perlick, die Leiterin des Referats für Internationale Angelegenheiten (RIA) an der FAU. „Daran merkt man, dass die Fluchtbedingungen und -umstände immer chaotischer werden“, berichtet sie.

Dennoch haben Perlick und ihr Team in der Helmstraße — das eigentlich für alle Auslandsaktivitäten der Universität zuständig ist und die Flüchtlingskurse zusätzlich anbietet —, alle Hände voll zu tun. Allein seit Juli hat die Abteilung 900 Orientierungsgespräche mit studierwilligen Flüchtlingen geführt.

Die Asylbewerber kommen dabei nicht nur aus Erlangen und der Region, sondern bis aus der Oberpfalz. Kein Wunder: Die FAU hat mit ihrem speziellen Willkommens-Programm für junge Flüchtlinge bundesweit Vorzeige- und Vorbildcharakter.

  

SHARON CHAFFIN

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