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Islam: Professor fordert differenziertes Denken

Netzwerk für Respekt und Tolernanz hatte in die Herder-Aula geladen. - 02.06.2016 10:00 Uhr

Mathias Rohe (2. v. li), Pfarrer Christian Muschler und Pastoralreferent Stefan Ahr (beide vom Netzwek für Respekt und Toleranz) sowie Atilla Karabag und Coskun Ilgar im Herder-Gymnasium. © Foto: Udo Güldner


„Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir schreiben der Religion oft Dinge zu, die ganz andere Ursachen haben. Die Gewalt ist nicht charakteristisch für den Islam“, so Mathias Rohe. Es gehe dem Islam nicht um einen Machtanspruch oder gar einen Staat, sondern um eine Moral, um ethisches Verhalten. „Der IS knüpft nicht an die historische Praxis des Islam an.“

Der derzeit in weiten Teilen sehr emotional geführten Diskussion setzte der Islamwissenschaftler, der nicht nur den Koran auswendig rezitieren, übersetzen und kommentieren kann, eine nüchterne Argumentation entgegen. Seine wissenschaftliche Bestandsaufnahme sparte die Probleme nicht aus, redete aber der Differenzierung „und nicht den gnadenlosen Vereinfachern von Pegida oder AfD“ das Wort, „deren Grundsatzprogramm teilweise verfassungswidrig ist“.

„Eine Vergewaltigung wie in Kersbach ist eine Einzeltat. Sie hat nichts mit der Nationalität oder Religion des Täters zu tun. Schließlich gibt es viele andere, die über niemanden herfallen.“ Vielmehr sei die Gewalt gegen Frauen und auch Kinder ein kulturelles Problem, das auf einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur beruhe, die man durchaus auch außerhalb des Nahen Ostens finde. Bei württembergischen Pietisten, südostasiatischen Eltern oder auch in Franken beheimateten Sekten. „Hier gilt das staatliche Gewaltmonopol, um den Schwächeren zu schützen und den Tätern klarzumachen, dass das bei uns so nicht geht.“

Dass er sich mit der rechtlichen Klärung alltäglicher Fragen beschäftigt, zeigten die Beispiele, mit denen der Jurist seinen leicht verständlichen Vortrag illustrierte. „Unser deutscher Rechtsstaat funktioniert verlässlich.“ Auch wenn die Religionsfreiheit garantiert werde, würden Muslime doch genauso behandelt wie alle anderen auch. Das gelte für die Frage des Kopftuches, das eine äußere Frömmigkeit signalisiere.

In Deutschland gebe es ganz andere, reale Schwierigkeiten, denen man mit Recht und Gesetz beikommen müsse. Ein Beispiel: Die Teilnahme muslimischer Mädchen am Schwimmunterricht. „Es ist lebenswichtig, dass die Kinder schwimmen lernen.“

„Allah schreibt nichts vor, was den Menschen schadet“, so Mathias Rohe, der nicht nur in Tübingen, sondern auch in Damaskus studiert hat. Deshalb gelte es, auf allen Seiten entspannt zu bleiben und dem anderen zuzuhören. Es gehe immer darum, verträgliche Lösungen im Zusammenleben zu finden, um die verhärteten Positionen des „Ihr diskrimiert uns!“ erst gar nicht entstehen zu lassen.

Für die Zukunft wünschte er sich eine bundesweite muslimische Gefangenenseelsorge, um den Extremisten die Nachwuchsgewinnung zu erschweren. „Die Salafisten rekrutieren ihre meisten Anhänger unter Kleinkriminellen, die sie hinter Gittern für ihre Sache begeistern.“ Mathias Rohe betrachtete die Dinge genau, auch wenn das einfache Antworten erschwerte. Er plädierte gegen Pauschalisierungen und für mehr persönliche Begegnungen, um der „abstrakten Angst vor dem Islam“ die Grundlage zu entziehen. Und er forderte von beiden Seiten ein Aufeinanderzugehen. 

UDO GÜLDNER

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