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Albtraum Eigenheim in der Fürther Hirschenstraße

Dauerbaustelle zerrt an den Nerven - 13.09.2016 21:00 Uhr

Von provisorisch zusammengezimmerten Balkonen blicken die neuen Bewohner der ehemaligen Textilfabrik Jean Mandel direkt auf die Bahngleise. Das Gebäude hat stellenweise Rohbaucharakter. © Foto: Ulrich Schuster


Vor dem unverputzten Mauerwerk im Treppenhaus baumelt ein Strang Elektroleitungen. Blank liegen auch die Nerven von Bert und Janet Kämpfer, die seit 23. Dezember 2014 im ersten Stock wohnen. Eine mit Dachpappe belegte Holzkonstruktion mit unverstellter Aussicht auf die Bahngleise nennt sich Balkon. Das Notgeländer besteht aus ein paar alten Dachlatten. Vor die mit einer provisorischen Klingel versehenen Abschlusstür hat das Ehepaar Lappen ausgebreitet, damit der Baustaub nicht in die Wohnung getragen wird.

Scheinbar günstig

Vor dem Umzug zahlten die beiden 1500 Euro im Monat für ihre Mietwohnung. Da erschien ihnen die 78 Quadratmeter große Eigentumswohnung für 189 000 Euro als günstige Gelegenheit. Doch es haperte von Anfang an. Weil die Wohnung nicht zum vereinbarten Termin ausgebaut war, die Kämpfers aber schon gekündigt hatten, brachte sie der Nürnberger Projektentwickler Ferdi Güldiken drei Monate lang in wechselnden Pensionen und Ferienwohnungen unter. Auch beim Einzug lag noch vieles im Argen. Doch vertraute das Paar auf die Versprechungen des Verkäufers, alles bald fertigzustellen. Dass es nicht so gekommen ist, dafür macht Güldiken auf Nachfrage der Fürther Nachrichten die Baufirma verantwortlich, die in Konkurs gegangen sei. „In zwei Monaten“, so versichert der Nürnberger knapp, solle der Bau jedoch abgeschlossen werden.

Auflagen der Stadt

Die kommunale Bauaufsicht hat ihn schon länger im Visier. Mit Auflagen und Fristsetzungen übt sie Druck aus. Doch Baureferent Joachim Krauße warnt davor, die rechtlichen Möglichkeiten bauaufsichtlicher Maßnahmen zu überschätzen. „Wenn alles nichts hilft“, so Christine Lippert, Technische Leiterin der städtischen Gebäudewirtschaft, „müssen wir die Wohnungsnutzung untersagen“. Eine Drohung. die freilich die Falschen trifft, denn die neuen Bewohner stehen mit dem Rücken zur Wand.

Natürlich haben sie nicht gleich den vollen Kaufpreis bezahlt, sondern nur Raten nach Baufortschritt. Doch ließen sie sich nach eigener Einschätzung in ihrer Gutgläubigkeit immer wieder über den Tisch ziehen.

90 Prozent des Kaufpreises habe sie schon bezahlt, berichtet Barbara Tietz, die seit November 2014 im Erdgeschoss unter Bert und Janet Kämpfer lebt. Tragisch war ihr Umzug, weil er sie nach eigenen Worten den Job kostete. Sie handelte mit Sanitätsbedarf und benötigte als Lagerraum einen trockenen Keller. Doch ein Wasserschaden vernichtete ihren ganzen Warenbestand. Auch die Kämpfers sind angeschlagen. Dass die neuen Fenster nicht einwandfrei funktionieren, bemerkten sie beispielsweise erst, nachdem die Kaufpreisrate dafür bezahlt war. 85 Prozent der Gesamtsumme seien inzwischen überwiesen, sagt Bert Kämpfer. Doch große Bereiche der Baustelle harren noch immer ihrer Fertigstellung. So fehlen etwa die für den Brandschutz erforderlichen neuen Haustüren. Auch von der Erneuerung des maroden Daches, durch das es bereits in die Wohnung der Kämpfers geregnet hat, ist noch wenig zu sehen, und in den Fassaden klaffen große Löcher. Sechs Parteien wohnen derzeit – umgeben von Unfallgefahren – provisorisch auf der Baustelle. Darunter sind auch Kinder. Ein Rechtsanwalt, an den sich Barbara Tietz und Janet Kämpfer hilfesuchend gewandt hatten, machte ihnen wenig Hoffnungen, die schnellere Fertigstellung auf juristischem Weg zu erreichen. Den finanziellen Hebel haben die neuen Bewohner schließlich weitgehend aus der Hand gegeben. Und ob der Projektentwickler zur Fertigstellung überhaupt in der Lage ist, darüber können sie nur spekulieren. 

Volker Dittmar

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