Mittwoch, 19.12.2018

|

Als Thomas Mann aus Versehen nach Fürth kam

Die Stadt und die Literatur, Teil zwei: Von farbigen Impressionen und einer schicksalhaften Straßenbahnfahrt - 16.02.2011 13:00 Uhr

Nach dem romantischen Zeitalter lassen die Literaten Fürth eher links liegen. Erst an der Schwelle zum 20. Jahrhundert taucht der Name wieder ab und an in unterschiedlichsten Zusammenhängen in Büchern, Artikeln und Erinnerungen auf.

„Ich bin in Fürth gut aufgenommen worden, man hat mir da sehr geholfen“: Schriftsteller Sten Nadolny, hier 2004 am Rande der Verleihung des Fürther Jakob-Wassermann-Preises mit weiblichem Fan, zeigt sich Fürth verbunden. © Hans-Joachim Winckler




Lion Feuchtwanger zum Beispiel, der ja ohnehin familienbedingt eine Beziehung zu Fürth hatte, Feuchtwanger also lässt in seinem Roman „Jud Süß“ einen Hingerichteten „auf einem Karren nach Fürth“ zum Judenfriedhof schieben; Ludwig Thoma streut den Namen der Stadt eher beiläufig in seine Geschichte „Der Bader“ ein: „Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, dass unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen. Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, dass man daheim hie und da etwas Tröstliches vernommen hat, so zum Beispiel, dass einer vom Leibregiment Fürth zehn Leberknödel und 2 Pfund Fleisch in sich aufnahm...“

Der Nürnberger Hermann Kesten — unfreiwilliger Weltbürger, weil ihn die Nazis ins Exil trieben — schwärmt in seiner Novelle „Emilie“: „...wo die engen Straßen mit Sonne gepflastert, mit vielen geputzten Menschen bestreut sind ... Fürth, leuchtend, schien ein farbiger Vorort Italiens.“

Dass Dichter mitunter lügen, wenn man sie druckt, ist aber bekannt; und in einem Brief von 1929 hört sich die Begeisterung des überzeugten Nürnbergers Kesten über Fürth schon ganz anders, typisch und unverblümt ironisch an: „Berlin... Berlin ist eine Stadt, in der ich schon längere Zeit (bald ein Jahr) lebe und die mich langweilt. Ich will nicht übertreiben und sie mit Fürth vergleichen, aber...“ Hier bricht Kesten gnädig ab.

Beginn einer lebenslangen Freundschaft

Hier ist nun der Ort, an dem man kleine Geschichten einfügen kann, die ihrerseits zwar keine Literatur sind, dafür aber etwas mit wirklichen Literaten zu tun haben — zunächst einmal mit Thomas Mann. Der war im Jahr 1924 in Nürnberg in die Straßenbahnlinie 21 eingestiegen — und vergaß auszusteigen. So wurde Mann also ganz automatisch nach Fürth kutschiert („Flößaustraße“!), ob er wollte oder nicht.

Zufällig kam er in der Bahn mit einer jungen Dame ins Gespräch. Und diese Begegnung veränderte das Leben beider Personen. Die Frau war ein Fan von Mann und der engagierte sie spontan. Und so wurde aus der jüdischen Buchhändlerin Ida Herz die „Archivarin des Zauberers“, wie man sie später bewundernd nannte. Ihre Aufgabe nämlich war es fortan, die Mann’sche Bibliothek zu ordnen.

Das Treffen zwischen Thomas Mann und Ida Herz auf Fürther Boden im Jahr 1924 war, wie die Literaturwissenschaftlerin Käte Hamburger in einem Nachruf 1984 in der FAZ schrieb, „der Beginn der lebenslangen Freundschaft, die Ida Herz mit dem Hause Mann verband. Es war eine Freundschaft, die für die Thomas-Mann-Forschung fruchtbar geworden ist“.

Die andere non-fiktive Geschichte betrifft Jurek Becker („Jakob, der Lügner“). In einer Biografie über den 1997 verstorbenen Autor konnte man Seltsames über dessen Vater lesen: „Als seinen Geburtsort nannte er Fürth in Bayern. Damit war er nicht Pole (und Jude), sondern Deutscher (und Jude). Recherchen ergaben, dass er sich für Fürth entschieden hatte, weil das dortige Rathaus bei einem Bombenangriff völlig zerstört worden war.“ Der Biograf erzählt natürlich Unsinn, denn Zerstörung dieser Art gab es in Fürth nicht.

Als Geburtsort Fürth gewählt

Tatsache allerdings bleibt, dass der polnische Jude Max Becker für sich und seinen Sohn Jurek nach dem Nazi-Wahnsinn, den sie wunderbarerweise überlebt hatten, im Osten Deutschlands eine neue Identität suchte. Als in Polen geborene Juden ohne „antifaschistische Leistungen“ standen sie dort auf der Verliererseite. Also schrieb der Vater die Biografie ein wenig um, machte aus sich einen Deutschen und wurde als „Opfer des Faschismus“ anerkannt.

Warum er als Geburtsort ausgerechnet Fürth wählte, bleibt unergründlich. Wusste er von der großen jüdischen Vergangenheit der Stadt? Der Name hat auf jeden Fall geholfen: Die kleine Familie hatte die Konzentrationslager überlebt und konnte eine neue, sichere Existenz beginnen. Und aus dem kleinen Jurek, dessen Vater „aus Fürth“ kam, das er nie gesehen hatte, wurde einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit.

Kehren wir aber nochmals von der Wirklichkeit in die Fiktion zurück. In ihr bewegte sich 2003 der Schriftsteller Sten Nadolny, dessen „Ullsteinroman“ just an dem Tag der Fahrt der ersten Eisenbahn beginnt. Und den — diesmal wirklich! — in Fürth ge-

borenen jüdischen Verleger Leopold Ullstein lässt Nadolny später räsonieren: „Und dass es ihn selbst noch nicht gab, egal ob er Löb oder Leopold hieß, er war ein Ladenhüter aus Fürth oder Fiorda ... Er fürchtete sich vor der lauernden Behäbigkeit dieser Stadt und davor, dass er selbst auch so werden, dem Bier verfallen und schließlich ein schlechtgelaunter Papierhändler mit Bauch werden könnte.“

„Nicht die größte Schönheit“

Es kam anders, wie wir wissen, freilich nicht in Fürth, sondern in Berlin. Nadolny wiederum entdeckte im Rahmen seiner Recherchen vor Ort durchaus Reizvolles an der Stadt, wenn-gleich er dann aber doch irgendwie wieder seinem Helden recht geben musste. In einem Interview meinte er:

„Ich bin in Fürth gut aufgenommen worden, man hat mir da sehr geholfen. Ich liebe alle Städte, in denen ich recherchiere, zumindest dauert es nicht lange bis ich sie liebe. Weil dieses leicht raubtierhafte Herumschleichen in einer Stadt, das lässt sie leuchten, mehr als wenn man die kunsthistorischen Hinterlassenschaften besichtigt. Aber ich habe schon auch gesehen, es ist unter den deutschen Städten nicht die größte Schönheit, man tut ihr keinen Tort an, wenn man das sagt, das wurde auch von anderen immer wieder gesagt, dass das ein bisschen grau und steinern gewirkt hat auf sie.“

Lassen wir diesen (längst nicht vollständigen) literarischen Blick auf Fürth aber versöhnlich ausklingen. Mit Irina Liebmann zum Beispiel. Die in Moskau geborene und in der DDR aufgewachsene Autorin hatte sich sieben Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung auf eine lange Reise durch das „neue“ Land begeben, auf der sie auch in Fürth vorbeikam.

Und sie staunte: „Jetzt sah ich’s wieder, und was ich vergessen hatte: Es liefen Kinder überall und spielten Ball und hopsten auf den Straßen, aus Autos tönte laut Musik, und schwarzgelockte Männer saßen drin und redeten und lachten. In dieser Stadt, die ihren Juden immer mehr Freiheiten gegeben hat als sonst in Deutschland irgendwo ein Ort, da wohnten heute Ausländer und lachten!“

  

Bernd Noack

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth