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Auf der Suche nach der guten alten Einkaufszeit

Fürth war früher mit Geschäften bestens versorgt - 31.01.2011 12:30 Uhr

Mancher Hinweis auf das früher hier blühende Geschäftsleben, wie diese Goldlettern an der Sandsteinfassade in der Blumenstraße 13, finden sich auch heute noch. © Mark Johnston


In seinem soeben erschienenen Roman „Eine Straße in Franken“ (Kristina Probst Verlag) beschreibt der in Erlangen lebende Autor Marius Prévot seine Kinder- und Jugendzeit in einer sehr überschaubaren Welt — die zumindest Fürth-Insider unschwer als ein Stückchen Hirschenstraße wiedererkennen werden. Dieses lesenswerte Buch ist vor allem aus einem Grund interessant: Prévot erzählt leidenschaftlich und liebevoll von der untergegangenen Welt der kleinen Läden und Geschäfte, der Handwerksbetriebe und Kontore, die es mitten in Fürth vor und auch noch lange Zeit nach dem Krieg gab, und die so typisch hier waren für ein kleinstädtisches Flair.

Damals (das Buch spielt unmittelbar nach 1945) machte man sich noch keine Gedanken, ob man in einer „Einkaufsstadt“ wohnt, man sprach nicht über Kaufkraft oder Standortanalyse, man schielte nicht nach exklusiven Auslagen und potente Investoren verirrten sich sowieso nicht hierher. Und trotzdem stimmte die Struktur, wie man heute sagen würde: Alles war von der Wohnung aus und auf einen Sprung problemlos erreichbar.

Ein Wannenbad ums Eck

Bäcker, Metzger und Friseur lagen um die Ecke, ein Lebensmittelladen nicht weit weg, eine Werkstatt (wofür auch immer) gleich nebenan, das Wannenbad ein paar Meter entfernt, Schrauben gab es beim „Eisen-Dingsda“. Und dazwischen immer wieder Läden, die Dinge des Alltags anboten, von denen man nie wirklich wusste, ob man sie auch braucht.

An die Hutmacherin zum Beispiel erinnert sich Prévot, an den Buchhändler, der mehr Geduld als Geschäftssinn hatte, oder an einen, den besonders die Kinder in ihr Herz geschlossen hatten: den „Inhaber eines Spielwarengeschäfts gegenüber der Sparkasse, eines großen Eckladens an der Straßenkreuzung mit angegliederter Kinderwagenabteilung, die mit der Zeit noch einige zusätzliche Schaufenster entlang unserer Straße beanspruchte; über dem von einer Eisensäule abgestützten Vordach (hinter dem sich zurückgesetzt der im Dunkel liegende Eingang befand) der von weitem sichtbare Schriftzug ,KORB WELLER‘, er direkt darunter in bekannter Pose, Ausschau haltend nach Kunden, dabei rasch auflösenden Rauch in den trägen Nachmittag blasend, an dem niemand etwas kaufen wollte...“

Herr Weller

Zu diesen Läden, oft verwinkelt und mit Hinterzimmern, die wie Wohnräume wirkten, gehörten Typen wie eben der Herr Weller, der Herr Meyer, der Herr Walter, der Herr Schöll. Man kannte den Wirt von der Eckkneipe ebenso seit Jahrzehnten und mit Namen wie den Friseur. Die persönliche Bindung, neben der Vielfalt, dem selbstverständlichen Miteinander der unterschiedlichsten Waren und Dienstleistungen, machten das Lebens- und Liebenswerte einer kleinen Stadt aus, die sich nicht aufmanteln wollte zu einem marktanalytisch perfekt durchdachtem Einkaufsparadies. Sie war perfekt und nützlich zugleich.

Dabei geht es gar nicht um den nostalgisch verklärten Blick in eine auch nur bedingt gute alte Zeit; aber man sucht Spuren und macht sich Gedanken, warum das alles verschwunden ist. Man geht durch die alte Stadt und findet sie immer noch, die Gerippe der aufgelassenen Läden: An manchen Fassaden liest man noch Schriften, hinter manchen verhangenen Scheiben vermutet man Restbestände.

Unergründliche Konsumwelt

Man nehme sich nur einmal ein altes Adressbuch vor, von 1931, und beginne einen Spaziergang durch die unergründliche Konsumwelt im alten Fürth irgendwo. Nicht direkt im Zentrum, wo sich die Geschäfte sowieso aneinanderreihten; lieber ein wenig abseits, wo man wohnte und lebte, schnell mal was besorgen musste — sagen wir: in der Blumenstraße.

Von der Schwabacher Straße aus bis hinunter zum alten jüdischen Friedhof gab es: Lichtspielhaus, Installations- und Radiogeschäft, Konfitürengeschäft, Fisch- und Feinkost-handlung, Musikalienhandlung, Gold-, Silber- und Altertümerverkauf, Hosenträgerfabrik, Lebensmittelgroßhandlung, Stickereigeschäft, Kurz- und Wollwarengroßhandlung, Milchhändler, Staatsbank, Uhren und Goldwaren, Schuhwaren, Buchdruckerei, Molkereiprodukte, Papierhandlung, Fabrik pharmazeutischer Spezialitäten, Brillenfabrik, Eisengießer, Molkereiprodukte, Öle- und Fetthandlung, Fahrradhandlung und Reparaturwerkstätte, Spiegelmanufaktur, Lederzurichter, Wirtschaft, Kanzlei, Kunstglaserei, Wirtschaft, Bäckerei, Schuhmacher, Metzgerei, Holzausschneider, Konfitürengeschäft, Kolonialwarenhandel, Weiß- und Schnittwarengeschäft, Schreinerei, Spiegelrahmenschreinerei, Musik-Institut, Dekor-Malergeschäft, Vertretung und Fabrikation von Christbaumschmuck, Handel mit Wäsche und Berufskleidung, Drechsler, Friseur, Metzgerei, Fabrikation von Spiel- und Metallwaren...

Gehen wir zurück und in die Theaterstraße, von der Nummer 1 bis zur Nummer 58: Huf- und Wagenschmiedgeschäft, Kolonialwarenhandlung, Kurz- und Schnittwarenhandlung, Tanzlehrinstitut und Saalrestauration, Glasgroßhändler, Arbeitsamt und Sterbekasse, Rind- und Schweinemetzgerei, Lebensmittelgeschäft, Schlosser, Barbiergeschäft, Obsthandlung, Spezereihandlung, Kohlenhändler, Totenschmuckgeschäft, Sackgroßhändler, Wohlfahrtsamt, Metzgereigeschäft, Bäckerei, Lebensmittelgroßhandlung, Färber, Gemischtwarenladen, Verkauf von Molkereiprodukten und Obst, Schirmfabrik mit Laden, Handel mit Baumaterialien, Kupferschmiedegeschäft, Konditorei, Jagd- und Hundedresseur, Zuschneider, Holz- und Kohlenhändler, Elektriker, Landesproduktenhandel, Schuhmacher, Spiegelfabrik, Spezereihandlung, Bäcker, Delikatessengeschäft, Schutzbrillenfabrik...

Handel mit Holz und Kohlen

Bleiben wir in dem Areal, das man gut zu Fuß durchmessen kann, wo jede Querstraße noch zur Nachbarschaft gehört. Die Mathildenstraße: Bankgeschäft, Damenfriseur, Anstreicher, Schneider, Tabakwaren, Wirtschaft, Zigarrenhandlung, Herrenschneider, Drogerie, Vergolderei, Möbelbeschläge, Arzt, Friseur, Möbelschreinerei, Apotheke, Holz- und Kohlenhandlung, Metzgerei, Bäckerei, Milchhandel, Kaffeesurrogat-Fabrik, Dentist, Tapeziergeschäft...

Und noch ein Abstecher in die Hirschenstraße, wo ja die ganze Geschichte begann? Lebensmittelgeschäft, Seifengeschäft, Spiegelfabrik, Tabakwarenladen, Medizinaldrogerie, Arzt, Wirtschaft, Landesproduktenhandel, Metzgerei, Maler und Tüncher, Kolonialwarengeschäft, Wirtschaft, Möbelfabrik, Lebensmittelgeschäft, Zigarrengeschäft, Ledergeschäft, Kleinhandel und Schuhwaren, Sparkasse, Ausstellungslokal des Kunstvereins, Holzwarenfabrikation, Zahnarzt, Volksbad, Konfitürengeschäft, Schreibwarengeschäft, Blechspielwarengeschäft, Schokolade- und Zuckerwarengeschäft, Käsehändler, Lebensmittelhandlung...

Eine gesunde und gewachsene Infrastruktur würde man das heute nennen. Und Kopfstände machen, um auch nur annähernd eine derartig bunte Angebots-, Waren- und Dienstleistungs-Mischung zu bekommen.

Bilderstrecke zum Thema

Auf Spurensuche an Fürther Fassaden


 

Bernd Noack

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