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Badstraße 8: Punks im Herrenanzug

The Nightingales aus Birmingham brechen mit Klischees - 21.03.2016 13:00 Uhr

Sieht nicht aus wie Punk? Ist es aber. Sänger Robert Lloyd in Aktion — mit Bierruhe und Brüllgesang. © Foto: Tim Händel


Zum Beispiel mit dem Konzertbeginn. 20 Uhr war annonciert, aber die drei Herren samt der Dame am Schlagzeug stimmen ihre Weisen erst dann an, wenn sich genügend Publikum versammelt hat. Die Fürther wiederum lassen sich Zeit, studieren die Auslagen samt Band-Kondome mit dem Aufdruck „For Fuck’s Sake“, so geht die Schau erst ab zehn vor neun über die Bühne. Dann aber richtig.

Ach ja, Punk oder Postpunk: Wer da nun zerrissene Hemden, löchrige Hosen, schillernde Irokesenkämme und Sicherheitsnadeln in der eitrigen Unterlippe erwartet, liegt denkbar fehl. Das Quartett tritt stattdessen in schnieken schwarzen Herrenanzügen auf, auch die Schuhe sind ohne Fehl und Tadel, teils mit hocherotischem Leopardenfellmuster geziert. Immerhin, das kurze Resthaar der Gentlemen lässt noch einiges von der brutalen Markanz des Punk erahnen, gerade im Kontrast zur schwarzen Mähne der Drummerin Fliss Kitson. Soweit zum Outfit.

Die Songs nun kommen schön krachend daher, wobei Bass und Schlagzeug die Grobmotorik des rauhen Punk weit hinter sich lassen, die Muster kommen tatsächlich reichlich anspruchsvoll herüber, und Alan Apperley entlockt seiner Gitarre Schrubb- und Grunzlaute, wie man sie selten hört. Robert Lloyd wiederum brüllt stoisch ins Mikro, scharwenzelt damit vor dem Publikum herum, überrascht zwischendrin mit einer A-cappella-Einlage und verströmt trotz massivem Einsatz eine Bierruhe, wie man sie nur nach ungezählten Auftritten aufbringt.

Normalerweise dauert so ein Punksong kaum länger als drei oder vier Minuten und endet meist mit einem Brunft- oder Wutschrei. Zum Applaus gibt’s dann eine Stärkung aus der Bierflasche. Die Nightingales aber finden kein Ende. Statt einen Song mit einem krachenden Akkord zu beschließen, hängen sie nahtlos einen Song an den anderen dran. So ergibt sich der Eindruck einer endlosen Suite durch die Abgründe der menschlichen Begierden, Frustrationen und Gelüste. Na ja, endlos für Punkbegriffe. Wer sonst strickt schon eine ganze Stunde lag eine Endlos-Songkette? Solch großformatige Kraftakte sind sonst Prog-Rockgruppen vorbehalten, die der Punk einst aufs Tiefste verachtet hatte. Ja, da sieht man, wie die Zeit vergeht. Der Punk ist salonfähig geworden. 

REINHARD KALB

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